Bundestagsrede von 07.06.2013

Ringen bei Olympia

Viola von Cramon-Taubadel (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Nach dem ersten Schock des überraschenden Ausschlusses für die Zeit nach Olympia 2016 ist nun wieder etwas Ruhe eingekehrt bei den Ringerverbänden. Denn Ringen hat eine realistische Chance, sich neben den Sportarten Squash und Baseball/Softball wieder für eine Olympiaaufnahme zu empfehlen.

Auch in meiner Fraktion wurde diskutiert, warum sich der Deutsche Bundestag in die Frage des Verbleibs und der Aufnahme von Sportarten ins Olympische Programm einmischen sollte. Denn es liegt ja ganz zweifellos ein Eingriff in die Autonomie des Sports vor, wenn ein fraktionsübergreifender Antrag mit dem Titel „Ringen vor dem Ausschluss aus dem olympischen Programm bewahren“ vom Deutschen Bundestag verabschiedet wird. In der Diskussion ist aber letztlich zum Tragen gekommen, dass die Frage auch eine große sportpolitische Bedeutung hat.

Denn für den Ringersport in Deutschland ist es existenziell, ob man olympiazugehörig ist oder nicht. Die Zuwendungen des Bundes bemessen sich in erster Linie daran, ob man zu den olympischen Sportarten gehört. Die bisherige jährliche Förderung würde sich nach den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro 2016 mehr oder weniger ohne Übergangszeit von bisher circa 1 Million Euro auf einen Bruchteil reduzieren. Unabhängig von der Förderfrage würde ohne Olympiabezug eine entscheidende Motivation für den Nachwuchs im Leistungssport fehlen. Letztlich würden auch weniger Menschen im Breitensport ihren Platz auf der Ringermatte suchen.

Ich erinnere auch an die internationale Dimension. Es gibt eine Sportallianz der Staaten Iran, Russland und USA, die in gemeinsamen bilderträchtigen Aktionen für einen Verbleib des Ringens bei Olympia geworben hat. In diesem Zusammenhang halte ich es für erwähnenswert, dass sich der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad beim Ringer-Weltcup in Teheran zusammen mit dem US-Team vor der amerikanischen Fahne gezeigt hat. Bedeutsamer als mancher Politikerbrief an das IOC ist es meiner Ansicht nach auch, dass im Mai in der New Yorker Grand Central Station bei einem Schaukampf der Ringer der USA und des Irans die iranische Nationalhymne gespielt wurde.

Wir haben uns sehr bemüht, die deutschen IOC-Exekutivmitglieder Dr. Thomas Bach und Claudia Bokel zu einer Sitzung des Sportausschusses einzuladen, um dort aus erster Hand über die Gründe der Ausschlussentscheidung der IOC-Exekutive zu erfahren. Wir haben es sehr bedauert, dass es trotz mehrerer Terminvorschläge keine Zusage gab. Eine Rückkoppelung in den Deutschen Bundestag wäre sicher ein notwendiges Zeichen gewesen.

Ich möchte einige Anmerkungen zur Situation des Internationalen Olympischen Komitees, IOC, machen. Als Veranstalter der Olympischen Spiele genießt das IOC in der Schweiz den Vereinsstatus und wird von Regierungen aller Staaten hofiert. Der Begriff „Olympia“ genießt in Deutschland einen gesetzlichen Markenschutz. Das IOC ist aus grüner Sicht längst ein Konzern des Sports und diktiert den Staaten eine Steuerbefreiung für sich selbst. Pierre de Coubertins im Jahre 1925 gestellte Frage nach der Zukunft von Olympia: „Markt oder Tempel? Sportsleute wählet!“ ist längst zugunsten des kommerziellen Marktes beantwortet.

Eine entscheidende sportpolitische Frage der Zukunft ist daher für die grüne Bundestagsfraktion, ob die Politik ständig einem intransparenten Sportkonzern wie dem IOC mitsamt der internationalen Sportfachverbände hinterherläuft oder ob die demokratisch legitimierten Parlamente und Regierungen klare Regeln aufstellen. Denn der Weltsport hat längst kommerzielle Ausmaße angenommen, und der Anteil der durch Korruption, Doping und Wettmanipulation erreichten Marktanteile ist viel größer, als bisher bekannt ist. Wir Grünen haben beispielsweise mit einem Antrag zum Verhältnis von Sportgroßveranstaltungen und Menschenrechten einen zukunftsfähigen Vorschlag gemacht, und wir werden auch weiter kritisch nachhaken, wenn Regierungsvertreter und andere Politiker den Platz auf der Ehrentribüne einem kritischen Dialog mit Sportverbänden vorziehen.

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