Bundestagsrede von 21.03.2013

Streichung des Doktorgrades

Krista Sager (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Deutlich über ein Jahr ist es nun her, genauer: Im Dezember 2011 war es, als wir hier erstmalig über den grünen Gesetzentwurf zum Verzicht auf die Eintragung des Doktorgrads in Pass- und Personaldokumenten berieten. Damals hatte ich deutlich gemacht, dass diese Eintragungspraxis überflüssig, aufwendig und im Übrigen international völlig unüblich ist.

Den Doktorgrad im Ausweis oder Pass einzutragen, führt auch weg von der eigentlichen Bedeutung der Promotion. Es waren Kritiker aus dem Wissenschaftsbereich, die im Zusammenhang mit der Diskussion über prominente Plagiatsfälle darauf hinwiesen, man solle die Promotion auf ihre ureigenste Bedeutung -zurückführen, nämlich als Nachweis der besonderen wissenschaftlichen Qualifikation. Heute können wir feststellen, dass sich die Stimmen derer, die den Doktorgrad von gesellschaftlichen Überhöhungen entlasten wollen, vermehrt haben.

Die Eintragung in die Personaldokumente leistet dem Missverständnis Vorschub, es ginge beim Doktor um die herausgehobene ehrenvolle Bezeichnung einer Person statt um einen Qualifikationsnachweis. Zum Teil wird der Doktorgrad hierzulande auch heute noch wie eine Art „bürgerlicher Adelstitel“ oder Namensbestandteil behandelt. Das hat auch gerade mit dieser Konvention zu tun, dass der Doktor auf Wunsch in Pass und Personalausweis eingetragen werden kann und also wie ein Bestandteil des Namens erscheint.

Tatsächlich ist der Doktor aber weder ein persön-licher Titel noch ein Namensbestandteil. Zur Identifikation einer Person ist der Doktorgrad nicht notwendig. Auch ist die Eintragung in die Personaldokumente mit überflüssigem bürokratischem Aufwand verbunden.

Vor diesem Hintergrund haben wir in einem Gesetzentwurf beantragt, den Doktorgrad künftig nicht mehr in Pass und Personalausweis einzutragen. Durch die Streichung fiele ein Anreiz weg, den Doktor vor allem aus Gründen der gesellschaftlichen Reputation oder gar „Titelhuberei“ zu erlangen. Ganze Beratungsagen-turen gründen auf derlei Motivationslagen ihr einträgliches Geschäftsmodell: Sie bieten an, Dr.-Interessierten bei der Mühsal der wissenschaftlichen Arbeit unter die Arme zu greifen. Das Ergebnis sind dann Promo-tionen, deren Sinn für den Inhaber einzig darin liegt, mit dem Titel glänzen zu können.

Leider haben Sie in der Koalition bislang die Chance verpasst, sich in der Sache zu bewegen. Ich erinnere daran, dass Bundesinnenminister Schäuble bereits 2007 in einer Initiative für die Abschaffung der Eintragung des Doktorgrads in Pass und Personalausweis geworben hat. Seitens der Bundesländer ist das einzig an den Einwänden von Bayern und Thüringen gescheitert.

Erfreulicherweise besteht bei den Oppositionsfraktionen zumindest großes Einvernehmen, dass der Doktor in Pass und Ausweis nichts zu suchen hat. Insofern sehe ich sehr gute Chancen, dass sich hier bei einem erneuten Anlauf in der kommenden Legislaturperiode etwas tut und wir in Bundesrat und Bundestag eine Mehrheit dafür erreichen können, diese Sondersituation in Deutschland zu beenden. Schwarz-Gelb allerdings scheint auch in dieser Frage wieder mal nicht die Kurve zu kriegen.

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