Bundestagsrede von Tom Koenigs 17.10.2014

Antiziganismus

Vizepräsidentin Petra Pau:

Das Wort hat der Kollege Tom Koenigs für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.

Tom Koenigs (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Meine sehr verehrten Damen und Herren! Frau Präsidentin! Die Debatte hat gezeigt, dass wir Forschung und Erkenntnisse über Antiziganismus brauchen, und zwar mehr als bisher.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)

In dem Antrag geht es – Frau Heinrich hat das anscheinend gar nicht gesehen – nicht um Sinti und Roma und deren Wohlbefinden oder Nichtwohlbefinden, sondern es geht um uns, die Mehrheitsgesellschaft.

(Gabriela Heinrich [SPD]: Doch, das habe ich schon gesehen!)

Der Antiziganismus ist in der Mehrheitsgesellschaft verwachsen, nicht bei den Sinti und Roma. Dieser Antrag befasst sich nur damit.

(Stefan Rebmann [SPD]: Ich wüsste nicht, dass sie das Gegenteil behauptet hat!)

Davor haben wir uns lange mit Antisemitismus befasst, und auch da gab es immer welche, die gesagt haben: Das ist ja nicht so schlimm, ist ja nicht so viel; das gibt es gar nicht in dem Maße; es sind nur 24 Prozent.

Aber dass es in der Mitte der Gesellschaft und nicht nur am rechten Rand Antiziganismus gibt, das ist der Kern des Problems. Diesen Antiziganismus gibt es seit Generationen. Es gibt ihn in allen Kulturen. Zum Beispiel gibt es ihn auch in der Literatur. Klaus-Michael Bogdal hat das in einem sehr interessanten Buch mit dem treffenden Titel „Europa erfindet die Zigeuner: Eine Geschichte von Faszination und Verachtung“ beschrieben. Diese Verachtung sehen wir.

Faszination und Verachtung finden wir von Cervantes über Heine bis hin zu García Lorca und zur Volksliederkunst, „Zigeunerjunge“ oder was auch immer. Damit müssen wir uns befassen; auch Wissenschaftler müssen das machen. Das will der Antrag. Der Antiziganismus hat Geschichte, auch eine ganz spezielle deutsche Geschichte. Es handelt sich nicht nur, wie Herr Fabritius gesagt hat, um irgendeine gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Es ist auch Rassismus, aber ein ganz spezifischer, auf eine ganz spezifische Gruppe konzentriert. Die Mitglieder dieser Gruppe, so unterschiedlich sie auch sind – Sinti, Roma, Zigeuner, Aschkali, Egyptians, Gypsies, Gitanos –, haben eines gemeinsam: Sie sind Opfer dieses Antiziganismus. Fragen Sie sie doch einmal! Sie alle haben das erlebt; jeder Einzelne hat es erlebt.

In der Mehrheitsgesellschaft heißt es dann: Ich habe ja nichts gegen Zigeuner, aber bei uns im Frankfurter Stadtzentrum wollen wir sie doch nicht haben. – Die Ursache für die Diskriminierung der Sinti und Roma liegt bei uns, nicht bei den Sinti und Roma.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)

Damit müssen wir uns befassen. Dieser Antrag fordert, dass eine unabhängige Kommission dies erforschen soll. – By the way: Eine solche gibt es für Antisemitismus. Sie könnte aber sicher noch besser sein, als sie gegenwärtig ist. – Wir müssen darüber berichten – ganz offensichtlich, wenn es so viel besser geworden ist, wie Sie sagen.

(Dr. Philipp Lengsfeld [CDU/CSU]: Man sollte sich einfach mal die Daten angucken!)

Dass es kein einziges eigenständiges wissenschaftliches Forschungsinstitut für Antiziganismus gibt, ist doch ein Jammer. Das ist offensichtlich ein Fehler.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)

In diese Richtung geht der Antrag. Ich bitte Sie immer noch, diesen zu unterstützen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)

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