Bundestagsrede von 16.05.2013

Sozialer Tourismus

Bettina Herlitzius (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Der Tourismus in Deutschland boomt, aber nicht für jeden und überall. Dennoch ist Tourismus für viele Menschen ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens. Bedürfnisse nach Erholung, Bildung, Gesundheit, Kultur, Sport und Naturerleben werden vielfach durch Reisen realisiert. Reisen ist Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben und nimmt seit Jahren einen der vorderen Plätze bei der Freizeitgestaltung von Menschen ein. So liegt zum Beispiel die Zahl der Familien, die sich keine Urlaubsreisen mehr leisten können, seit 2009 bei circa einem Viertel der Bevölkerung. Diese Zahl unterstreicht, dass unsere Gesellschaft sozial auseinanderdriftet. Das spiegelt sich auch im Tourismus wider. Trotzdem kann es nicht nur darum gehen, Geld in die Hand zu nehmen. Vielmehr müssen wir Strategien entwickeln, die den sozialen Tourismus vor allem regional in vorhandene und zu entwickelnde Wirtschaftsstrukturen integrieren und nachhaltig gestalten. Schließlich kann es an dieser Stelle nicht darum gehen, die Billigflugreise nach Mallorca zu finanzieren.

Wir Grüne wollen einen Tourismus, der Menschen ein- und nicht ausschließt. Eine bessere Zusammenarbeit von Bund, Ländern und Kommunen in Bezug auf Projekte des sozialen Tourismus ist deshalb auch aus unserer Sicht wünschenswert. Die Stärkung der Infrastruktur wie beispielsweise die Steigerung der Attraktivität vorhandener Naherholungszentren durch Ausbau oder Sanierung kommt auch Familien mit niedrigeren Einkommen zugute, die auf diese Nah-erholungsgebiete angewiesen sind. Dennoch wollen auch wir den Kinder- und Jugendtourismus allen Gesellschaftsgruppen zugänglich machen. Umwelt- und Sprachbildung sind ebenso wie kultureller Austausch wesentliche Aspekte einer nachhaltigen Gesellschaft und dienen zugleich der Völkerverständigung.

Wir alle wissen: Reisen trägt zu einer positiven Persönlichkeitsentwicklung bei. Für Kinder und Jugendliche gilt das besonders. Hier eine Teilhabe aller Kinder und Jugendlichen zu gewährleisten, muss unser Ziel sein. Wir können es uns nicht mehr erlauben, ganze gesellschaftliche Gruppen bzw. deren Kinder davon auszuschließen.

Für circa 2,2 Millionen Kinder und Jugendliche besteht die Gefahr, aus sozialen Gründen nicht an Reisen, Klassenfahrten, Freizeiten und anderen Angeboten teilnehmen zu können. Obwohl es für Haushalte mit besonders niedrigem Einkommen die Möglichkeit gibt, dass der Staat die Kosten für ein- und mehrtägige Klassenfahrten übernimmt, nehmen Jugendliche aus einkommensschwachen Familien mit 70,4 Prozent allerdings deutlich weniger am Tourismus teil. Ebenso erleben wir in den letzten Jahren einen deutlichen Rückgang der öffentlich geförderten Kinder- und Jugendreisen. Die soziale Schere öffnet sich weiter. Deshalb muss sich die öffentliche Hand wieder stärker engagieren, gerade bei den geförderten Kinder- und Jugenderholungen.

Aber wir brauchen auch faire Urlaubsangebote, wie sie beispielsweise vom Jugendherbergswerk, von Kirchen, Sozialverbänden etc. zur Verfügung gestellt -werden. Hier wurden die Mittel für Jugendherbergen, Bildungs- und Begegnungsstätten im laufenden Bundeshaushalt um die Hälfte auf nur noch 1,5 Millionen Euro gekürzt. So bleiben notwendige Investitionen in diesem Bereich auf der Strecke. Darüber hinaus werden zentrale Probleme nur angedeutet. Wichtige Fragen nach der Finanzierung, einer besseren Zusammenarbeit der Institutionen werden nicht behandelt.

Bündnis 90/Die Grünen setzen sich politisch für einen nachhaltigen und regionalen Tourismus ein, der auch faire Löhne für die im Tourismus Beschäftigen impliziert. Nur wenn wir in unserer Gesellschaft dazu kommen, dass Menschen für ihre Arbeit, egal in welcher Branche, auch faire Löhne erhalten, wird Menschen gleichberechtigte Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben überhaupt ermöglicht.

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