Bundestagsrede von Ulle Schauws 06.11.2014

Gleichstellung im Kulturbetrieb

Ulle Schauws (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrte Gäste, die ich heute besonders begrüßen möchte! Kultur lebt von Vielfalt, und auf unsere kulturelle Vielfalt sind wir in Deutschland besonders stolz – zu Recht.

Aber Vielfalt heißt nicht nur Auswahlmöglichkeiten aus einem möglichst breiten kulturellen Angebot. Nein, das heißt auch, die Unterschiedlichkeit in der Kultur zu fördern. Kunst als gesellschaftlicher Spiegel gewinnt durch die Vielfalt der verschiedenen Blickwinkel. Kunst gewinnt durch die unterschiedlichen Perspektiven derer, die sie machen.

Darum müssen Frauen in allen Bereichen der Kunst und Kultur selbstverständlicher Teil sein, genauso wie Männer. Aber genau da liegt das Problem. Fakt ist: 2014 sind weder Bezahlung, Arbeit oder Macht bei den circa 1 Million Erwerbstätigen in der Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland gerecht verteilt. Frauen haben hier – und ich rede von der bestausgebildetsten Frauengeneration, die es je gab – nach wie vor das Nachsehen. Für den Kulturbetrieb gilt das Gleiche wie für die Wirtschaft: Je höher Gehalt, Ansehen oder Funktion einer Stelle, desto geringer ist der Frauenanteil. Die Schieflage besteht – ich betone es nochmals – trotz einer steigenden Anzahl von Absolventinnen in den künstlerischen Studiengängen. Im Kulturbetrieb herrscht ein großes Ungleichgewicht in der Stellenverteilung zwischen Frauen und Männern, insbesondere in Leitungen bei Theatern, Orchestern und auch in den Film- und Fernsehproduktionen.

Aktuell macht die Initiative Pro Quote Regie deutlich, wie stark diese Missstände sind: Im letzten Jahr waren unter den 115 aus dem Deutschen Filmförderfonds unterstützten Projekten nur 13 Projekte von Regisseurinnen. In Euro heißt das: 62 Millionen Euro Fördergelder für Männer gegen 6 Millionen für Frauen. Das heißt, weniger als 10 Prozent der Mittel gingen an Regisseurinnen. Und was glauben Sie wohl, wie viele der Folgen der beliebtesten deutschen Krimiserie Tatort 2013 unter der Regie einer Frau gedreht wurden? 3 von 82. Unglaublich, oder?

Meine Damen und Herren, das Grundgesetz verpflichtet die Bundesregierung zur Förderung der tatsächlichen Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern. Das gilt auch für den Kulturbetrieb. Die Bundesregierung steht somit auch in der Verantwortung, Frauen in öffentlich finanzierten Kultureinrichtungen und Projekten zu unterstützen. Wir fordern Sie daher auf: Verteilen Sie die öffentlichen Gelder geschlechtergerecht!

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN sowie der Abg. Dr. Eva Högl [SPD])

Die Förderkriterien für den Etat der Beauftragten für Kultur und Medien müssen sich für Frauen und Männer gleichermaßen gut auswirken; darum müssen Sie sie anpassen.

Man sollte meinen, 2014 sei es selbstverständlich, dass Jurys zur Hälfte aus Frauen bestehen. Das ist leider eine Illusion. Deshalb wollen wir eine 50/50-Besetzung aller Gremien aus dem Hause der BKM, die Fördergelder vergeben, und wir brauchen eine paritätische Geschlechterverteilung bei der Vergabe von Förderprojekten und Preisen durch Jurys. Hier sollten nur in begründeten Einzelfällen Ausnahmen möglich sein.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Harald Petzold [Havelland] [DIE LINKE])

Und, meine Damen und Herren, es kann ja wohl nicht sein, dass die Daten zur Situation von Frauen und Männern im Kulturbetrieb 15 Jahre alt sind. Da ist das Wegsehen der Bundesregierung quasi symbolisch. Diesen Mangel müssen Sie beheben.

Ich höre die Kritikerinnen und Kritiker schon stöhnen: Jetzt auch noch eine Quote für den Kulturbetrieb! Wenn es um Inhalt, Talent und künstlerische Freiheit geht, setze sich Qualität schon durch, heißt es ja gerne. Nein, sagen wir, das ist kein Argument. Künstlerische Produktionen von Frauen leiden doch nicht an Qualitätsmangel. Künstlerinnen leiden unter den Strukturen in einem System, das ihnen Chancen verwehrt. Eine Quote bringt mehr künstlerische Freiheit, sie schützt die Freiheit der Kultur.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Wir wissen: Freiwillige Vereinbarungen und unverbindliche Regelungen haben für Frauen in der Wirtschaft bislang nichts verbessert. Darum fand ich es schon ganz schön hanebüchen, wie Sie von der CSU immer noch verzweifelt versuchen, die Frauenquote in der Wirtschaft noch mal zu verzögern.

Dass Erfolge hingegen durch verbindliche Vorgaben erzielt werden können, dafür gibt es gute Beispiele. Schweden hat 2012 eine Quote für die Filmförderung eingeführt. 40 Prozent des Filmförderbudgets werden seitdem in den Positionen Regie, Drehbuch und Produktion an Frauen vergeben. So sieht für uns eine erfolgreiche Film- und eine geschlechtergerechte Kulturförderung aus.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Meine Damen und Herren, es geht um die Chancengleichheit für Frauen. Es geht nicht darum, ob Frauen und Männer besser oder schlechter arbeiten. Es geht um gleiche Arbeitsmöglichkeiten und gleiche Aufstiegschancen. Es geht um eine gerechte Verteilung von Geld und Perspektiven. Wenn wir als Bundespolitikerinnen und Bundespolitiker zulassen, dass der Kulturbetrieb einseitig gefördert wird, dass er selbstverständlich von Männern dominiert wird, bringen wir die Kultur um die Chancen der Vielfalt. Es kann doch nicht sein, dass möglichst viele Frauen Kultur konsumieren, aber möglichst wenige Frauen selbst gestalten und entscheiden können.

Wir wollen die ungerechte berufliche Benachteiligung von Frauen beenden. Wir wollen, dass Frauen in Kulturbetrieben selbstverständlich sind, dass unser Meinungsbild durch weibliche Vielfalt bereichert wird, dass sich die Pluralität unserer Gesellschaft hier abbildet. Wir wollen das kreative Potenzial von Frauen nicht verpassen.

Vielen Dank.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)

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