Bundestagsrede von Uwe Kekeritz 10.10.2014

Weltmädchentag

Uwe Kekeritz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Frau Präsidentin! Werte Kolleginnen und Kollegen! Eigentlich ist dies heute ein schönes Thema. Wir zele-brieren heute einen Tag, den es vor drei Jahren noch nicht gegeben hat. Es war eine Initiative der Kanadier, diesen Mädchentag einzuführen. Wir haben uns im AwZ, im Ausschuss für Entwicklungspolitik, intensiv damit auseinandergesetzt und uns zunächst einmal die Frage gestellt: Noch ein Tag, der gefeiert werden muss und an dem gedacht werden soll? Wir sind aber ganz schnell zu der Überzeugung gekommen, dass es durchaus ein sinnvoller Tag ist; denn wir Entwicklungspolitiker wissen natürlich, dass die Frau letztendlich die Trägerin der Entwicklung in vielen Ländern dieses Globusses ist. Wir wissen natürlich auch: Wenn die Frau die Trägerin der Entwicklung ist, müssen wir dazu beitragen, dass die Frau nicht nur Bildung hat. Es wird immer wieder von Bildung gesprochen. Das ist richtig. Aber wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass die Bildung unbedingt dafür sorgen muss, dass das Selbstbestimmungsrecht, das Selbstbewusstsein, die Persönlichkeitsbildung dominieren müssen. Eine Frau, die nur lesen und schreiben lernt, muss nicht unbedingt eine Führungspersönlichkeit sein. Sie muss auch nicht unbedingt Selbstbewusstsein haben. Wir müssen das Selbstbewusstsein der Frauen fördern.

Wir haben ein schönes Beispiel – das ist heute schon mehrfach genannt worden –: Malala. Die damals Elfjährige hat die Initiative ergriffen und einen Internetblog gestaltet, in dem sie für das Bildungsrecht für Mädchen eingetreten ist. Sie hat das unter einem Pseudonym gemacht; denn sie wusste sehr wohl, wie gefährlich es in Pakistan sein kann, mit dem richtigen Namen öffentlich zu werden. Irgendwann schafften es die Taliban, herauszufinden, wer hinter diesem Pseudonym steckte. Am 9. Oktober 2012 kam es zum Mordanschlag auf Malala. Zwei Schüsse wurden abgefeuert. Einer traf sie am Kopf, einer am Hals. Sie schwebte sehr lange in Lebensgefahr. Gott sei Dank wurde sie gerettet. Eine Devise, die Malala schon immer hatte, hieß – das Zitat wurde schon genannt –:

Ein Kind, eine Lehrkraft, ein Buch, ein Stift können die Welt verändern.

Das ist genau der Grund, warum die Taliban sagten: Diese Frau, dieses Mädchen ist eine Gefahr für uns. Die Taliban wollen alles, nur keine Veränderung. Deswegen haben sie auch auf Malala geschossen.

Der Antrag zur Einführung des Mädchentages wurde von allen Fraktionen mitgetragen. Unsere Aufgabe wird allerdings sein, diesen Antrag auch mit Leben zu füllen. Es gibt schon Erfolge. Wir diskutieren im Deutschen Parlament über den Mädchentag. Ich bitte Sie, dazu beizutragen, dass die Thematik, die hinter dem Mädchentag steht, auf keinen Fall vergessen wird und dass wir durch viele unserer Entscheidungen die Gendergerechtigkeit immer in den Mittelpunkt stellen.

Es gibt inzwischen viele positive Entwicklungen. Wenn wir uns einmal die MDGs anschauen, die im Jahr 2000 verabschiedet wurden: Dort wurden zum ersten Mal Forderungen zur Stärkung von Mädchen und Frauen positiv formuliert. Sie haben Wirkung gezeigt. Allerdings sind wir mit dem Ergebnis absolut nicht zufrieden. Gerade im Bereich der Bildung müssen wir sagen, dass in vielen Ländern 80, 90, manchmal 96 Prozent der Kinder eingeschult werden. Wie viele dieser Kinder bis zum sechsten Jahr in der Schule sind, wird nirgendwo erfasst. Es wird auch nirgendwo erfasst, welche Qualität diese Schulbildung hat. Also: Hier muss noch sehr viel mehr geschehen. Es sollte im Rahmen der Entwicklungspolitik mehr Hilfestellung geleistet werden.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der CDU/CSU und der SPD)

Wir müssen uns aber auch die globale Entwicklung stets vor Augen halten. Fragile Staaten sind eine Bedrohung für gesamte Gesellschaften. Aber, wie so oft, gibt es in den Gesellschaften eine Bevölkerungsgruppe, die stärker und empfindlicher von der jeweiligen Situation betroffen ist als andere: Mädchen und Frauen.

Denken Sie nur an die Situation in den Flüchtlingslagern. Ich habe die Ortschaft Dadaab in Kenia besucht. Die Frage, wie Frauen in den UN-geführten Lagern geschützt werden können, ist dort ein riesiges logistisches Problem, das bis heute noch nicht zufriedenstellend gelöst worden ist.

Das Thema Menschenhandel wurde angesprochen, das ist bis zu 95 Prozent Frauen- und Mädchenhandel. Auch das ist ein Zeichen dafür, dass die Mädchen schlechtergestellt sind als die Jungen.

Ich möchte noch einen weiteren Punkt ansprechen. Die MDGs laufen 2015 ab, die SDGs folgen. Wir haben mit „Plan Deutschland“ darüber gesprochen, ob sie zufrieden sind mit der Ausformulierung der Ziele der internationalen Gemeinschaft in Bezug auf Mädchenförderung und die Gleichstellung der Frau. Es wurde klipp und klar gesagt: Nein, das, was bisher in den SDGs formuliert worden ist, bleibt hinter den MDGs zurück. – Das darf aber nicht sein. Es wird also unsere Aufgabe im nächsten Jahr sein, die Diskussion über die SDGs fortzuführen und sie mit Leben zu füllen.

Danke schön.

(Beifall im ganzen Hause)

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