Bundestagsrede von Claudia Roth 21.02.2013

Kinderfilme

Claudia Roth (Augsburg) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Film: Das ist ja Lichtspielkunst. Aber die Filmförderpolitik der Bundesregierung ist viel zu oft nur Schattenspiel.

Wir erkennen an, dass sich die Regierung bei den Fördermitteln engagiert. Doch Geld ist nur eine Seite. Nötig sind auch Konzepte und Ideen, damit die Mittel sinnvoll ausgegeben werden. Hier gibt es eine deutliche Kritik, auch in den Medien, zum Beispiel hinsichtlich der Qualität und Erkennbarkeit des deutschen Films, und leider sind auch sinkende Marktanteile zu verzeichnen: auf wieder unter 20 Prozent.

Wenn Kulturstaatsminister Bernd Neumann diesen Rückgang analog zum Weinbau erklären will – wo es auch gute und schlechte Jahrgänge gebe –, dann greift er zu kurz. Doch lassen Sie uns bei diesem Bild bleiben; denn wir Grüne haben beim Weinbau ja einige Kompetenz, zum Beispiel mit der tollen Arbeit unserer Weinbauministerin im Kernland des Weinbaus, in Rheinland-Pfalz.

Wer deutsche Spitzenpositionen verteidigen will, darf sich nicht blind anpassen. Er muss wissen, wo die eigenen Stärken liegen, zum Beispiel bei einem Top-Riesling aus dem Rheingau im Vergleich zu massenindustriell gefertigten Weinen – sagen wir einmal, aus Kalifornien. Und das gilt auch für die Filmkultur. Und weil das so ist, würde ich mich auch über eine Überschrift „Hollywood in Potsdam – Traumfabrik, Außenstelle Babelsberg“ nicht so freuen, wie Staatsminister Neumann es in einer Rede Anfang Februar getan hat.

Es gilt doch, unsere eigenen Stärken zu erkennen und zu entwickeln. Wir dürfen uns nicht verzetteln, indem wir von Traumfabriken träumen und am Ende dann nur schlechte Kopie sind und nicht das Original. Wir dürfen uns auch nicht damit zufriedengeben, sogar im deutschsprachigen Raum oft nur hinterherzuhinken, zum Beispiel gegenüber einem österreichischen Kino, das wirklich fulminante Filme abliefert. Es reicht auch nicht aus, nur im Beiboot zu sitzen, mit Co-Produktionen und Fördermitteln für gute Filme, deren kreative Basis anderswo liegt.

„Weniger Hollywood, mehr eigene Ideen“: Diese Forderung haben wir Grüne wiederholt an die Filmförderpolitik der Bundesregierung gerichtet, und sie ist nach wie vor das Gebot der Stunde. Wir brauchen eine Neuausrichtung, die sich stärker an Qualitätskriterien orientiert und gerade nicht die Bedeutung der Referenzfilmförderung herunterfährt, wie die FFG-Novelle das vorsieht.

Die Novelle darf keine Lex „Weißes Band“ werden, die Qualitätsfilme bestraft, und sie muss auch einen Unterschied darin machen, ob Filme eine Förderung kommerziell überhaupt nötig haben oder nicht. Über die Qualität zum wirtschaftlichen Erfolg kommen: Das ist die nachhaltige Strategie, nicht nur in der Agri-, sondern auch in der Filmkultur.

Offensichtlich wächst auf Regierungsseite die Einsicht, dass diese grüne Position so falsch nicht sein kann. Aber sie wächst zu langsam, und es fehlt der Mut, eine wirkliche Kurskorrektur vorzunehmen. Es reicht letztlich nur für Problembeschreibungen und nicht für konsequente politische Lösungen.

Eine solche Problembeschreibung ohne zureichende Konsequenz ist auch der vorliegende Antrag zum Kinderfilm der Koalition. Er kritisiert zu Recht, dass originäre Kinderfilme aus Deutschland fast keine Rolle spielen. Originär: Das meint Stoffe, die sich auf unsere Lebenswirklichkeit beziehen und dabei nicht nur Kinoadaptionen von bekannten Kinderbüchern oder Märchenstoffen sind. Solche originären Produktionen kann man bei uns wirklich an den Fingern einer Hand abzählen. Von den über 30 FFA-geförderten Kinderfilmen in den letzten drei Jahren waren es bloß vier.

Angesichts des unentwegten filmpolitischen Schielens der Bundesfilmpolitik nach Hollywood ist es durchaus bemerkenswert, wenn die Regierungsfraktionen beim Kinderfilm nun den – Zitat – „fast aussichtslosen Wettbewerb mit Blockbuster-Marken und seriellen Produktionen aus den großen amerikanischen Studios“ klar benennen. Diese Klarheit wünschte man sich für die Filmförderpolitik der Bundesregierung insgesamt.

Das Thema Kinderfilm ist sehr wichtig für unsere Filmkultur; denn Kinder sind ja nicht nur Zuschauer von heute, sondern auch von morgen. Gute Kinderfilme und eine anspruchsvolle Filmbildung sind im besten Sinne Basisarbeit für die Zukunft der Filmkultur.

Wir begrüßen die Initiative „Der besondere Kinderfilm“, an der unter anderem öffentlich-rechtliche Sender, Filmproduzenten und Medienstiftungen beteiligt sind und zu der auch die FFA einen Beitrag leistet, um zwei originäre Kinderfilme im Jahr zu produzieren. Das wäre zumindest ein kleiner Fortschritt.

Auch Anpassungen im Filmfördergesetz sind sinnvoll und nötig, zum Beispiel die Streckung des Zeitraums zum Erwerb von Referenzförderpunkten für Kinderfilme in § 23 FFG – ein Vorschlag, den der Kinderfilmantrag der Koalition etwas schüchtern zur Sprache bringt, nämlich im Sinne eines Prüfauftrags und nicht als klare Forderung. Das ist wirklich ziemlich defensiv.

Nicht erwähnt wird, dass eine solche Verbesserung für Kinderfilme in einem direkten Widerspruch zu der von der Regierung in § 23 real beabsichtigten Verschlechterung bei den Aufstockungsmöglichkeiten für Referenzpunkte stünde. Die Aufstockungsmöglichkeit soll nämlich von 150 000 Punkten auf 100 000 abgesenkt werden. Das dürfte sich gerade für originäre Kinderfilme negativ auswirken. Kritik an diesem Vorhaben der Bundesregierung findet man im Kinderfilmantrag der Koalition aber nicht.

Was der Antrag beim § 23 unter dem Strich zu bieten hat, ist bestenfalls ein Nullsummenspiel. Man erhöht den Zeitraum des Referenzpunkteerwerbs im Verhältnis zwei zu drei und akzeptiert gleichzeitig die Absenkung der Aufstockungsmöglichkeiten im Verhältnis von drei zu zwei. Das ist Status quo, aber kein positives Ergebnis für den Kinderfilm.

Etwas hohl klingt dann auch der Hymnus, den der Antrag auf die Arbeit einer Bundesregierung singt, die ihrer Verantwortung in der FFG-Novelle angeblich -gerecht würde, wenn sie in § 32 klarstellt, „dass auch Kinderfilmprojekte, die auf Originalstoffen beruhen, angemessen im Rahmen der Projektfilmförderung berücksichtigt werden sollen.“ Selten wurde ein unbestimmter Rechtsbegriff heftiger abgefeiert!

Wer wissen will, wie ernst die Bundesregierung selbst diese Formulierung in § 32 nimmt, der muss nur in den Begründungsteil zur FFG-Novelle schauen, wo die Änderung damit relativiert wird, dass man ihr nur einen „klarstellenden Charakter“ beilegt und keine Verpflichtung aus ihr ableiten will.

Augenscheinlich hat die Filmpolitik der Koalition viel vom Kulissenbau gelernt. Der ist ja beim Film sehr wichtig. Aber die Kunst des schönen Scheins nach dem Prinzip Potemkin reicht nicht aus. Den Kinderfilm privilegiert man nicht mit falschen Lobgesängen und unbestimmten Rechtsbegriffen, sondern nur mit konkreten Fördermaßnahmen und der Festlegung entsprechender Fördervoraussetzungen.

Der Antrag der Koalition weiß, wo zuallererst anzusetzen wäre, nämlich beim § 15 FFG, bei den Allgemeinen Förderungsvoraussetzungen. Aber auch hier traut man sich wieder nur, einen Prüfauftrag zu vergeben, statt eine bessere Förderung des Kinderfilms einzufordern. In der FFG-Novelle der Regierung taucht in § 15 jedenfalls keine Verbesserung für den Kinderfilm auf.

Problematisch ist schließlich der Wegfall der Drehbuchfortentwicklungsförderung in § 32 Abs. 3 der FFG-Novelle; denn gerade beim Kinderfilm kommt es in besonderer Weise auf die Entwicklung von Stoffen, auf gute und originäre Drehbücher an. Deshalb sollte man an dieser Stelle nicht streichen, sondern besser und gezielter fördern, damit ein besonderer Anreiz zur Verbesserung von Kinderfilmdrehbüchern entsteht.

Das kann geschehen, indem die Kreativen, die die Stoffe entwickeln, die Möglichkeit erhalten, ihre Projekte selbstständig bei der FFA einzureichen. Auch interne Veränderungen in der FFA wären sinnvoll. So sollte die Unterkommission Drehbuch, wo ja viel Sachverstand für die Stoffentwicklung sitzt, auch bei der Drehbuchfortentwicklung mehr Kompetenzen erhalten.

Schließlich die Förderungshilfen für Drehbücher unter § 47: Da sollte es in der Novelle doch sinnvollere und zielführende Änderungen geben als die, wonach Drehbücher zukünftig von vornherein auf Deutsch verfasst sein müssen.

Ich sehe im Kinderfilmantrag der Koalition richtige Problembeschreibungen, aber noch keine zureichenden Problemlösungen. Lassen Sie uns deshalb im parlamentarischen Verfahren konstruktiv diskutieren, und lassen Sie uns die Punkte, die eine Verbesserung beim Kinderfilm bringen würden, auch in die anstehende FFG-Novelle hineinschreiben; denn hier spielt die Musik in der Bundesfilmförderung!

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