Bundestagsrede von Elisabeth Scharfenberg 14.03.2013

Krankenhauspflege

Elisabeth Scharfenberg (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Seit Tagen, Wochen und Monaten steht die Situation der Krankenhäuser im öffentlichen Fokus. Es wird mitunter hochemotional über Finanzhilfen, Personalmangel und Rettungsprogramme diskutiert.

Leider hat die Diskussion bisher nicht dazu geführt, einmal tiefer in das System der Unter-, Fehl- und Überversorgung einzudringen. Sie führt bislang auch nicht dazu, dass die wirklichen Herausforderungen in einer immer älter werdenden Gesellschaft in den Vordergrund rücken. Und es wird nicht deutlich, worin die Ursachen für den Personalmangel bei den Gesundheitsberufen im Krankenhaus bestehen.

Unserer Meinung nach hapert es an einer umsichtigen Krankenhausplanung, an der berufsgruppenübergreifenden Zusammenarbeit. Es gibt keine wirklich transparente Personaleinsatzplanung. Pflege ist Austausch und Kommunikation – doch dieser Aspekt gerät immer mehr in den Hintergrund. Es fehlt der Krankenpflege an Anerkennung von oben und an Freiraum für Entscheidungen. Die kurz- wie auch die langfristige Personalplanung läuft oft völlig am tatsächlichen Bedarf vorbei.

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi bezifferte im Februar den Personalmangel in der Pflege auf 70 000 Vollzeitstellen. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft spricht lediglich von 3 000 Stellen. Wir wissen also noch nicht einmal, wie hoch der eigentliche Personalbedarf ist.

Was wir aber wissen, ist, dass sich in den letzten Jahren die Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern nicht zum Besseren entwickelt haben. Die zunehmende Arbeitsverdichtung, die Überforderung durch die wachsende Anzahl von Menschen, die nicht nur der Pflege, sondern auch der Betreuung bedürfen, weil sie zum Beispiel sehr alt oder dement sind, belasten die Gesundheitsberufe im Alltag enorm.

Obendrein wurde das Pflegepersonal in einigen Krankenhäusern in den letzten Jahren noch ausgedünnt, während zugleich das ärztliche Personal weiter aufgestockt wurde. Das verstehe, wer will. Eigentlich sollte es für jedes Krankenhaus ein natürliches Anliegen sein, Personal in der Pflege auszubilden, weiterzubilden und dieses qualifizierte Personal dann auch zu halten. Eine einseitige Fokussierung auf die Sicherung der ärztlichen Belegschaft führt auf Dauer nicht zur Qualitätssteigerung der Behandlung im Krankenhaus. Eine Operation kann eben nicht stattfinden, wenn die OP-Schwestern und Pfleger fehlen, mögen dabei noch so viele Ärzte anwesend sein. Die Genesung der Patienten und Patientinnen ist nach einem gelungenen Eingriff nicht selbstverständlich, wenn danach die pflegerische Versorgung schlecht ist. Wir wissen doch, dass sich die Rationierung von Pflegeleistungen auf die Pflegequalität und somit auf die Ergebnisqualität auswirkt.

Durch die Pflegestudie RN4Cast – eine der bislang umfassendsten Datensammlungen zur Personalplanung in der Pflege – wissen wir, dass die Unzufriedenheit des Pflegepersonals in den letzten Jahren zugenommen hat. Das hat viele Ursachen; eine davon ist die permanente Überlastungssituation durch Unterbesetzung. Auch die fehlende Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die mangelnde Anerkennung in der Organisation und noch vieles mehr führen zu Unzufrie-denheit. Und unzufriedene Pflegekräfte erzielen schlechtere Arbeitsergebnisse. Gerade in einem so personenbezogenen Beruf ist diese Entwicklung nicht akzeptabel.

Die Studie machte auch deutlich, dass eine schlechte Bedarfsplanung von Pflegekräften in einem Land die Arbeitsmigration in andere Länder erhöht. Können wir uns das leisten?

Es darf nicht dazu kommen, dass innerhalb der Krankenhauspersonalplanung die Pflege als Stiefkind behandelt wird, dass die Pflege als der Bereich gilt, bei dem man als Erstes kürzen kann, wenn das Budget knapper zu werden droht. Doch genau diese Entwicklung sehen wir derzeit.

Deshalb sehen auch wir Grüne die Notwendigkeit einer Personalbemessung in der Pflege. Aber wir dürfen dabei die anderen Faktoren nicht aus den Augen verlieren, die die Arbeitszufriedenheit beeinflussen. Und es muss uns klar sein, dass wir derzeit über kein wirklich gutes Instrumentarium verfügen. Die Pflege-Personalregelung, PPR, ist aus heutiger Sicht nicht mehr ausreichend. Sie ist zu oberflächlich und nicht mehr aktuell.

Was wir also brauchen, ist ein neues Personalbedarfsermittlungsverfahren. Das muss sowohl den fixen Aufwand pro Patient und Patientin als auch den variablen und zusätzlichen Aufwand abbilden. So sind beispielsweise bei einer OP-Vorbereitung immer gleiche Maßnahmen notwendig, die gut kalkulierbar und planbar sind. Es gibt variable Aufwendungen, wie die -Versorgung einer Wunde, die sich unterschiedlich, unvorhersehbar, entwickeln können und auch an die Aufenthaltsdauer im Krankenhaus gebunden sind. Zudem gibt es einen Zusatzaufwand, der je nach Anzahl der Erkrankungen des Patienten und der Patientin weitere Pflegetätigkeiten erfordert. All diese Positionen müssen jeweils an die unterschiedlichen Fachbereiche eines Krankenhauses angepasst werden.

Das ist kein leichtes Unterfangen, und das sollten wir bei allem Eifer auch berücksichtigen.

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