Bundestagsrede von Volker Beck 25.04.2013

„Homoheilungsangebote“ für Jugendliche verbieten

Volker Beck (Köln) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Homosexualität ist keine Krankheit. Am 17. Mai 1990 hat die WHO dieser Tatsache in ihren Richtlinien Rechnung getragen. Man kann deswegen auch nicht von Homosexualität „kuriert“ oder „geheilt“ werden. Jeder Mensch hat seine eigene sexuelle Identität und persönliche Entwicklung.

Allerdings gibt es weiterhin Menschen, die glauben, die sexuelle Orientierung ließe sich durch Therapien ändern. Frei nach dem Motto: „Es kann nicht sein, was nicht sein darf.“ Für bestimmte religiös-fundamentalistische Gruppen ist der Befund, dass Homosexualität eine natürliche Ausprägung der sexuellen Identität ist unerträglich. Sie bieten deswegen Seminare und Therapiegruppen an, bei denen vermeintlich Kranke und Leidende auf den „richtigen Weg“ geführt werden sollen. Sie nutzen dabei die Unsicherheit von Menschen, insbesondere von Jugendlichen und ihren Eltern, aus und versprechen eine Änderung der sexuellen Identität. Sie changieren dabei in unredlicher Weise zwischen Begriffen und Sphären: Sünde und Krankheit, theologische Überzeugung und scheinbar wissenschaftliche Befunde werden in intellektuell unzulässiger Weise vertauscht und vermengt.

Natürlich ist die Findung der sexuellen Identität nicht immer einfach, und gerade der Coming-out--Prozess kann schmerzhaft und schwierig sein. Psychologische Therapien zur Beratung und Selbstfindung gehen deswegen von einem ergebnisoffenen Therapieverlauf aus. Einziges Ziel muss Selbstfindung und Selbstversöhnung der Patienten mit sich selbst sein. Diese Form von Beratung und Unterstützung ist wertvoll und hilft den Menschen, ihr Leben erfüllt und glücklich zu gestalten und fördert die Annahme der eigenen sexuellen Orientierung, sei sie homo-, hetero- oder bisexuell. Nicht der Therapeut gibt hierbei das Ziel normativ vor, sondern er macht sich mit seinem Patienten auf die Suche nach dessen Identität und versucht, die Selbstentfaltungsprozesse zu unterstützen.

Im Gegensatz dazu ist das Ziel der von Wüstenstrom, manchen Siebenten-Tag-Adventisten oder dem Bund Katholischer Ärzte vermittelten bzw. durchgeführten Therapien klar vorgegeben: Homosexualität wird als negativ und falsch dargestellt. Der Bund Katholischer Ärzte spricht in seiner Stellungnahme zu dem heute debattierten Gesetzentwurf zum Beispiel ausführlich über angeblich stark gefährdende Sexualpraktiken wie Oral- und Analverkehr, die natürlich nur von Homosexuellen praktiziert würden. Hier zeigt sich deutlich die Grundeinstellung dieser Leute: Sie begegnen den Hilfesuchenden nicht unvoreingenommen, sondern vorurteilsbelastet. Solchen Menschen darf man Jugendliche nicht ausliefern!

Denn diese Therapien sind nicht einfach ein sinnloser Zeitvertreib, der schlicht zu nichts führt. Vielmehr sind sie für die behandelten Menschen schädlich und gesundheitsgefährdend. Zahlreiche Gutachten kommen zu dem Ergebnis, dass die Folgen dieser sogenannten Therapien Ängste, soziale Isolation und -Depressionen sind, die nicht selten zu Selbstmordversuchen führen. Die American Psychiatric Association kommt in einem Gutachten für den Senat von Kalifornien im Jahr 2007 zu dem Ergebnis, dass die Wirksamkeit von diesen Therapien nicht gegeben sei. Die Organisation hatte Dutzende Studien ausgewertet und dabei Belege gefunden, dass zu den negativen Nebenwirkungen unter anderem der Verlust sexueller Gefühle und Suizidalität zählten. Die American Psychiatric Association kommt ebenfalls zum Ergebnis, dass der wissenschaftliche Nachweis der Wirksamkeit solcher -Therapien trotz jahrzehntelanger Bemühungen der jeweiligen Kreise nicht gegeben sei. Im Gegenteil seien Berichte über aufgrund der Behandlung aufgetretene Schädigungen dokumentiert. Die Organisation der amerikanischen Psychiater lehnt diese Behandlungen deswegen ab.

Der Professor für Psychologie der Universität Basel, Herr Professor Dr. Rauchfleisch, kommt zu dem Ergebnis, dass die Behandlung fehlliefe und zudem „die Änderung im Sexualverhalten häufig mit schweren Depressionen, zentralen Selbstwertproblemen und tiefer Verzweiflung erkauft“ wird und bis „zum Suizid der betreffenden Menschen führen“ könne.

Nicht zuletzt hat auch die Bundesregierung die Gefährlichkeit dieser Therapien bestätigt. Demnach gründet diese Einschätzung sich „auf die Ergebnisse neuerer wissenschaftlicher Untersuchungen, nach denen bei der Mehrzahl der so therapierten Personen -negative und schädliche Effekte (zum Beispiel Ängste, soziale Isolation, Depressionen bis hin zu Suizidalität) auftraten und die versprochenen Aussichten auf „Heilung“ enttäuscht wurden.“ (Bundestagsdrucksache 16/8022).

In Kalifornien ist der Gesetzgeber aufgrund all dieser Erkenntnisse zu dem Ergebnis gekommen, dass solche „Heilungsversuche“ für Minderjährige zu verbieten seien. Unser Gesetzentwurf, den wir heute einbringen, verfolgt dasselbe Ziel. Wir schlagen vor, das Anbieten und Durchführen solcher Therapien als ordnungswidrig zu verbieten.

Der Staat kommt damit seiner Pflicht des Jugend- und Gesundheitsschutzes nach, die sich aus dem Art. 2 Abs. 2 und des Art. 6 Abs. 2 unseres Grundgesetzes ergibt. Bei Überschreitung der Grenzen des Elternrechts durch kindeswohlbeeinträchtigenden Missbrauch des Rechts berechtigt und verpflichtet der Art. 6 Abs. 2 Satz 2 zu staatlichen Interventionen zugunsten des schutzbedürftigen Kindes. Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages hat in einem Gutachten (WD 3 – 3000-301/12) geprüft, ob einem solchen Verbot in Deutschland verfassungsrechtliche Bedenken entgegenstehen. Der Dienst kommt zum Ergebnis, dass keine solchen -Bedenken vorliegen. Die Gefährdung des Kindeswohls, die bei den angesprochenen Therapien zweifelsfrei vorliegt, stellt eine materielle Anforderung dar, die den Staat verpflichtet, das staatliche Wächteramt auszuüben.

Wir müssen diese Quacksalberei und Scharlatanerie verbieten!

Ich erwarte eine interessante Debatte in den Ausschüssen und hoffe, dass wir dort zügig zu einem Ergebnis kommen.

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