Bundestagsrede von Kai Gehring 13.06.2013

Alphabetisierung

Kai Gehring (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Die Fähigkeiten, zu lesen und zu schreiben, sind wichtige Voraussetzungen gesellschaftlicher Teilhabe. Die Ergebnisse der Level-One-Studie zeigen, dass rund 7,5 Millionen Menschen im arbeitsfähigen Alter hierzulande funktionale Analphabeten sind und somit den Sinn einfacher Texte nicht verstehen können. Dies muss uns genauso aufrütteln und zum politischen Handeln bewegen wie der PISA-Schock. Das Thema Analphabetismus muss raus aus der Tabuzone und entschieden angegangen werden. Deswegen ist es gut und wichtig, dass auch wir uns als Bundestag mit darum kümmern, an diesem unhaltbaren Zustand grundlegend etwas zu ändern.

Analphabetinnen und Analphabeten sind in ihren sozialen, beruflichen, ökonomischen und kulturellen Teilhabemöglichkeiten massiv eingeschränkt. Viele für uns selbstverständliche Handlungen bedeuten für sie eine große Anstrengung und Überwindung. So sind das Lesen und Verstehen von Fahrplänen oder auch der Beschriftung von Lebensmittelverpackungen für sie oft kaum zu bewältigende Hürden. Das alltägliche Leben ist häufig von Scham und Vertuschung geprägt. Erschwerend kommt eine verbreitete Unwissenheit in der Gesellschaft hinzu. Dringend notwendig ist daher eine Enttabuisierung des Themas. Besonders Bildungsinstitutionen, Sozialpartner und Medien sind zum Handeln aufgefordert.

Die frühzeitige Bekämpfung des Analphabetismus muss auch Teil einer umfassenden Strategie gegen den Fachkräftemangel sein. Angesichts steigender Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt werden die Chancen von Menschen mit mangelnder Grundbildung immer schlechter. Bei deren Integration haben Volkshochschulen, Erwachsenenbildung und die Bundesagentur für Arbeit wichtige Aufgaben. Auch die Sozialpartner sind gefordert, diese Menschen gezielt zu unterstützen. Leider hat es die Bundesregierung bis zum Ende dieser Legislaturperiode nicht geschafft, die Förderung der Weiterbildung gerade für Menschen mit niedrigem Einkommen zu verbessern.

Wir benennen in unserem grünen Antrag konkrete politische Forderungen und Maßnahmen: Die Alphabetisierungskurse müssen deutlich ausgebaut werden. Wichtig sind uns dabei die Qualitätssicherung und eine bessere Zielgruppenorientierung, verbunden mit öffentlichkeitswirksamen Kampagnen. Der schwere Fehler der Bundesregierung, das Bundesprogramm „Soziale Stadt“ zusammenzustreichen, muss korrigiert werden. Das Programm richtet sich besonders an benachteiligte Stadtteile. Anstatt zu kürzen, müssten gerade hier vor Ort niedrigschwellige Angebote zur Alphabetisierung und zur Verbesserung der Grundbildung stärker verankert werden.

Der Nationale Pakt für Alphabetisierung und Grundbildung darf kein Placebo sein, sondern muss klare Zeit- und Zielpläne erhalten. Wir müssen uns an erfolgreichen Strategien wie in Großbritannien orientieren, die qualitativ und quantitativ deutlich ambitionierter sind als die Aktivitäten hierzulande. Wichtig sind konkrete Zielzahlen und verbindliche Handlungszusagen aller Beteiligten, damit wir endlich von der Ankündigungspolitik zum wirksamen politischen Handeln kommen. Die Nationale Strategie zur Alphabetisierung Erwachsener sollte zudem auf diejenigen ausgedehnt werden, die auch im gebräuchlichen Wortschatz sehr fehlerhaft und langsam schreiben.

Das bestehende Kooperationsverbot im Bildungsbereich behindert auch die Alphabetisierungsanstrengungen. Alle staatlichen Ebenen müssen gemeinsam ein Schulsystem gewährleisten, in dem keine Schülerin und kein Schüler die Schule ohne ausreichende schriftsprachliche Kompetenzen verlässt. Eine frühzeitige und systematische Sprachbildung, individuelle Förderung von Anfang an sowie die Stärkung der Jugend- und Schulsozialarbeit sind daher dringend geboten. Die Unterfinanzierung unseres Bildungswesens und strukturelle Selbstblockaden wie das Kooperationsverbot verhindern eine solche nachhaltige Politik und müssen deshalb beendet werden.

Zur Verbesserung der Lesekompetenz erbringen auch die vielfältigen Initiativen der Zivilgesellschaft einen großen Beitrag. Beispielsweise leistet die Stiftung Lesen hier seit 25 Jahren großartige Arbeit.

Damit der Kampf gegen Analphabetismus erfolgreich ist, sind wir alle gefragt. Ein Weg zum Abbau von Lesebarrieren ist etwa die Förderung der „einfachen Sprache“. Diese müssen wir auch als Parlament in unserer Öffentlichkeitsarbeit stärker verwenden. Deshalb unterstützen wir wie schon bei der ersten Lesung des vorliegenden SPD-Antrags im April den Vorschlag, dass auch der Bundestag das Internet stärker in Form von einfacher und leichter Sprache nutzt und eigenständige Publikationsangebote entwickelt. Fangen wir also bei uns selbst an, und machen wir der Regierung gemeinsam Beine, damit die Bekämpfung des Analphabetismus endlich nachhaltig angegangen wird!

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