Bundestagsrede von Nicole Maisch 16.05.2013

Kita- und Schulverpflegung

Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:

Das Wort hat nun Nicole Maisch für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.

Nicole Maisch (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die Kolleginnen und der Kollege von Union und FDP haben heute zum wiederholten Mal ihre Lieblingsausrede für politisches Wenig- oder Nichtstun zur Aufführung gebracht: Sie fühlen sich einfach nicht zuständig für die Schulernährung.

(Hans-Michael Goldmann [FDP]: Großartig! Sie hatten schon einmal mehr geboten!)

Handeln sollen immer die anderen: die Kommunen, die Bundesländer, Frau Crone,

(Hans-Michael Goldmann [FDP]: Nein, da fehlt die Zuständigkeit!)

die EU, im Fall von Frau Stauche auch die Eltern am heimischen Herd. So ist es natürlich auch beim Thema „Mittagessen an Schulen“.

Dabei wissen die PR-Profis auf der Ministerinnenbank doch durchaus, dass man mit dem Thema „gesunde Ernährung für Kinder“ bei den Bürgern und Bürgerinnen punkten kann. Die Ernährungsministerin weiht mit Herrn Mälzer zehn Schulküchen pro Jahr ein. Die So-zialministerin verkauft ihr Bildungs- und Teilhabepaket als wirksames Mittel, das jedem Kind ein warmes Mittagessen auf den Tisch bringt.

(Beifall der Abg. Carola Stauche [CDU/CSU] und Hans-Michael Goldmann [FDP])

Die Öffentlichkeitsarbeit war wie immer grandios. Chapeau, die Damen! Aber wo sind die konkreten Schritte zur Einführung einer gesunden und bezahlbaren Verpflegung für alle Schul- und Kindergartenkinder in unserem Land?

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN)

Die Notwendigkeit ist unbestritten; Frau Binder hat Ihnen das, denke ich, überzeugend dargelegt. Auch die Handlungsmöglichkeiten des Bundes sind vorhanden. Was Ihnen fehlt, sind Kreativität und politischer Gestaltungswille.

Sie kennen die erschreckenden Zahlen zu Übergewicht und Fehlernährung bei Kindern. Sie wissen, dass Ganztagsschule ohne vernünftiges Essen nicht funktionieren kann. Sie wissen auch, dass von Übergewicht und Fehlernährung besonders Kinder aus armen Familien betroffen sind. Hier bildet sich die soziale Spaltung an den Körpern der Kinder ab. Ich denke, das sollte für Sie Motivation für politisches Handeln sein.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der Abg. Karin Binder [DIE LINKE])

Frau Stauche, Sie haben uns die Erfolge der Koalition ausführlich dargelegt. Ich finde es schön, dass es ein Kinderkochbuch gibt. Ich finde es schön, dass es eine entsprechende Homepage gibt. Aber wir wollen, dass Kinder in der Schule etwas Vernünftiges zu essen haben.

(Hans-Michael Goldmann [FDP]: Habt ihr denn Anträge in den Ländern gestellt?)

Ich denke, das ist das politische Ziel.

(Carola Stauche [CDU/CSU]: Ihr seid aber in vielen Ländern beteiligt!)

Aber was macht die Bundesregierung? Sie streicht den Schulvernetzungsstellen das Geld zusammen. Der Bedarf an Schulverpflegung steigt. Sie streichen die Finanzierung zusammen. Das passt inhaltlich nicht zusammen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der Abg. Karin Binder [DIE LINKE])

Frau Stauche, was das Bildungs- und Teilhabepaket angeht, empfiehlt es sich bisweilen, die Empirie der eigenen Argumentation über den eigenen Wahlkreis hinaus auszuweiten.

(Hans-Michael Goldmann [FDP]: Na, na, na, Frau Maisch!)

Dann hätten Sie erfahren, dass lediglich 27 Prozent der anspruchsberechtigten Kinder den Anspruch auf ein Mittagessen wahrnehmen. Das liegt daran, dass über 50 Prozent der Anspruchsberechtigten von dem Programm noch gar nichts wissen oder die Beantragung der Leistungen aufgrund von bürokratischen Hindernissen nicht bewältigen können.

(Carola Stauche [CDU/CSU]: Das ist dummer Quatsch!)

30 Prozent der Kinder, die Anspruch auf ein warmes Essen in der Schule haben, besuchen Schulen, in denen es ein solches Angebot nicht gibt. Ich denke, auch das muss Anstoß zu politischem Handeln sein, das über das Kinderkochbuch und die nette Homepage hinausgeht.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Wir Grünen sagen: Alle politischen Ebenen sind im Zusammenspiel gefordert. Wenn Sie auch der Meinung sind, dass kein kleiner Bauch in der Schule oder Kita leer bleiben soll, dann müssten Sie doch die Kommunen und die Länder beim Ausbau von Schulküchen und Mensen unterstützen.

Es war vielleicht nicht der schlaueste Schritt, den Sie – das muss man zugeben – gemeinsam mit der SPD unternommen haben, nämlich ein Kooperationsverbot im Bildungsbereich einzuführen. Das erschwert die Neuauflage eines Ganztagsschulprogramms; aber es wird auch wieder andere Mehrheiten geben, die das hoffentlich beenden.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Lassen Sie uns die Instrumente, die wir schon auf Bundesebene haben, wie die Absatzförderung, die Förderinstrumente in der GAK und die Förderinstrumente für den ökologischen Landbau nutzen, um regionale Strukturen der Schulverpflegung auszubauen.

(Carola Stauche [CDU/CSU]: Das kann man auch alleine! Das funktioniert bei uns!)

Dazu braucht man nicht einmal eine Föderalismusreform. Dazu braucht man einfach nur den Willen und Kreativität.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Die Instrumente liegen auf dem Tisch. Ich finde, Sie sollten sie nicht länger dort liegenlassen, sondern entweder aktiv werden oder es andere besser machen lassen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

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