Bundestagsrede von Maria Klein-Schmeink 19.04.2013

Prävention und Apothekennotdienst

Präsident Dr. Norbert Lammert:

Für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen hat nun die Kollegin Klein-Schmeink das Wort.

Maria Klein-Schmeink (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Der Minister hat gerade mit großen Worten den Entwurf eines in unseren Augen sehr kleinen Gesetzes vorgelegt, eines Gesetzes, das eben schon zutreffend als Etikettenschwindel, sehr durchsichtiges Wahlkampfmanöver und Armutszeugnis bezeichnet wurde.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Schauen wir uns einmal genau an, was hier passiert. Sie tun so, als würden Sie heute die Prävention im SGB V neu erfinden. Das alles ist Quatsch; denn es gibt sie schon seit vielen Jahren. Wir haben in den letzten zwölf Jahren mehrfach über die notwendige Weiterentwicklung gesprochen. Was machen Sie? Sie stellen kleine Schräubchen neu, um verschiedensten Gruppen, die für den Ausgang der Bundestagswahl bedeutsam sein werden, etwas vorzeigen zu können; darum geht es.

(Heinz Lanfermann [FDP]: Seit 1998 habt ihr nichts vorgelegt! Seit 15 Jahren haben Sie nichts gemacht!)

Wenn Sie es wirklich ernst gemeint hätten und der Prävention einen neuen Stellenwert hätten geben wollen, dann hätten Sie nicht drei Jahre lang einen Gesetzentwurf angekündigt und ihn erst jetzt, drei Monate vor Ende der Legislaturperiode, quasi auf den letzten Metern, in den Bundestag eingebracht.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Sie sind weit entfernt von dem, was Sie selber im Koalitionsvertrag festgelegt haben. Sie wollten ohnehin nicht allzu viel machen, aber Sie wollten zumindest alles auf den Prüfstand stellen und bündeln. Dann haben Sie im Laufe des Diskussionsprozesses gesagt, dass Sie eine Präventionsstrategie erarbeiten wollen. Richtig, das könnten Sie tun. Sie kündigen sie seit drei Jahren an. Aber nichts ist passiert. Jetzt kommen Sie mit einem kleinen Gesetz daher, das mehrere große Webfehler hat.

Der erste Fehler ist: Die Themenkomplexe „Armut und Gesundheit“ sowie „soziale Benachteiligung bei den Gesundheitschancen“ bleiben vollständig ausgeklammert.

(Birgitt Bender [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Bei der FDP sind die Armen selber schuld!)

Dabei wissen wir, dass genau in diesen Bereichen das größte Potenzial besteht, um mit Prävention und Gesundheitsförderung gegenzusteuern. Das ist der erste Punkt.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Zweiter Punkt. Sie sind weit von einem Gesamtansatz entfernt, mit dem Sie die Präventionsmöglichkeiten der verschiedenen Ressorts, der verschiedenen politischen Ebenen, der vielen Organisationen der Zivilgesellschaft, der Ärzteschaft, des Sports und der Vereinigungen, die sich mit gesunder Ernährung beschäftigen, sowie vieler anderer mehr zusammenführen können. Sie sind weit davon entfernt, mit diesen gemeinsam vor Ort regional gebündelte, vernünftige, zielgruppenbezogene und sehr genau auf verschiedene Themenstellungen hin orientierte Programme realisieren zu können.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Genau dieser Ansatz wurde ja schon in der Diskussion um das Kinderschutzgesetz verfolgt. Auch in diesem Fall hat sich der Minister erfolgreich geweigert, seinen Anteil, den er als Gesundheitspolitiker zu dieser Strategie hätte beitragen müssen, einzubringen. Genau das ist damals schon passiert und setzt sich heute fort.

Dritter Punkt. Sie machen die BZgA, die Bundeszen-trale für gesundheitliche Aufklärung, zu dem Dienstleister und Leistungserbringer im Bereich der Prävention und Gesundheitsförderung in den Lebenswelten. Wie kann man eigentlich einen solchen Denkansatz verfolgen, wo es doch darum geht, ganz gezielt vor Ort, in den sozialen Brennpunkten, in den Schulen, in den Kitas, in den Altenheimen, Projekte und Maßnahmen zu verwirklichen?

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD – Christine Aschenberg-Dugnus [FDP]: Das machen die doch, und zwar erfolgreich!)

Da kann es doch nicht angehen, dass Sie die Hälfte der Mittel, die Sie dafür vorsehen wollen, der BZgA zuweisen und diese dann im Auftrag des Spitzenverbandes der GKV dort tätig werden soll. Wie sollen wir uns das vorstellen? Haben Sie keine Ahnung von kommunaler Selbstverwaltung? Haben Sie keine Ahnung von Länder- und Bundeszuständigkeit? Haben Sie keine Ahnung, wie eine Zivilgesellschaft eigentlich funktioniert? Ein vollkommen verfehlter Ansatz!

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Insofern muss man tatsächlich sagen: Sie geben mit 180 Millionen Euro zusätzlich auf der einen Seite zu wenig aus, auf der anderen Seite ist es aber gemessen an dem, was Sie damit politisch umsetzen wollen, eigentlich zu viel. Es ist ein verfehlter Gesamtansatz.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Dr. Martina Bunge [DIE LINKE])

Weiterhin frage ich mich: Wie wollen Sie das denn eigentlich organisieren? Sie haben ja durchaus richtig erkannt, dass Sie in den Lebenswelten tätig werden müssen. Nun haben Sie ein Problem: Mit wem wollen Sie das denn absprechen? Wie wollen Sie sicherstellen, dass die Landesprogramme, die es bereits im Bereich der Gesundheitsförderung und Gesundheitsprävention gibt, sich mit Ihren Ansätzen zusammenführen lassen? Wie wollen Sie denn sicherstellen, dass der große Verbund „Gesundheitliche Chancengleicheit“ auch tatsächlich mit einbezogen werden kann?

Es gibt 58 große Organisationen, die seit Jahr und Tag versuchen, in diesem Bereich gemeinsame, gebündelte Aktionen durchzuführen. Was ihnen fehlt, ist Nachhaltigkeit, ist eine dauerhafte finanzielle Basis, ist die Möglichkeit, alle Akteure, die dort zusammenkommen, zu diesem Verhalten und vor allen Dingen unsere verschiedenen Sozialleistungsträger zu gemeinschaftlichen Aktionen zu verpflichten. Hierfür hätten Sie einen Gesamtansatz finden müssen. Das konnten Sie nicht, weil der Minister viel zu spät auf den Trichter gekommen ist, dass man in diesem Bereich endlich tätig werden müsste. Das ist doch der Punkt.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Diesen Notstand hat die CDU genauso gesehen. Deshalb musste sie ja im letzten Jahr mit eigenen Eckpunkten Druck machen, damit überhaupt etwas passierte. Viele in Ihren Reihen wissen ja auch, dass der jetzige Ansatz, mit dem lediglich versucht wird, über die Mittel des SGB V ein klein wenig umzusteuern, verfehlt ist und so nicht funktionieren kann. Viele von Ihnen wissen das haargenau.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Elke Ferner [SPD])

Das hat doch zu diesem großen Dilemma geführt. Sie wollen im Wahlkampf etwas vorweisen können. Sie wollen sagen können: Ja, wir haben beim Thema Prävention etwas getan. – Aber im Kern machen Sie das Falsche. So werden wir diesen Gesetzentwurf auf keinen Fall mittragen können. Es ist ein Entwurf, der entweder grundlegend überarbeitet werden müsste oder besser in den Papierkorb geschoben werden sollte.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN)

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