Bundestagsrede von Ekin Deligöz 27.09.2012

Kulturelle Bildung für Kinder und Jugendliche

Ekin Deligöz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Mit dem Thema kulturelle Bildung diskutieren wir heute ein Thema, auf das Wissenschaftler und Hirnforscher schon länger hinweisen. Denn mit der Entwicklung der künstlerischen Fähigkeiten verbessern sich auch die sogenannten kognitiven Leistungen. Soziale und emotionale Kompetenzen können gestärkt werden. Besonders für Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Familien kann es einen positiven Einfluss auf ihr Selbstbewusstsein und ihre Persönlichkeitsentwicklung haben, wenn sie in ihrem künstlerischen Ausdruck gefördert werden, als Mitglied einer Band oder auf der Bühne Applaus bekommen und so Bestätigung erfahren. Die grüne Bundestagsfraktion setzt sich daher mit Nachdruck für die Aufwertung künstlerisch-kreativer Bildungsinhalte ein.

Die Bundesregierung hat nun das Programm „Kultur macht stark“ vorgelegt; die ersten Konzepte sind vor kurzem ausgewählt worden. Die Frage ist jedoch, inwiefern Sie mit diesem Programm den Kindern und Akteuren in diesem Bereich wirklich und nachhaltig einen Dienst erweisen. Die Zielsetzung des Programms ist richtig und wichtig, denn es zielt darauf ab, das Potenzial von Kultur und Künsten zur Integration, Entwicklung und Teilhabe benachteiligter Kinder im außerschulischen Bereich zu nutzen. Wir bleiben jedoch skeptisch, weil es sich bei den bereitgestellten Mitteln um zeitlich gebundene Projektmittel handelt und somit für die Antragsteller zu wenig Planungssicherheit herrscht. Was passiert, wenn die Mittel auslaufen. Welche Antwort haben Sie auf die Frage der Anschlussfinanzierung? Auch stellt sich uns die Frage, ob das zweistufige Antragsmodell über die bundesweiten Verbände möglicherweise kleine Initiativen und Vereine vor Ort bei der Antragstellung benachteiligen könnte. Angesichts der Flut an bereits bestehenden Programmen und Projekten im Bildungsbereich ist es kein Verdienst am Bildungswesen, noch ein weiteres Neues zu schaffen. Wichtiger wäre es, diese Art Projekte zu verstetigen und den Verbänden und Initiativen in diesem Bereich eine längerfristige Perspektive zu bieten.

Wir fragen uns auch, weshalb die Bundesregierung nur Projekte mit mindestens drei Kooperationspartnern fördert, während doch mancherorts auch zwei Partner gute Projekte auf die Beine stellen können. Der Förderrichtlinie ist außerdem zu entnehmen, dass primär Projekte mit Ehrenamtlichen oder Honorarkräften gefördert werden sollen. Es ist nicht nachvollziehbar, warum nicht auch hauptamtlich Beschäftigte, die gute Projekte dauerhaft weiterführen könnten, förderungsfähig sein sollen. Insofern sehen wir viele offene Fragen und fallen nicht in den Jubelchor mit ein, ganz zu schweigen von ihrem Antrag, der ein reiner Scheinantrag ist und ausschließlich der Selbstbeweihräucherung der Bundesregierung dient. Inhaltlich setzen sie rein gar nichts neues hinzu. Zwar ist Bildung mehr als Schule und das Anschieben bürgerschaftlicher Netzwerke für kulturelle Bildung richtig, dieser Tatsache trägt das Programm Rechnung. Jedoch soll Bildung und besonders kulturelle Bildung eben auch in der Schule stattfinden. Vor diesem Hintergrund ist das Mauern der Bundesregierung in Sachen Kooperationsverbot im Bildungsbereich umso unverständlicher. Eine neue Kooperation zwischen Bund und Ländern könnte ein neues Ganztagsschul-Programm ermöglichen, wie wir Grüne es schon so lange vorschlagen.

Von einer ganztägigen, qualitativ hochwertigen Betreuung würden vor allem bildungsferne Kinder und Jugendliche profitieren. Ganztagsschulen sind auch der richtige Ort, um kulturelle Bildung als Unterrichtsthema zu stärken und um außerschulische Akteure wie Musikschulen, Theatergruppen, Jugendkulturzentren und Vereine einzubeziehen. Stattdessen blockieren CDU, CSU und FDP aber im Bundesrat eine echte Reform und setzen auf ein weiteres, zeitlich begrenztes Programm, das die Beteiligten nach Ablauf der Bundesförderung ohne Perspektive im Regen stehen lässt.

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