Bundestagsrede von Özcan Mutlu 06.11.2014

Anti-Doping-Gesetz

Rede zu Protokoll

Özcan Mutlu (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Ich bin mir sicher, dass wir über alle Fraktionen hinweg übereinstimmen: Der Kampf gegen Doping ist eines der zentralen Themen im Sport. Gleichzeitig bestimmt Doping auch viele Diskussionen im Spitzensport. Schauen Sie auf den internationalen Radsport, wo trotz der Dopingskandale und der gefallenen Radsporthelden wie Armstrong munter weitergedopt wird.

Mitte Oktober standen 112 Profifahrer auf der Sperrliste des Weltverbandes UCI und die Dunkelziffer wird weit höher sein. Und mit dem Rugby kommt ganz aktuell eine weitere Mannschaftssportart in Frankreich und Kanada in die Diskussion. Vielleicht sollten wir uns auch den Fußball genauer anschauen. Jedenfalls ist ein AntiDopingGesetz überfällig.

Auch in diesem Bereich hat die Bundesregierung viel angekündigt, hier warten wir auf die Lieferung. Es ist doch mehr als peinlich, sich vom Chef der US-Antidopingbehörde Trevis Tygart belehren lassen zu müssen, wie der Kampf gegen Doping in Deutschland geführt werden müsste. Das Schlimme ist doch, dass er in der Analyse recht hat und dass unsere Anstrengungen nicht weit genug gehen.

Dieser mangelnde Wille in Deutschland zeigt sich zum Teil auch im Umgang mit der Dopingvergangenheit unseres Landes. Die Opfer des systematischen Dopings in der DDR werden weiterhin mit den gesundheitlichen Folgen alleinegelassen, und es gibt keine Anzeichen, dass sich etwas grundsätzlich an dieser Haltung ändert. Aktuelles Beispiel Freiburg: Hier scheint die Arbeit einer wichtigen Kommission zur Aufarbeitung der Dopingforschung in Westdeutschland durch die betroffene Universitätsklinik behindert zu werden. Das darf nicht hingenommen werden. Also, wo bleibt die Initiative der Bundesregierung in der AntiDopingGesetzgebung? Ich bin gespannt, ob sich bis zum Ende der Wahlperiode etwas tut – nötig ist es längst.

Inhaltlich möchte ich dafür werben, den Zweck eines AntiDopingGesetzes auf den Schutz der Sportlerinnen und Sportler und des Wettbewerbs im Sport vor unlauteren Manipulationen auszurichten. Die Einführung einer Besitzstrafbarkeit und die Ausrichtung des Gesetzeszwecks auf die Gesundheit der Sportlerinnen und Sportler sind nicht auf der Höhe der Zeit. Vor allem ist es auch höchst fragwürdig, der mit der Einnahme von Dopingmitteln verbundenen Eigengefährdung mit den Mitteln des Strafrechts zu begegnen.

Und bezüglich der Meldepflichten der Sportlerinnen und Sportler braucht es eine eindeutige Rechtsgrundlage. Dabei darf es nicht nur um die Verpflichtung der Sportlerinnen und Sportler gehen, jederzeit ihren Aufenthaltsort der NADA mitzuteilen, sondern dies auch datenschutzrechtlich abzusichern. Denn wenn wir schon auf der einen Seite die Strafbarkeit deutlich verschärfen, müssen wir wenigstens diskutieren und Wege aufzeigen, wie im Gegenzug das Recht der Sportlerinnen und Sportler auf Privatsphäre gestärkt werden müsste.

Wir sind nicht der Auffassung, dass Sportlerinnen und Sportler völlig rechtlos gestellt werden dürfen.

Wir sollten uns aber auch fragen, ob wir nicht auch die Fördermechanismen des Leistungssports und die wieder stärker diskutierte Ausrichtung auf Medaillen überdenken müssen.

Denn wenn wir davon ausgehen – und meiner Einschätzung nach müssen wir dies –, dass im internationalen Spitzensport Doping leider nicht die absolute Ausnahme, sondern eher die Regel ist, wird eine einseitige Ausrichtung der Sportförderung auf Medaillen nicht für weniger Doping im Sport sorgen.

Ich freue mich auf unsere kommenden Diskussionen.

4393591