Bundestagsrede von Friedrich Ostendorff 20.02.2014

Schulobstgesetz

Vizepräsident Johannes Singhammer:

Ich würde vorschlagen, dass wir jetzt doch starten, Herr Kollege Ostendorff.

Friedrich Ostendorff (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Die beabsichtigten Änderungen im Schulobstgesetz finden die Unterstützung unserer Fraktion.

(Zuruf von der CDU/CSU: Hört! Hört!)

Es ist gut, dass die von den Ländern für die Kofinanzierung aufzubringenden Mittel durch die Aufstockung der EU-Mittel zukünftig stark absinken werden.

Die Schulen sind wichtige Multiplikatoren. Unsere Kinder sind die Verbraucher von morgen. Hier müssen Gesundheitserziehung und Ernährungsbildung ansetzen. Hier müssen die Leitbilder nachhaltigen und regionalen Wirtschaftens vermittelt werden.

Meine Damen und Herren, wir Grünen wollen keine krankmachenden, verdorbenen Erdbeeren aus China von Sodexo für 8 Cent pro Kilo, wo doch bei uns Pflaumen, Äpfel, Birnen, Kirschen und die ganze Vielfalt an Früchten an den Bäumen hängt, das Gemüse auf den Feldern wächst oder in unseren Lagern liegt. Wir Grüne wollen lokal produzierte Lebensmittel. Wir wollen eine regionale handwerkliche Verarbeitung und eine gesunde Esskultur.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Wir wollen aber auch die Folgen einer globalisierten Nahrungsproduktion problematisieren. All das lässt sich durch intelligent gestaltete Schulernährungsprogramme erreichen.

Es geht darum, dass sich die Kinder die Bauernhöfe mit den Obstbäumen und Gemüsefeldern anschauen können und sehen, wie ihre Nahrungsmittel produziert werden. Es geht darum, den Bezug zu den Lebensmitteln und ein Gefühl ihrer Wertschätzung zu erreichen. Das kann kein Lehrbuch vermitteln, sondern nur das eigene Erfahren, Entdecken und Erschmecken. Es geht also nicht um Abfüttern, sondern um Gesundheits- und Ernährungserziehung. Ich sage nur: Der Spruch „An apple a day keeps the doctor away“ gilt hier immer noch.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

In Deutschland beteiligen sich leider erst sieben, zukünftig acht Bundesländer an diesem hervorragenden Programm. Wer hätte denn gedacht, dass sich auf europäischer Ebene Italien am stärksten engagiert? Ich habe die Umsetzung dieses Programms, mit dem Regionalität und Qualität sehr gut umgesetzt werden, in Nordrhein-Westfalen, dem Vorreiterland bei der Schulobsternährung, von Anfang an begleitet.

Zentral für ein erfolgreiches Schulobst- und -gemüseprogramm ist die Auswahl der Anlieferer; das ist die zentrale Frage. Die Auswahl erfolgt nicht über eine Ausschreibung, die nur den billigsten Anbieter fördert und am Ende zu besagten chinesischen Erdbeeren oder zu einem Lieferanten führt, der am Großmarkt zum Schluss den Ramsch abräumt. Die Anbieter aus der Region – sie müssen die Lieferanten sein. Das sind oft Bauern und Bäuerinnen, die direkt vertreiben, oder auch lokale Händler. Sie werden von den Schulen in NRW vorgeschlagen, beruhend auf guter Erfahrung und Zusammenarbeit. Die Zulassung erfolgt zentral auf Landesebene. Die Vergütung erfolgt in NRW nach einem Festpreismodell.

Wichtig ist auch die Einbindung von Eltern, Lehrkräften und ehrenamtlichem Engagement in das Programm. Dies ist notwendig, weil das Obst und Gemüse – wenn es geht, in Bioqualität – ordentlich gewaschen und geschnitten präsentiert werden muss. Leider essen die wenigsten Kinder einen ganzen Apfel. Mein Dank geht hier ausdrücklich – es wurde eben schon erwähnt, aber auch ich will es sagen – an die Landfrauen, die oftmals die praktische Umsetzung dieses Programms mit ermöglicht haben.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Dr. Kirsten Tackmann [DIE LINKE])

Meine Damen und Herren, das ist der Weg, den wir weitergehen müssen, um zu verhindern, dass unsere Schulen in Zukunft von den gerade vorgestellten neuen Paketen von Amazon Fresh beliefert werden.

Bei der Schulverpflegung mit den unmoralisch niedrigen Tagessätzen pro Kind sind wir leider längst noch nicht bei ausgewogenen, qualitativ hochwertigen Mahlzeiten angelangt. Viele Kinder sind heutzutage leider von morgens bis abends aus dem Haus und daher oft in der Auswahl ihrer Ernährung auf sich allein gestellt und der irreführenden Werbung der Ernährungsindustrie ausgeliefert. Deshalb müssen wir uns in der Politik viel stärker um das Thema ausgewogene Ernährung kümmern. Für uns alle gilt: Hier gilt es, anzusetzen, um Bewusstsein für gesunde Ernährung auszubilden und regionale Versorgung flächendeckend umzusetzen. Das heißt für uns: grüne Ernährungswende.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

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