Bundestagsrede von 27.06.2013

50. Jahrestag Kennedy-Rede

Wolfgang Wieland (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Ja, der Besuch von John F. Kennedy in Berlin, das war ein denkwürdiger Tag. Meine Fraktion hat mich als Zeitzeugen – netterweise – zum Reden auserkoren. Dabei war die Zeitzeugeneigenschaft gar nichts Besonderes: Geschätzt 1,2 Millionen Berliner waren jubelnd auf den Beinen, die Hälfte der damaligen Bevölkerung im Westteil der Stadt. Und ein Großteil der Menschen im Osten verfolgten das Geschehen im Radio.

Und wer das verstehen will, wer abschätzen will, warum John F. Kennedy wie eine Lichtgestalt erschien – die er real natürlich nicht war –, der muss nur ein Jahr in der Geschichte zurückgehen

Am 17. August 1962, ein Jahr nach dem Mauerbau, verblutete fast eine Stunde lang, unweit vom Checkpoint Charlie, Peter Fechter, ein Maurergeselle, 18 Jahre alt, der sein Leben eigentlich noch vor sich hatte. Seine letzten Worte waren – und die haben sich eingebrannt ins kollektive Gedächtnis der Stadt –: Warum hilft mir denn niemand? Die Westberliner Polizei traute sich nicht, die Vopos warteten zu lange auf einen entsprechenden Befehl. Und die amerikanischen GIs weigerten sich, den Verletzten zu bergen. „Nicht unser Bier“, sollen sie angeblich gesagt haben. Jedenfalls sind telefonische Anweisungen zum Nichtstun verbürgt.

So gab es neben den Sprechchören „Mörder, Mörder“ von beiden Seiten der Mauer auch erstmals nach dem Krieg antiamerikanische Unmutsäußerungen im Westteil der Stadt.

In diese mit dem Mauerbau entstandenen und dann wachsenden Zweifel an den Garantien der Schutzmächte, bei ernsthaften Diskussionen, ob Berlin nicht in der Lüneburger Heide wieder aufgebaut werden solle, angesichts einer Mauer, die Familien von einem Tag auf den anderen zerteilte, ohne dass es so etwas wie Passierscheine zunächst gab, in diese sehr depressive Situation hinein sprach Kennedy dann seine geradezu erlösenden Worte: Ich bin ein Berliner.

Es war die Garantie des Überlebens des freien Teiles dieser Stadt, und die USA haben nie einen Zweifel daran gelassen, dass ihre Präsenz hier nicht nur symbolisch ist, sondern dass hier Kampfverbände stehen. Ihr Übungs-gelände in Lichterfelde hieß nicht umsonst „Fighting City“. Nur diese Demonstration der Entschlossenheit war wirksam und erlaubte später dann die Entspannungspolitik Willy Brandts.

Freunde in der Not gehen Tausend auf ein Lot – sagt das Sprichwort. Diese empfangene Solidarität haben die Berliner und auch wir Grüne nie vergessen. Das zeigte sich am 11. September, als die Menschen am Tag der Anschläge spontan mit Kerzen zur US-Botschaft kamen und einige Tage später bei der Trauerkundgebung vor dem Brandenburger Tor.

Und eine solche Freundschaft – auf Werten gebaut – hält auch Kritik aus, ja sie braucht diese Kritik. Ich erinnere an die heftigen Auseinandersetzungen wegen des Krieges in Vietnam. Die Besuche von Richard Nixon oder von Ronald Reagan hatten ein anderes Gesicht als der Kennedy-Besuch. Zu denken ist auch an die aktuellen Differenzen, Stichwort: Prism oder Guantánamo.

Wer glaubt, wie Innenminister Friedrich, aus der -Empörung über eine Totalerfassung des Internets Antiamerikanismus herauszuhören, der liegt ganz falsch. Es gilt nach wie vor der Satz von Periander, eines der sieben Weisen aus der Antike: Nur wahre Freunde sagen dir, dass dein Gesicht schmutzig ist.

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