Bundestagsrede von Friedrich Ostendorff 13.11.2014

Antibiotika in der Tierhaltung

Rede zu Protokoll

Friedrich Ostendorff (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Sie alle wissen, wir Grüne kämpfen für eine artgerechte Haltung von Tieren. Doch was sagt man dazu: Bei der Eröffnung der weltgrößten Fachmesse für Nutztierhaltung, der EuroTier in Hannover, verkündete DLG-Präsident Bartmer in dieser Woche, Tierhaltung könne gar nicht artgerecht sein. Welche Konsequenzen sind nun aus seiner Aussage zu ziehen? Doch das nur nebenbei.

Ich möchte heute mit Ihnen in erster Linie über unsere Aufforderung an Sie diskutieren, die Regelungen beim Handel mit Antibiotika für die Tierhaltung umzugestalten. Denn was ist die Legitimation für Mengenrabattierungen bei Antibiotika in der Tierhaltung? Der Einsatz dieser hochwirksamen Arzneimittel muss auf die akute Behandlung des erkrankten Einzeltiers reduziert werden. Die Gewährung von hohen Mengenrabatten und die großen Spannen bei der Preisgestaltung sind hierfür das denkbar falsche Signal und bieten zu viele ökonomische Anreize, in hohen Mengen Antibiotika billigst zu verscherbeln.

Stellen wir uns kurz vor, ich sei ein Landtierarzt mit eigener Praxis: Ich kaufe 40 Flaschen eines Antibiotikums mit dem Listenpreis 20 Euro und bekomme sie für 18 Euro. Dies führt zu einem Verkaufspreis von 26 Euro, der meiner Apotheke einen Rohertrag von 8 Euro einbringt. Mein Nachbar dagegen, ein Veterinär, der in einer Großpraxis mit 10 Kolleginnen und Kollegen Geflügelmastställe „betreut“, kauft 400 Flaschen. Der Listenpreis bleibt gleich bei 20 Euro, er bekommt sie aber für 10 Euro pro Stück. Wenn er sie für 21 Euro an den Landwirt abgibt, ist dieser natürlich begeistert über den geringen Preis, und die tierärztliche Apotheke kann einen Rohertrag von 11 Euro verbuchen. Das ist nicht vernünftig, das ist nicht zielführend, das ist Schwachsinn. Und eine Mischung aus unternehmerischem Ehrgeiz und menschlicher Gier kann hier leicht dazu führen, dass mehr Antibiotika in den Ställen landen als notwendig. Ich teile die Einschätzung, die 2012 der damalige Staatssekretär Gerd Lindemann im BMELV gab: Tierärztinnen und Tierärzte müssen für ihre medizinische Leistung bezahlt werden, nicht für das Ausfüllen von Abgabebelegen für Antibiotika.

Der aktuelle Bericht der Europäischen Arzneimittelagentur macht es deutlich: Deutschland ist Spitzenreiter beim absoluten Verbrauch von Antibiotika in der Tierhaltung. Und bezogen auf den vorhandenen Tierbestand befinden wir uns in der Spitzengruppe mit Zypern, Ungarn, Spanien und Italien. Die Bundesregierung unternimmt nichts, um daran etwas zu ändern! Es wurde zwar als großer Erfolg gefeiert, dass die absoluten Abgabemengen von 2011 auf 2013 gesunken sind. Dabei wird allerdings unter den Teppich gekehrt, dass im gleichen Zeitraum die Abgabe von Reserveantibiotika sprunghaft angestiegen ist. Bei den Cephalosporinen der dritten Generation stieg die Abgabe innerhalb von zwei Jahren um 25 Prozent, bei den Fluorchinolonen sogar um 60 Prozent. In der Dosierung unterscheiden sich die verschiedenen Antibiotika erheblich, und gerade die kritischen Reserveantibiotika werden sehr niedrig dosiert. Es werden bei Tetracyclinen beispielsweise 80 mg pro kg Körpergewicht eingesetzt, bei Cephalosporinen dagegen nur 1 bis 2 mg pro kg Körpergewicht. Berücksichtigt man diese fachliche Ebene, ist die signifikante Erhöhung der Reserveantibiotika geradezu alarmierend und nivelliert den Rückgang der absoluten Menge. Deshalb muss die Tagesdosis endlich mit erfasst werden. Reserveantibiotika müssen weitestgehend aus der Tierhaltung verschwinden. Deshalb: Verbieten Sie endlich den Einsatz von Reserveantibiotika in der Tierhaltung, mit wenigen begründeten Ausnahmen.

In der letzten Woche mussten wir zur Kenntnis nehmen, dass im Landkreis Cloppenburg Sulfadimidin, ein Antibiotikum, das nur in der Tierhaltung eingesetzt wird, in Trinkwassermessstellen nachgewiesen wurde. In der Region mit der höchsten Viehdichte in ganz Europa. Und wieder: Die Bundesregierung unternimmt nichts, um daran etwas zu ändern. Ganz im Gegenteil: Der Bauernverbandsvorsitzende der Region behauptete steif und fest, die gefundenen Antibiotika kämen aus der Humanmedizin, obwohl sie dort nachweislich nicht zugelassen sind.

Ich möchte einerseits heute um Ihre Unterstützung werben, das Dispensierrecht anzupassen und zu mehr Vernunft umzugestalten. Das heißt, das Rabattierungssystem muss abgeschafft werden, weil es falsche Anreize gibt. Nicht weniger, sondern mehr Verbrauch wird hier belohnt.

Aber andererseits möchte ich Sie fragen, wie wir die Tierhaltung in der Landwirtschaft handhaben wollen. Sehen wir unsere Bäuerinnen und Bauern, da beziehe ich mich mit ein, als Tierhalter, die sich verantwortungsvoll um die ihnen anvertrauten Geschöpfe kümmern, ihnen ein artgerechtes Leben ermöglichen und so wertvolle Lebensmittel erzeugen? Oder degradieren wie sie als Mäster oder Ferkelproduzenten, die so in der Tretmühle aus Ramschpreisen, Kosteneffizienz und Produktivität gefangen sind, dass sie gar keine Wahl haben, als immer mehr Tiere zu halten und ihnen eine immer unnatürlichere Leistung abzutrotzen? Es muss Schluss sein damit, dass 70 Prozent des Schweinefleischs in Rabattschlachten verramscht werden.

Ich sage Nein, und die Mehrheit der Konsumentinnen und Konsumenten sagt Nein. Nun bedarf es etwas Mut und Rückgrat, um gemachte Fehler einzugestehen und die Tierhaltung umzugestalten. Es wäre für alle ein Gewinn, für die Tiere, für die Umwelt und für die Menschen. Nehmen wir den Wunsch der Menschen endlich ernst, mit unseren Nutztieren verantwortlich umzugehen.

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