Bundestagsrede von Kai Gehring 18.04.2013

Einfache Sprache

Kai Gehring (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Wir sprechen hier heute über einen wichtigen Aspekt gesellschaftlicher Teilhabe: Lesen und Schreiben.

Die „leo. – Level-One-Studie“ hat uns allen im Jahr 2010 die Augen geöffnet: In Deutschland leben viele Erwachsene, die keinen zusammenhängenden Text lesen können. Das bedeutet: Sie können nur ganz wenig geschriebene Information aufnehmen. Und sie können selbst auch nur ganz wenig schriftlich mitteilen.

In unserem Parlamentsalltag ist das schwierig vorzustellen. Wahrscheinlich schreiben und lesen wir alle an einem Tag so viel wie diese 7,5 Millionen Menschen in einem Monat.

Die SPD erinnert uns in unserem Arbeitsalltag, der so oft voll von hochkomplexen Texten ist, dankenswerterweise daran, dass wir alle Menschen erreichen wollen. Dafür müssen wir etwas tun. Einfache Sprache in Wort und Schrift hilft dabei. Wir müssen uns klarmachen: Manche Wege, die für uns alltäglich sind, sind für eine große Zahl von Menschen eine große Anstrengung und Überwindung.

Im vorliegenden Antrag sind drei Vorschläge enthalten, wie der Deutsche Bundestag in leichter und einfacher Sprache kommunizieren sollte. Die Vorschläge, das Internet dafür stärker zu nutzen und eigenständige Publikationsangebote zu entwickeln, finde ich sehr gut.

Für die Zeitung „Das Parlament“ gilt nach meiner Einschätzung, dass sie gerne auch eine leichter lesbare Seite enthalten sollte. Diese Seite könnte und sollte sich aber eher an junge Leserinnen und Leser richten.

Denn für die Mehrheit der Gruppe, über die wir uns hier Gedanken machen, ist eine Zeitung gerade kein attraktives Medium, sondern abschreckend. Die Hürde, eine Zeitung in die Hand zu nehmen und in ihr nach Informationen zu suchen, ist nach jahrelanger Erfahrung der eigenen Schwäche für die meisten zu hoch.

Zu anderen Forderungen nur kurz:

Die Nationale Strategie für Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener ist eine gute Initiative. Sie sollte auf diejenigen ausgedehnt werden, die das Alpha-Level 4 erreichen – also Menschen, die sehr fehlerhaft und langsam schreiben trotz gebräuchlichem Wortschatz.

Mich wundert, dass die Wirtschaft im Antrag nur einmal erwähnt wird. Sie soll sich an einer Öffentlichkeitskampagne beteiligen. Das ist gut und richtig. Aber die Unternehmen sind als Arbeitgeber viel direkter gefragt! Es geht gerade darum, Menschen, die „aktive Lesevermeider“ sind, im wahrsten Wortsinne „anzusprechen“. Wer kann das besser als Kollegen, Betriebsratsmitglieder, aufmerksame Vorgesetzte? Damit diese das tun, brauchen sie die Aufmunterung und Unterstützung der Leitung. Also: Wirtschaft muss stärker mit ins Boot. Sie muss informieren und aktivieren, unterstützen und motivieren. Der Fachkräftemangel muss auf allen Ebenen angegangen werden!

Dies kann nicht alleine Aufgabe der Jobcenter und Agenturen sein. Denn glücklicherweise sind nicht alle Menschen, die einfache Sprache benötigen oder bevorzugen, arbeitslos.

Auch wenn die Menschen, die nur wenig lesen und schreiben können, das Lernen nachholen wollen, brauchen sie die Unterstützung der Arbeitgeber: Vielleicht über eine flexiblere Schichteinteilung, einen Bildungsurlaub oder die Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch.

Die Volkshochschulen können noch so gute Angebote machen. Sie erreichen ihre Zielgruppe, indem sie zum Beispiel Plakate aufhängen und Werbung im Radio machen. Aber es fällt ihnen nicht leicht, Menschen für ein Alphabetisierungsangebot auf klassischen Wegen wirklich anzusprechen.

Deswegen sind alle zum Ansprechen aufgefordert: staatliche Stellen von der Kommune bis zum Bundestag, gesellschaftliche Gruppen vom Turnverein bis zur Nachbarschaftsinitiative, die Wirtschaft vom Ausbildungsbetrieb bis zur Kammer.

Der Hinweis der Antragsteller, dass wir im Oktober 2013 einen neuen Bildungsschock erleiden, ist hoffentlich überflüssig. Wie auch immer die PIAAC-Ergebnisse über die Alltagsfertigkeiten Erwachsener ganz genau ausfallen werden: Wir müssen handeln und uns um einfache Sprache stärker kümmern.

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