Bundestagsrede von Kai Gehring 26.04.2013

Lehrerausbildung

Vizepräsidentin Petra Pau:

Das Wort hat der Kollege Kai Gehring für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.

Kai Gehring (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Kinder und Jugendliche brauchen Lehrkräfte mit starken fachlichen, pädagogischen und diagnostischen Fähigkeiten, Lehrkräfte, die individuell fördern und Inklusion umsetzen können. Wir erhoffen uns von der Bund-Länder-Vereinbarung über die Lehrerbildung starke Impulse, um Lehrerinnen und Lehrer auf ihre verantwortungsvollen Aufgaben besser vorzubereiten. Dabei gilt es zu beachten, dass sich Reformen in diesem Bereich erst mittelfristig auswirken. Bildlich gesprochen: Wenn jetzt die Ausbildung reformiert wird, werden wahrscheinlich noch nicht einmal die heutigen Grundschülerinnen und Grundschüler davon profitieren. Eine zügige Weiterentwicklung der Lehrerbildung ist daher überfällig. Die Bund-Länder-Initiative muss deshalb ein Erfolg werden.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP)

In der öffentlichen Debatte um die Lehrerausbildung spielte bisher die Mobilität von Lehramtsabsolventinnen und -absolventen eine herausragende Rolle. Dies ist ein wichtiges Anliegen zwischen den Bundesländern, darf aber nicht die inhaltliche, konzeptionelle und praxisnahe Modernisierung des Lehramtsstudiums in den Hintergrund treten lassen; denn das ist doch der eigentliche Kern. Die wachsenden beruflichen Anforderungen an Lehrkräfte müssen bei einer Reform der Lehrerausbildung maßgeblich sein. Im Schulalltag sind hohe fachliche Qualifikationen genauso gefordert wie anspruchsvolle didaktische Qualität, Diagnostik und Evaluation. Die stärkere Vielfalt der Schülerschaft erfordert eine Lehr- und Lernkultur, die Integration und Inklusion verbessert; denn Herkunft darf nicht zum Hindernis werden.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Lehrerinnen und Lehrer müssen deshalb im produktiven Umgang mit Heterogenität ausgebildet sein und -weitergebildet werden. Notwendig ist in diesem Zusammenhang auch die Stärkung der Forschung zum Themenbereich Heterogenität und Diversity, wie sie zum Beispiel in den entsprechenden DFG-Programmen gefördert wird. Eine moderne Lehrerbildung beruht auf einem wissenschaftlichen und zugleich berufsfeldorientierten Studium – das hat auch das Fachgespräch im Bildungsausschuss des Bundestages gezeigt –; denn die Schule ist eine zentrale Institution und Sozialisations-instanz im Leben von Kindern und Jugendlichen. Die Schule braucht nicht nur multiprofessionelles Personal und eine bessere Vernetzung zwischen den Schulfächern, sondern auch eine Vernetzung mit schulbezogener Jugendsozialarbeit, mit Gesundheitsprävention und Quartiersentwicklung vor Ort. Nur mit einer durchdachten Strategie können wir all diesen Anforderungen vor Ort gerecht werden.

Über die grundsätzlichen Ziele einer Qualitätsoffensive für die Lehrerausbildung herrscht zwischen den Fraktionen mittlerweile große Übereinstimmung. Trotzdem bleibt festzuhalten, dass im Antrag der Regierungsfraktionen ein klares Konzept zur Verbesserung der Lehrerausbildung fehlt. Das betrifft zum Beispiel die Qualitätsmessung und das Auswahlverfahren; ebenso wie im Antrag der Linksfraktion sind Fort- und Weiterbildung darin ziemlich unterbelichtet. Niemand kann und darf warten, bis es zu einem kompletten Austausch der Lehrerinnen und Lehrer gekommen ist. Fort- und Weiterbildung müssen deshalb als gleichrangig zur Ausbildung von Lehrkräften gesehen werden. Es braucht in jedem Kollegium und in jedem Bundesland eine echte Weiterbildungskultur.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Auch der von der Linken beantragte Ansatz, die Bundesförderung allen Hochschulen jetzt und sofort nach dem Gießkannenprinzip zukommen zu lassen, ist nicht zielführend. Es macht dagegen Sinn, dass eine Förderung daran gekoppelt ist, dass eine Hochschule ein schlüssiges und innovatives Konzept vorlegt.

(Michael Kretschmer [CDU/CSU]: So ist das!)

Gute Praxisbeispiele sollen dann im Rahmen der Bund-Länder-Zusammenarbeit ausgewertet und verbreitet werden. Das heißt, es geht um den Transfer des Guten in die Breite. Wir sind zuversichtlich, dass aus diesem gesamtstaatlichen und kooperativen Ansatz dann eine breit angelegte und wirksame „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ erwachsen kann.

Wir begrüßen, dass die Koalition und die Bundesregierung sich von ihrem sehr engen Ansatz einer Exzellenzinitiative verabschiedet haben und dass Bund und Länder zu einer sinnvollen Einigung gekommen sind.

(Beifall bei Abgeordneten der SPD)

Wir begrüßen auch, dass alle Beteiligten aus den Schwierigkeiten beim Hochschulpakt gelernt haben: Erstens sind Forderungen wie die Kapazitätsneutralität in der Vereinbarung ganz klar formuliert. Zweitens geht das Geld vom Bund direkt an die Hochschulen, und das ist gut so. Die Bund-Länder-Vereinbarung zeigt auch, dass ein Bildungsstaatsvertrag, wie ihn die letzten verbliebenen Länderminister der Union vor ein paar Monaten vorgeschlagen haben, nicht notwendig ist. Dass Frau Wanka nach ihrer Abwahl in Niedersachsen diesbezüglich dazugelernt hat, ist erfreulich. Es ist erfreulich, dass man sich auf eine andere Vereinbarung verständigt hat.

Allerdings sind hier auch die Hinterlassenschaften der Vorgängerin von Frau Wanka offenkundig. Herr Braun hat vorhin noch einmal 500 Millionen Euro für die nächsten zehn Jahre versprochen. Nicht einmal im Haushaltsentwurf für das Jahr 2014 sind die 50 Millionen Euro für das nächste Jahr verankert. Das heißt, hier wird über Geld geredet, das Frau Wanka bisher überhaupt nicht hat.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Manfred Grund [CDU/CSU]: Den Haushaltsentwurf für 2014 gibt es doch noch gar nicht! – Michael Kretschmer [CDU/CSU]: Was ist denn das jetzt? Das ist ja peinlich! Das ist unredlich und falsch! Jetzt sind wir aber wirklich enttäuscht!)

– Der Haushalt ist derzeit in der Beratung.

(Anette Hübinger [CDU/CSU]: Wir haben nur die mittelfristige Finanzplanung! – Weiterer Zuruf von der CDU/CSU: Tal der Ahnungslosen!)

– Es gibt einen Haushaltsentwurf und eine mittelfristige Finanzplanung; darin muss das abgebildet sein.

Die globalen Minderausgaben – 620 Millionen Euro – haben Sie auch noch beim BMBF. Das darf nicht zulasten anderer Titel erwirtschaftet werden.

Wir hoffen und erwarten, dass die gute inhaltliche Basis für die Verbesserung der Lehrerbildung und damit für die Vorbereitung auf diesen sehr anspruchsvollen Beruf nun auch umgesetzt wird.

Vizepräsidentin Petra Pau:

Kollege Gehring, achten Sie bitte auf die Zeit!

Kai Gehring (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Dann und nur dann wird das Ganze zum Erfolg vor Ort werden.

Danke schön.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Jörg van Essen [FDP]: Zwei Minuten überzogen! – Gegenruf des Abg. Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Dann können Sie nicht rechnen! – Gegenruf des Abg. Jörg van Essen [FDP]: Ich habe gestoppt! Zwei Minuten!)

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