Bundestagsrede von 29.11.2012

Weltwärts

Ulrich Schneider (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Für uns sind Freiwilligendienste eine wichtige Form bürgerschaftlichen Engagements. Der Dienst im Einsatz für eine gute Sache zeichnet sich wesentlich durch sein Bildungs- und Lernprofil sowie den Per-spektivwechsel aus. Besonders wichtig ist mir, dass die Freiwilligendienste in zivilgesellschaftlicher Ausrichtung und Organisation weiterentwickelt werden. -Entsendeorganisationen, Einsatzstellen und Freiwillige müssen in Prozesse der Profilschärfung der Freiwilligendienste als Lern- und Orientierungsdienste viel stärker eingebunden werden.

Erste Schritte zur stärkeren Einbindung zivilgesellschaftlicher Organisationen wurden im Aufbau der -Arbeitsgruppen und der Qualitätssicherung in „weltwärts“ gegangen. Wir hoffen, dass dies keine kurze -Episode bleibt und nicht zum Feigenblatt der Bundesregierung verkommt. Die negativen Erfahrungen mit der ministeriellen Gründung einer „Servicestelle für kommunales und bürgerschaftliches Engagement“ sind noch lange nicht vergessen.

Ein großes Defizit gibt es in der einseitigen Fokussierung auf die Vermittlung Freiwilliger aus Deutschland in andere Länder. An fehlendem Austausch von Freiwilligen leiden alle Freiwilligendienste, ob „weltwärts“, Internationaler Jugendfreiwilligendienst, Anderer Dienst im Ausland, Kulturweit oder FSJ im Ausland. Die Koalition thematisiert in ihrem Antrag die Reverse-Programme erst gar nicht!

Freiwilligendienste geben Einblicke in die vielfältigen Facetten von Gesellschaft und Zivilgesellschaft auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene. Kern der Freiwilligendienste ist aus meiner Sicht genau dieser Perspektivwechsel, ein Austausch, der auf Gegenseitigkeit beruhen muss. Nur so können wir auf Augenhöhe in Dialog treten mit anderen Ländern, uns austauschen und voneinander lernen. Es gibt weder Ansätze für Reverse-Programme, noch ist die Visaproblematik für Freiwillige aus Nicht-EU-Staaten tatsächlich gelöst. Aber gerade das muss unser Ziel in der weiteren Gestaltung der Freiwilligendienste sein.

Seit Beginn des Programms „weltwärts“ sind die -Teilnehmerinnen und Teilnehmer fast ausschließlich Jugendliche mit Fachhochschulreife oder Hochschulreife. Bisher sind alle Versuche gescheitert, Azubis und Menschen mit anderen Bildungsabschlüssen für -Weltwärts zu gewinnen. 97 Prozent der Freiwilligen haben Abitur. Dabei qualifiziert ein Abitur doch nicht automatisch für einen Freiwilligendienst im Ausland. Gerade Menschen mit Berufsausbildung haben praktisches Wissen, welches sie vor Ort einsetzen können. Gerade deshalb müssen Freiwilligendienstplätze ausreichend finanziert sein, damit Jugendliche aus sozial schwachen Elternhäusern einen Dienst leisten können.

Wir fordern, „weltwärts“ mit 5 Millionen Euro jährlich zusätzlich zu fördern. Eine Verdopplung der Mittel im „weltwärts“-Programm, wie es die SPD-Fraktion -fordert, halten wir unter Einhaltung qualitativer Standards kurzfristig nicht für möglich. Die schwarz-gelbe Koalition hat Vorschläge zur Mittelerhöhung in den Haushaltverhandlungen blockiert. Die Mittel für 2013 werden nicht erhöht. So werden gleiche Zugangschancen unmöglich gemacht.

Problematisch ist auch, dass Auszubildende kein Recht zur Rückkehr in ihre Betriebe haben, wenn sie sich entscheiden, einen Freiwilligendienst zu leisten. Hier muss der Gesetzgeber Nägel mit Köpfen machen. Der Vorschlag der Koalition, Jugendliche mit beruflicher Qualifikation besser über Möglichkeiten aufzuklären und Entsendeorganisationen zu sensibilisieren, kann nur ein erster kleiner Schritt sein.

Die Qualitätssicherung in den Freiwilligendiensten ist entscheidend für deren Erfolg. Die Entsendeorganisationen und Einsatzstellen tragen große Verantwortung in der fundierten Vorbereitung der Freiwilligen. Die Evaluation hat gezeigt, dass die Bereitschaft zur Perspektivübernahme und das Verständnis des Dienstes als Lerndienst steigen, je zufriedener die Freiwilligen mit dem Vorbereitungsseminar und mit der Betreuung durch Mentorinnen und Mentoren sind. Hier ist es Aufgabe des Staates, Mindeststandards zu setzen und die Qualität in Freiwilligendiensten regelmäßig zu evaluieren.

Die drei Schritte Vorbereitung auf den Einsatz, Mentoring vor Ort und ausreichende Nachbereitung sind alle gleichbedeutend zentral. Die Erfahrungen der Träger und Einsatzstellen zeigen, dass das persönliche Engagement in der Phase vor Antritt eines -„weltwärts“-Freiwilligendienstes für den erfolgreichen Abschluss eines Freiwilligendienstes wichtig ist.

In der Praxis greifen die Entsendeorganisationen leider oft zur Sammlung von Geldern durch Freiwillige. Spendensammeln für den eigenen Freiwilligendienst halten wir für problematisch. Hier muss stärker auf eine entindividualisierte Spendenpraxis gesetzt werden. Finanzielle Eigenleistungen dürfen auf keinen Fall zum Maßstab der Eignung für einen Freiwilligendienst im Ausland gemacht werden. Eine Pflicht zum Spendensammeln oder zur Gründung eines Unterstützerkreises darf es nicht geben, und es darf niemand aufgrund dessen von einem Dienst ausgeschlossen werden. Deshalb ist es auch so wichtig, genau zu überlegen, wie staatliche Förderung sinnvoll zur Qualitätssicherung und für faire Zugangschancen eingesetzt werden kann.

Zukünftig müssen wir die unterschiedlichen Dienste, die auf unterschiedlichen Ebenen – national, europäisch, international – zusammenwirken sollen, in ein Gesamtkonzept Freiwilligendienste einbetten.

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