Bundestagsrede von 07.06.2013

Frauen in Wissenschaft und Forschung

Krista Sager (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

In den vergangenen zwei Legislaturperioden haben wir uns im Plenum, im Forschungsausschuss, im Rahmen zweier Anhörungen und durch verschiedene Anträge der Oppositionsfraktionen intensiv mit der Unterrepräsentanz von Frauen vor allem in den oberen Statusgruppen unseres Wissenschaftssystems beschäftigt. Wir haben über Strategien für mehr Gleichstellung beraten und auch gestritten.

Heute sind wir bei der Diskussion über mehr Verbindlichkeit bei gleichstellungspolitischen Zielsetzungen durchaus einen Schritt weiter: Der Antrag der Koalition bezieht sich erstmals positiv ausdrücklich auf das Kaskadenmodell. Das heißt: Der Frauenanteil in einer oberen Statusgruppe muss sich in der Zielstellung an dem Frauenanteil in der darunterliegenden Statusgruppe als Pool of Talents orientieren, etwas, was man vonseiten der Großen Koalition in der vergangenen 16. Legislaturperiode nur überprüfen wollte.

So erfreulich diese Weiterentwicklung aufseiten der Koalition zunächst auch erscheinen mag, kommt man doch nicht an der Feststellung vorbei, dass die Koalition damit der Entwicklung in der deutschen Science Community hinterherhinkt. Die führenden Vertreter der deutschen Wissenschaftsorganisationen haben schon vor Jahren mehr verbindliche Zielvorgaben bei der Gleichstellungspolitik für das Wissenschaftssystem angemahnt.

Vor allem die Gleichstellungsstandards der Deutschen Forschungsgemeinschaft haben sich nachhaltig auf die Gleichstellungspolicy der deutschen forschungsstarken Universitäten ausgewirkt. Im letzten Jahr hat sich auch die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz in Bezug auf die außeruniversitären Forschungseinrichtungen positiv auf das Kaskadenmodell bezogen.

Vergessen sollte man in diesem Zusammenhang auch nicht, dass die Diskussion über die Position von weiblichen Wissenschaftlern im deutschen Wissenschaftssystem eine neue Relevanz erhielt, als in den Begutachtungsverfahren der Exzellenzinitiative die internationalen Peers die einfache Frage stellten: Wo sind denn bei euch die Frauen?

Da dämmerte es auch den männlichen Führungskräften deutscher Wissenschaftsorganisationen, dass es bei der Unterrepräsentanz von Frauen in den Führungsebenen nicht nur um Gerechtigkeit geht, sondern auch um Qualität und Innovationsfähigkeit. Denn die Rekrutierung des Führungspotenzials vorrangig aus einer Geschlechtergruppe spricht nicht dafür, dass es sich dabei um eine Bestenauslese handelt. Es geht also sowohl um Chancengleichheit als auch um die optimale Nutzung des Pools of Talents im Wissenschaftsbereich.

Inzwischen werden im Zusammenhang mit der Gleichstellungsfrage aber längst weiter gehende Fragen diskutiert: Wie soll die Kaskade einrichtungs- und fachspezifisch verbindlich gestaltet werden? Wie ambitioniert sollen die Steigerungsschritte auf der Zeitschiene sein? Wie soll es mit den Gleichstellungsstandards der DFG weitergehen? Mit welchen Konsequenzen sollen die Erreichung bzw. die Verfehlung der Zielvereinbarungen flankiert werden?

Zu diesen aktuellen Fragestellungen leistet der vorliegende Antrag der Regierungsfraktionen keinen Beitrag. Stattdessen versucht die Koalition, ihr Hinterhertrippeln dadurch zu kaschieren, dass sie Pappkameradinnen aufbaut oder versucht, Schlachten der Vergangenheit durch Scheindebatten noch zu gewinnen. Denn eine Einheitsquote nach dem Gießkannenprinzip für alle Fachrichtungen wird und wurde nie gefordert. Die Koalition verfolgt offenbar immer noch das Ziel, das Gleichstellungsthema unter Ideologieverdacht zu stellen. Damit kommen Sie aber mindestens 15 Jahre zu spät.

Die Wissenschaftsallianz committete sich 2006 in der „Offensive“ dazu, bei den Anteilen von Wissenschaftlerinnen einen deutlichen Sprung nach vorne zu schaffen. Der Grund, warum wir heute die Unterrepräsentanz von Frauen in der Wissenschaft immer noch debattieren, ist schlicht der, dass die Bilanz der „Offensive“ fünf Jahre später ernüchternd war. Vielerorts blieb es bei bloßer Gleichstellungsrhetorik. Gleichzeitig trat die Schwäche vieler gleichstellungspolitischer Ziele offen zutage: Sie waren unverbindlich und schwer überprüfbar, und wo Ziele nicht erreicht wurden, hatte das offenkundig keine Konsequenzen.

Mehr Verbindlichkeit und Überprüfbarkeit gleichstellungspolitischer Ergebnisse – das waren die zwei Kernforderungen, die wir in der letzten Legislaturperiode vor diesem Hintergrund auf die Agenda hoben. Mittlerweile hat sich der damalige Grundsatzstreit immer mehr zugunsten von mehr Verbindlichkeit entschieden. Ich habe den GWK-Beschluss von 2011 für die außeruniversitären Forschungsorganisationen und die Gleichstellungsstandards der Deutschen Forschungsgemeinschaft von 2007 bereits erwähnt.

Wenn Sie sich in Ihrem Antrag jetzt zu der Forderung durchgerungen haben, zu prüfen, inwieweit sich die DFG-Gleichstellungsstandards in die Projekt- und Ressortforschung des Bundes übertragen und integrieren lassen, ist das für die Koalition sicher eine Weiterentwicklung. Es wäre sicher auch sinnvoll, dieses Instrument auf die europäische Ebene zu heben. Ich kann nur hoffen, dass die Weiterentwicklung der DFG-Gleichstellungsstandards – in Anlehnung an den Antrag der Opposition – in der nächsten Legislatur rechtzeitig auf die Agenda gesetzt wird.

Insgesamt muss die institutionelle und projektgebundene öffentliche Forschungsförderung stärker mit gleichstellungspolitischen Zielen verknüpft werden, zum Beispiel indem die Vergabe eines Teils der Mittel des Pakts für Forschung und Innovation an die Erfüllung gleichstellungspolitischer Ziele gebunden wird. Unabdingbar für eine erfolgreiche Gleichstellungspolitik sind aber auch mehr Planbarkeit und Verlässlichkeit bei den wissenschaftlichen Karrierewegen. Auch damit haben wir uns in dieser Legislatur mehrfach vor allem durch Anträge der Opposition befasst. Eine Modernisierung der Personalstrukturen an den Hochschulen und verbesserte Beschäftigungsperspektiven für den wissenschaftlichen Nachwuchs sind unabdingbar, wenn man die besten weiblichen Nachwuchskräfte für die Wissenschaft als Beruf gewinnen will.

Wie ernst die Politik es mit der Gleichstellung in der Wissenschaft meint, muss sich in Taten erweisen und nicht in vollmundigen Erklärungen. Ich hoffe, dass sich in der nächsten Legislatur politische Mehrheiten ergeben, um mehr Verbindlichkeit in der Gleichstellung voranzubringen.

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