Bundestagsrede von 13.09.2012

Einzelplan Arbeit und Soziales

Vizepräsident Eduard Oswald:

Nächste Rednerin für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen ist unsere Kollegin Frau Priska Hinz. Bitte, Frau Kollegin.

Priska Hinz (Herborn) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Vielen Dank, Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Frau von der Leyen, an einem Thema haben Sie bei der Einbringung Ihres Einzelplans konsequent vorbeigeredet, nämlich an dem Thema, dass Ihr Etat das Sparschwein des Finanzministers ist, und zwar seit Beginn dieser Wahlperiode.

(Beifall bei Abgeordneten der SPD – Bettina Hagedorn [SPD]: So ist es! – Andrea Nahles [SPD]: Richtig!)

Dieses Sparschwein wird permanent geschlachtet.

(Dr. Matthias Zimmer [CDU/CSU]: Wie kann man etwas permanent schlachten?)

Nirgendwo spart die Bundesregierung so dreist Geld ein wie bei diesem Etat und bei den Beitragszahlerinnen und Beitragszahlern. Von 2011 bis geplant 2014 sind es im Sozialbereich Kürzungen in Höhe von 30 Milliarden Euro. Frau Winterstein stellt sich hier hin und sagt: Wir finden es gut, dass im Haushalt endlich einmal gespart wird.

(Elke Ferner [SPD]: Gekürzt!)

Meine Damen und Herren, das geht zulasten derjenigen, die Unterstützung brauchen. Das ist keine Konsolidierung des Haushalts. Den anderen Teilaspekt, den Sie einmal versprochen haben, dass eine Konsolidierung auch von den Unternehmen mitgetragen werden muss – wir sagen, sie muss auch von Vermögenden mitgetragen werden –, blenden Sie völlig aus. Das ist wirklich ein Drama.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Frau von der Leyen, Sie kündigen medienwirksam immer neue Baustellen an. Jetzt ist es die Bekämpfung der Altersarmut. Es ist doch klar: Das beste Mittel zur Bekämpfung der Altersarmut sind Einstiegschancen in den Arbeitsmarkt, Qualifizierung und Aufstiegschancen aus dem Niedriglohnsektor, in dem sich inzwischen jeder Fünfte befindet, und gute und konsequente Mindestlöhne. Auch hier haben Sie eine Baustelle aufgemacht. Irre ist nur, dass Sie all das ankündigen, aber nie zum Richtfest kommen. Sie kommen von der Baustelle nicht einmal bis zum Richtfest, und das werfen wir Ihnen zu Recht vor.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Bei der Agentur für Arbeit wird besonders gespart. In diesem Jahr gibt es dort wieder einen Taschenspielertrick. Nach dem Geschehen im letzten Jahr, bei dem der BA ein halber Mehrwertsteuerprozentpunkt entzogen wurde, damit die Grundsicherung im Alter finanziert werden kann, wobei diese Finanzierung eigentlich zulasten des Bundeshaushalts in Form einer Steuerfinanzierung hätte geschehen müssen, werden der Bundesagentur für Arbeit jetzt 2 Milliarden Euro genommen. Das sind 2 Milliarden Euro, die bei der aktiven Arbeitsmarktpolitik fehlen.

Wir haben beim Gründungszuschuss gesehen, was dann passiert. Da bricht dieses erfolgreiche Instrument völlig weg. Die Menschen, die Interesse haben, die – um in Ihren Worten zu sprechen – fleißig sein wollen, haben gar keine Chance mehr, fleißig zu sein und auf eine Rente hinzuarbeiten, in welchem System auch immer.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Auch Qualifizierung kostet Geld. Nur wenn man qualifiziert, kann man Menschen in Arbeit bringen und erreichen, dass sie überhaupt für die Rente vorsorgen, dass sie in die Rentenkasse einzahlen und auch noch private Vorsorge betreiben. Qualifizierung ist aber nur möglich, wenn man die Mittel dafür nicht streicht, wie Sie es tun. Deswegen sagen wir ganz klar: Wir wollen einen sozialen Arbeitsmarkt. Wir wollen aktive Arbeitsmarktpolitik, die Menschen den Zugang gewährt und ihnen die Möglichkeit eröffnet, sich zu qualifizieren, um tatsächlich gute Löhne und gute Arbeitsplätze zu haben.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Ich weiß nicht, woher Sie den Glauben nehmen, dass die Konjunktur so bleibt, wie sie ist, Frau Winterstein.

(Dr. Claudia Winterstein [FDP]: Was wollen Sie denn glauben? Wollen Sie wieder alles schlechtreden? – Axel E. Fischer [Karlsruhe-Land] [CDU/CSU]: Reden Sie doch nicht alles schlecht!)

Sie reden von Überschüssen, die die BA demnächst haben wird. Aber die Wachstumsprognosen werden jetzt schon wieder zurückgenommen. Herr Weise, der bei uns regelmäßig im Ausschuss ist, hat deutlich gemacht, dass es diese Überschüsse nur geben kann, wenn die Situation so bleibt, wie sie ist, und die Arbeitslosenzahlen nicht weiter steigen.

(Dr. Claudia Winterstein [FDP]: Deshalb macht man ja Prognosen!)

Aber was haben wir zu verzeichnen? Das Konjunkturwachstum bricht laut Prognosen ein, und die Zahl der Arbeitslosen steigt auch schon wieder an. Deswegen weiß ich nicht, woher Sie Ihren Glauben nehmen, dass alles gut wird. Gerade die BA dürfte nicht geschröpft werden; denn in Zeiten der Krise brauchen wir die BA. Das hat sich bei den Kurzarbeiterlöhnen gezeigt. Nur wenn wir solche Überbrückungsmöglichkeiten haben, können Menschen und Unternehmen tatsächlich erfolgreich Krisen überstehen. Das ist das, was wir Grünen verfolgen und worauf wir unsere Politik ausrichten.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Sie liefern das leider alles nicht. Mit dem vorliegenden Entwurf reiht sich der Sozialetat in die traurige Reihe der Etats mit fehlender Vorsorge im Bundeshaushalt für das Jahr 2013 ein.

(Dr. Claudia Winterstein [FDP]: 48 Prozent für soziale Sicherung!)

Ich finde, Sie sollten sich an unseren Vorschlägen orientieren. Wir brauchen eine steuerfinanzierte Garantierente. Wir brauchen aktive Arbeitsmarktpolitik. Wir brauchen Mindestlöhne, und wir brauchen einen sozialen Arbeitsmarkt. Dafür werden wir kämpfen, meine -Damen und Herren.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Dr. Claudia Winterstein [FDP]: Man muss auch einmal die Tatsachen zur Kenntnis nehmen!)

Vizepräsident Eduard Oswald:

Vielen Dank, Frau Kollegin Hinz.

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