Bundestagsrede von Annalena Baerbock 06.11.2014

Weltklimabericht

Vizepräsidentin Edelgard Bulmahn:

Als nächste Rednerin spricht Annalena Baerbock.

Annalena Baerbock (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Da Matthias Miersch gleich losmuss, fange ich gleich mit Ihnen an: Wir würden die Bundesumweltministerin ja gerne unterstützen. Liebe Frau Hendricks, dann müssen Sie aber auch ehrlich sein. Sie haben groß angekündigt: Wir wollen eine Reform des ETS, am besten 2017. – Das wird nicht eintreten, und jetzt sagen Sie hier: Die Ergebnisse sind ein großer Erfolg. – Das passt vorne und hinten nicht zusammen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Sie haben groß angekündigt: Wir wollen aus der KfW-Finanzierung für Kohlekraftwerke aussteigen. Jetzt ist relativ klar, dass das nicht die IPEX-Projekte betreffen wird. Auch das kann man nicht als Erfolg verkaufen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Sie haben außerdem groß angekündigt: Kohlekraftwerke müssen vom Markt. – Wir wollen Sie da unterstützen. Aber darum haben wir gehofft, dass Sie jetzt hier das tun, was Herr Miersch mittlerweile gemacht hat, nämlich zu sagen: Wir halten an dem 40‑Prozent-Ziel fest.

(Dr. Matthias Miersch [SPD]: Das hat sie -gesagt!)

– Nein, sie hat gesagt: Wir halten am 2‑Grad-Ziel für 2050 fest.

(Dr. Matthias Miersch [SPD]: Nein! – Frank Schwabe [SPD]: Nein! Nachlesen, Leute!)

Außerdem hätten Sie Herrn Homann eine deutliche Absage erteilen sollen und hätten sagen sollen, dass es nicht sein kann, dass wir dieses Klimaziel aufkündigen. Wenn Sie das täten, unterstützen wir Sie dabei; aber dann kämpfen Sie auch dafür.

Lieber Herr Miersch, kämpfen Sie in der SPD dafür, dass das auch im Wirtschaftsministerium so gesehen wird. Es ist ja nicht so, dass es von irgendeiner anderen Partei geführt wird. An dessen Spitze sitzt die SPD, und aus diesem Hause wird dieses Ziel infrage gestellt. Deswegen ist es Ihre Verantwortung, für die Erreichung dieses Ziels ordentlich zu kämpfen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Ralph Lenkert [DIE LINKE])

Was klar ist: Mit den Zielen, die beim EU-Gipfel festgelegt wurden, erreichen wir das 2‑Grad-Ziel eben nicht. Daher kann es doch nicht richtig sein, die Ergebnisse des EU-Gipfels hier als Erfolg zu verkaufen. Wir müssen eine Schippe oben drauflegen. Wenn Sie, wie hier immer propagiert, die Vorreiterin sind, warum machen Sie es dann nicht wie Dänemark? Frau Weisgerber, Dänemark hat nach dem Gipfel verkündet: Das reicht uns nicht; deswegen legen wir eine Schippe oben drauf und sagen: Wir wollen nicht erst 2030 aus der Kohle aussteigen, sondern schon 2025. – Solche Worte kamen aus Deutschland nicht. Man stellt hier eher das Klimaziel -infrage. So etwas macht doch kein Vorreiter.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Ralph Lenkert [DIE LINKE] – Zuruf der Abg. Dr. Anja Weisgerber [CDU/CSU])

– Frau Weißgerber, ich weiß, Sie wollen darüber nicht reden; Sie haben ja eben noch einmal offiziell zu Protokoll gegeben, dass es Sie nervt, alle zwei Wochen über Klimafragen zu reden. Wir aber wollen darüber reden. Weil es ja viel zu tun gibt, legen wir nicht die Hände in den Schoß; vielmehr müssen wir Antworten geben, und genau das erwarten wir auch von Ihnen als Regierungsfraktionen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Dr. Anja Weisgerber [CDU/CSU]: Machen wir auch! Aber wir reden nicht nur, sondern wir machen!)

– Ja, dann machen Sie mal.

(Oliver Krischer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Frau Weisgerber, was machen Sie denn? Nichts!)

Der IPCC hat uns klar gesagt, wir müssen jetzt und nicht irgendwann in 20 Jahren mit dem Klimaschutz anfangen. Das sagt nicht nur der IPCC, sondern das sagen auch große Wirtschaftsunternehmen. Sie haben Ihnen vor dem EU-Ratsgipfel doch einen Brief geschrieben und haben gesagt: Wir brauchen ambitionierte 2030-Ziele, weil wir sonst im internationalen Vergleich nicht mehr wettbewerbsfähig sind. Ignorieren Sie doch nicht einfach, was Ihnen die Wirtschaft da rät.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Zuruf der Abg. Dr. Anja Weisgerber [CDU/CSU])

Andere Länder wie Schweden gehen voran. Schweden sagt: Unser Staatskonzern Vattenfall soll aus der Kohleverstromung aussteigen. Was ist die Antwort aus Deutschland? Die SPD-Linken-Regierung in Brandenburg sagt – man muss es leider so klar feststellen –: Oh, mein Gott, die Schweden wollen aus der Kohleverstromung aussteigen; dann steigen wir als Land Brandenburg am besten ein. – Das würde das nur künstlich -verlängern. Weil sich aus wirtschaftlichen Gründen kein Unternehmen findet, das dieses Risiko eingehen will, -erwägt jetzt der neue Ministerpräsident Woidke sogar, öffentliche Bürgschaften auszureichen, damit es einen neuen Betreiber von Kohleverstromung gibt. Das ist mehr als absurd.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Eva Bulling-Schröter [DIE LINKE])

Wir fordern Sie daher noch einmal eindringlich auf: Machen Sie als Bundesumweltministerin, als SPD-Fraktion, als Klimapolitiker innerhalb der CDU/CSU deutlich: Hände weg vom Klimaziel! Wir müssen bei dem 40-Prozent-Ziel für 2020 bleiben. Wir müssen dabei bleiben, den Wandel im fossilen Kraftwerkspark einzuleiten, und zwar nicht nur aus ökologischen, sondern auch aus ökonomischen Gründen; denn wir wissen: So kann es im Strommarkt nicht weitergehen. Wenn Sie am 3. Dezember nicht zu dieser Erkenntnis kommen sollten, dann können Sie gleich die Hotelbuchungen für Lima stornieren; denn wir brauchen gar nicht nach Lima zu fahren, wenn Deutschland dort nichts vorzutragen hat.

Wenn Sie sagen: „Wir wollen da nichts weiter tun“, dann schlagen Sie doch einmal im IPCC-Report nach! In dem Bericht steht deutlich: Wenn wir so weitermachen wie bisher, wenn wir an die fossilen Energien nicht herangehen, dann wird es zu einer Erderwärmung um mehr als 4 Grad Celsius kommen. Wenn es zu einer Erderwärmung um mehr als 4 Grad Celsius kommt, dann steigt der Meeresspiegel um mindestens 80 Zentimeter. – Sie können in Ihre zukünftigen Haushalte schon einmal die Milliarden einstellen, die wir brauchen, um Deutschland davor zu schützen.

Herzlichen Dank.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

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