Bundestagsrede von Claudia Roth 27.06.2013

Deutsche Sprache

Claudia Roth (Augsburg) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Ich wundere mich sehr, wie die Koalition mit dem Thema deutsche Sprache umgeht. Auf den allerletzten Drücker, in der letzten Sitzungswoche der Legislaturperiode, bringt sie einen Antrag zum Thema ein, der offensichtlich mit heißer Nadel gestrickt wurde und über den auch sofort abgestimmt werden soll - ohne Chance, dass er je den zuständigen Fachausschuss erreicht. Auch eine Plenumsdebatte, in der Argumente ausgetauscht werden könnten, ist nicht vorgesehen. Die Reden gehen zu Protokoll. Dort können die an deutscher Sprache Interessierten dann ja die Standpunkte nachlesen.

Nein! Das ist ein wirklich schludrig-wurschtiger Umgang mit dem Thema und wird der Verantwortung des Parlaments und seiner Gremien nicht gerecht. Einmal mehr sehen wir einen Akt aus dem Schauspiel, das Schwarz-Gelb nun schon seit Wochen aufführt und das den Titel trägt: „Abends werden die Faulen fleißig“. Gute Fachpolitik haben wir von der Koalition vier Jahre lang nicht gesehen. Jetzt zum Schluss reicht es vollends nur noch für Show-Anträge, die im tiefen Widerspruch stehen zur von Schwarz-Gelb tatsächlich betriebenen Politik.

Im Antrag begegnet uns der Satz: „Deutsch ist mit etwa 500000 Wörtern des allgemeinen Sprachgebrauchs eine besonders wortreiche Sprache.“ Gemeint ist hier wohl der gesamte deutsche Wortschatz ohne Fachsprachen, der auf 300000 bis 500000 Wörter geschätzt wird.

Wenn hinter diesem und manch anderem Satz im Antrag der Versuch stecken sollte, eine Art romantischen Sprachpatriotismus in Politik zu übersetzen, dann dürfte das nicht sehr weit führen. Was die genannte Zahl angeht, da gibt es möglicherweise ein Sprachgenie, das den gesamten deutschen Wortschatz wirklich ausschöpft, der im Antrag genannte „allgemeine Sprachgebrauch“ tut dies sicher nicht.

Der zentrale Wortschatz der deutschen Standardsprache dürfte bei rund 70.000 Wörtern liegen. In Goethes Werk wurden rund 90.000 aktiv gebrauchte Wörter ermittelt, was im Vergleich zu anderen Autoren sehr viel ist. Der durchschnittliche aktive oder produktive Wortschatz der BundesbürgerInnen liegt deutlich darunter, Schätzungen zufolge sind es um die 15.000 Wörter, darunter auch einige tausend Fremdwörter. Der Wortschatz der englischen Sprache wird übrigens auf 600000 bis 800000 Wörter geschätzt.

Aber solche abstrakte Zahlen sagen wenig. Wo Zahlen für das Anliegen der Sprachförderung tatsächlich wichtig wären, fehlen sie im Antrag, zum Beispiel beim für Bildungschancen so bedeutsamen frühkindlichen Spracherwerb. Dass es hier große Aufgaben gibt, wissen wir. Der Antrag liefert keine verlässliche Datengrundlage, um sie genauer zu definieren.

Stattdessen bringt er einiges an Lyrik und Prosa zur Geschichte der deutschen Sprache - der Sprache der „Dichter und Denker“. Und er spart auch die Erfindung des Buchdrucks und Luthers Bibelübersetzung nicht aus. Was er geschichtlich dagegen völlig ausspart, ist die absolute Katastrophe, die der deutschen Sprache mit dem Nationalsozialismus widerfahren ist. Und zwar nicht nur im Sinne der „Lingua Tertii Imperii“, jener Sprachdeformationen im Dritten Reich, die Victor Klemperer kritisch protokollierte, sondern auch mit Blick auf den Exodus von KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen aus Nazi-Deutschland. Das Deutsch heute keine große Wissenschaftssprache mehr ist, sondern in der internationalen Scientific Community immer mehr ein Randdasein fristet, hat darin wesentliche Gründe.

An der Tatsache, dass Deutsch nach dem Krieg in vielen Ländern als aggressive Sprache des Befehls und Kommandos wahrgenommen wurde, hat sich inzwischen zum Glück einiges geändert. Angesichts solch erfreulicher Veränderungen sind auftrumpfende Äußerungen wie die von Volker Kauder auf dem Leipziger CDU-Parteitag 2011 - mitten in den Verwürfnissen der Euro-Krise - wonach in Europa jetzt wieder Deutsch gesprochen werde, äußerst kontraproduktiv. Sie schaden dem Anliegen, den offenen und unverkrampften Zugang zur deutschen Sprache zu entwickeln und werfen uns zurück.

Schauen wir uns die Forderungen des Antrags im Detail an. Die erste Forderung erwähnt tatsächlich die kindliche und frühkindliche Sprachförderung. Wir wissen, wie wichtig das ist. Die zentrale Aufgabe an dieser Stelle, der konsequente Ausbau einer qualitativ hochwertigen Infrastruktur der Kinderbetreuung, wird jedoch nicht benannt. Das verwundert wenig bei einer Koalition, die mit ihrer desaströsen Herdprämie genau auf das Gegenteil setzt. Sie verbrennt Geld, das für den Ausbau der Betreuungsinfrastrukturen nötig wäre und schafft Anreize, damit Kinder aus bildungsfernen Schichten, die frühe Sprachförderung am dringendsten bräuchten, zu Hause bleiben und die nötige Förderung nicht erfahren.

Die zweite Forderung erwähnt Initiativen zur Förderung der deutschen Sprache im Bereich der Integration von Migrantinnen und Migranten. Auch das ist sehr wichtig – und ebenfalls eine Baustelle, auf der Schwarz-Gelb versagt hat. Wir brauchen keine ständigen Androhungen von Sanktionen, wenn Deutsch- und Integrationskurse abgebrochen werden, sondern eine bessere finanzielle Ausstattung dieser Kurse und Betreuungsangebote für Kinder während der Kurszeiten, damit auch Mütter problemlos teilnehmen können.

In der dritten Forderung wird wieder einmal der Kampf gegen die Anglizismen aufgemacht. Da möchte ich doch auf das Blamagepotenzial hinweisen, das es hier gibt, zum Beispiel wenn Dr. Peter Ramsauer als hochministerieller Sprachpfleger aus „Laptops“ „Klapprechner“ macht und „Tickets“ bei ihm nur noch „Fahrschein“ heißen dürfen. So etwas ist doch wirklich ganz kleines Karo und führt uns auf den spießig-sprachpolizeilichen Weg.

In der zehnten Forderung taucht ziemlich verschämt das neue Auslandsschulgesetz auf. Ich verstehe schon, dass man dieses schlecht gemachte Gesetz erwähnen musste, weil es zu auffällig wäre, wenn es in einem Antrag zur Förderung der deutschen Sprache überhaupt nicht vorkäme. Aber was die Probleme angeht, die hier zu benennen sind, da geht es doch nicht vorrangig und einzig um das Deutsche Sprachdiplom der Kultusministerkonferenz. Vordringlich wäre eine klare Forderung nach Rücknahme der in diesen Tagen bekannt gewordenen Kürzungen im Haushaltsentwurf für den Bereich der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik!

Die Koalition will die Mittel für die Förderung der Auslandschulen von 244 Mio. Euro im laufenden Haushalt auf 224 Mio. Euro im Haushalt 2014 kürzen – und das obwohl mit dem Auslandsschulgesetz großspurig angekündigt wurde, die Finanzierung der Auslandschulen "auf sichere Beine zu stellen". Als einzig sicher erscheint nun, dass den Auslandschulen kräftig ein Bein gestellt wird - und damit auch der Förderung der deutschen Sprache im Ausland.

Besonders leiden werden die kleinen Auslandschulen mit weniger als zwölf Abschlüssen im Jahr. Denn die fallen aus der neuen gesetzlichen Förderung sowieso schon heraus. Und sie werden sehr tief fallen und nur noch eine Restförderung erhalten, wenn ein schrumpfender Etat mit Vorrang an die großen Schulen verteilt wird, die nun den gesetzlichen Anspruch haben.

Und es geht nicht nur um Sprachförderung. Viele kleine Schulen befinden sich in den Krisenregionen dieser Welt. Es sind Schulen, die für Demokratie- und Menschenrechtsbildung unendlich wichtig sind und die wir doch besonders unterstützen müssen. Mit dem neuen Auslandsschulgesetz - und den sogleich hinterher geschobenen Kürzungen bei den Auslandsschulen - sehe ich große Gefahren für diese Schulen weit über die Sprachförderung hinaus.

Auch die Stipendienmittel des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) werden im Haushaltsentwurf der Koalition um 17 Mio. Euro gekürzt, d.h. um 13% - gegen jede Vernunft. Welche Auswirkungen das auf den Wissenschaftsaustausch und die Förderung von Deutsch als Wissenschaftssprache haben wird, kann man sich an fünf Fingern abzählen.

Kleinlich bis knickrig ist die 16. Forderung, die darauf abzielt, in deutschen Parlamenten erst dann über europäische Vorhaben zu entscheiden, wenn eine amtliche Übersetzung in deutscher Sprache vorliegt. Das sollte man doch wirklich nicht so verbissen sehen und stets entlang der Inhalte und Dringlichkeiten entscheiden.

Keine Treffer landet man, wenn man im Koalitionsantrag nach erleichterten Visa- und Einreiseregelungen sucht, obwohl erleichterte Einreisemöglichkeiten nach Deutschland doch ein zentrales Anliegen gerade bei der Förderung der deutschen Sprache sein müssten.

Kein Wort zur diskriminierenden Regelung, wonach beim Ehegattennachzug aus dem Ausland einige gleicher sind als andere und Ehegatten aus Japan oder den USA beim Nachzug keinen Sprachnachweis brauchen, Ehegatten z.B. aus der Türkei aber schon.

Kein Wort zu Visa-Bestimmungen, die Deutschland teilweise abschotten von einer sich rasant globalisierenden Welt. Wenn es zum Beispiel für türkische Künstlerinnen und Künstler viel einfacher ist, nach Moskau als nach Berlin zu reisen, dann sollten wir uns nicht wundern, wenn der Kulturaustausch mit der Türkei hinter dem zurück bleibt, was möglich wäre.

Gleiches gilt für den Sprachaustausch. Die Möglichkeit, ohne extreme bürokratische Hürden nach Deutschland reisen zu können, um hier Kultur und Sprache kennen zu lernen, wäre dem Anliegen der Sprachförderung unendlich viel dienlicher als der vorliegende folgenlose Koalitionsantrag zum Ende der Legislatur.

Insbesondere die Union sollte auch ihr kulturelles „Mono“-Denken dringend überdenken. Dass sie alle paar Jahre wieder ihre Deutsche Leit- und Monokultur aus der Mottenkiste holt, um gegen die im Alltag längst etablierte Multikulturalität zu wettern, ist weltoffenen Kulturpolitikern in der Union selbst inzwischen ziemlich peinlich. Zurecht! Man sollte dann aber auch überzogene Aussagen vermeiden, wonach die deutsche Sprache „Voraussetzung für das Funktionieren unserer Demokratie“ ist. Die Schweiz als eine der ältesten existierenden Demokratien lebt mit ihrer Viersprachigkeit doch auch ganz gut. Und die Demokratie in Europa werden wir auf einer noch viel breiteren multilingualen Grundlage gestalten.

Nein, ein bisschen weniger Verkrampftheit und ein wenig mehr Lust an der Multilingualität dürfte es schon sein. Denn die vielen Sprachen sind doch Heimstatt für einen unermesslichen kulturellen Reichtum, für unterschiedliche Arten, die Dinge zu sehen, für unterschiedliche Weisen, als menschliche Wesen zu existieren. Diese Vielfalt sollten wir schützen und achten und dabei auch unsere Sprache als eine Stimme im bunten Chor der Sprachen schätzen und genießen.

Der Koalitionsantrag zur Förderung der deutschen Sprache ist dagegen politisches Potemkin, eine frisch gestrichene Fassade, hinter der eine falsche Betreuungs-, Integrations- und Einreisepolitik versteckt werden sollen, und nun auch Kürzungsvorschläge in der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik, die vor allem auch der Sprachförderung schaden werden.

Ich verstehe sehr gut, warum die Koalition einen solchen Antrag ohne Aussprache und Ausschussberatung durchwinken will. Der Pflege der deutschen Sprache erweist sie mit diesem Show-Antrag jedenfalls einen politischen Bärendienst.

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