Bundestagsrede von Özcan Mutlu 06.02.2015

Sportbericht

Vizepräsident Peter Hintze:

Als nächstem Redner erteile ich das Wort dem Abgeordneten Özcan Mutlu, Bündnis 90/Die Grünen.

Özcan Mutlu (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Sehr geehrter Herr Minister, zunächst möchte ich einen Satz zu Ihrer Rede sagen. Ich habe mich in den zwölf Minuten wirklich gefragt: Reden Sie hier zu Olympia, oder reden Sie hier zum 13. Sportbericht der Bundesregierung? Diese Frage habe ich mir die ganze Zeit gestellt.

(Reinhard Grindel [CDU/CSU]: Olympia hat mit Sport ein bisschen was zu tun!)

– Ja, aber im Sport geht es um mehr als um Olympia, lieber Herr Grindel, und auch um mehr als Fußball.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)

Aber sei’s drum: Im Sportausschuss bestehen über Parteigrenzen hinweg viele Gemeinsamkeiten. Neben diesen Gemeinsamkeiten gibt es natürlich auch Differenzen und Unterschiede, und das ist auch gut so, weil der Sport die politische Debatte braucht. Leider diskutieren wir im Sportausschuss ohne Öffentlichkeit, hinter verschlossenen Türen. Daran möchte die Große Koalition leider nichts ändern. Das ist der falsche Weg.

(Dieter Stier [CDU/CSU]: Eine Geschäftsordnung, die Sie mitbeschlossen haben!)

Lassen Sie uns wieder zu öffentlichen Sitzungen des Sportausschusses zurückkehren. Nicht weniger, sondern mehr Transparenz und damit mehr Demokratie – das sollte unser Gebot sein.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Meine Damen und Herren, der 13. Sportbericht der Bundesregierung, über den wir heute diskutieren, gibt vertiefte Einblicke in die Sportpolitik. Es gibt vielleicht keinen anderen Bericht in dieser Form und mit dieser Tiefe; das ist auch gut so. Der Sportbericht macht deutlich, wie vielfältig der Sport ist und welche wichtigen gesellschaftlichen Aufgaben und Funktionen er erfüllt. Jedoch frage ich mich öfter – auch bei den Reden heute –, ob die Politik im Deutschen Bundestag dieser Vielfalt im Sport tatsächlich gerecht wird.

Nun zwei Sätze zu der Olympiabewerbung.

(Zurufe von der CDU/CSU: Aha!)

Es ist nicht verwerflich, wenn man eine Olympiabewerbung begrüßt. Aber es ist schon komisch und eine absolute Missachtung des Bürgerwillens, wenn im Bericht verschwiegen wird, dass die letzten Bewerbungen an fehlenden Mehrheiten vor Ort und an einem fehlenden Bürgerwillen gescheitert sind, weil die Bürgerinnen und Bürger eben nicht mitgenommen wurden. Diese Tatsache gehört hier unbedingt erwähnt.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Immer wieder wird die Autonomie des Sports betont. Wir haben an dieser Stelle keinen Dissens. Autonomie im Sport ist wichtig. Ich kritisiere aber, dass man in der Vergangenheit zu häufig auf die Autonomie verwiesen hat und die Sportverbände einfach hat machen lassen. Eine gute Sportpolitik lässt die Sportverbände aber nicht alleine, vor allem nicht mit den gesellschaftlichen Themen und Anforderungen, die Kollege Hahn vorhin aufgezählt hat. Ich nenne als Beispiel nur ein Stichwort: Inklusion.

Eine gute Sportpolitik setzt eigene Akzente. Nehmen wir zum Beispiel Sportgroßveranstaltungen: Ist Olympia heute tatsächlich noch eine Botschaft des friedlichen Wettstreits der Nationen? Ich habe da Zweifel – siehe Sotschi.

(Beifall der Abg. Halina Wawzyniak [DIE LINKE])

Olympia wurde zu einer Marke und zu einem Hochglanzprodukt weiterentwickelt, in dessen Pflege das IOC mehr Eifer steckt als in die Bewältigung der sportlichen Aufgaben und Herausforderungen des Verbandes.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Die Politik hat zugeschaut. Daran wird auch die IOC-Agenda 2020 nicht viel ändern. An dieser Stelle sage ich: Papier ist geduldig; wir brauchen Taten.

Gleiches gilt für die Fußball-WM und die FIFA. Die FIFA ist ein Weltsportverband, der zu einem Symbol für Intransparenz, Vetternwirtschaft und Korruption verkommen ist. Das ist doch die traurige Realität. Damit wird der Sport kaputtgemacht.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Schauen wir uns die jüngste Handball-WM in Katar an: gekaufte WM, gekauftes Image, gekaufte Fans, gekaufte Journalisten. Ist das die Zukunft des Sports? Soll das die Zukunft des Sports sein? Wir sagen klar Nein.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Halina Wawzyniak [DIE LINKE])

Wir müssen uns die Frage stellen: Wie weit darf die Kommerzialisierung des Sports gehen? Es ist doch offensichtlich, dass der einseitige Fokus auf Einnahmen und Gewinne unter Aufgabe der moralischen Werte den organisierten Sport selbst schädigt und kaputtmacht.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Dabei geht es nicht nur um Fairplay, Moral und Integrität. Es geht um Menschenrechte, um Nachhaltigkeit im Sozialen, im Wirtschaftlichen und um Fragen der Umwelt. Dies wird der Sport alleine nicht schaffen. Die Politik und damit wir alle gemeinsam müssen den Sport dabei unterstützen.

Meine Damen und Herren, ich hoffe, dass wir eine solche grundsätzliche Debatte auch zum Anti-Doping-Gesetz hier führen werden. Ihr Referentenentwurf setzt sich nur mit den Symptomen, jedoch nicht mit den Ursachen von Doping auseinander. Sie entkleiden die Sportlerinnen und Sportler von ihren Bürgerrechten. Wir dagegen lehnen den gläsernen Athleten ab.

Ein weiteres Thema, das in dem Bericht zu kurz kommt, ist die Manipulation im Sport. Ich vermisse eine konkrete Initiative der Bundesregierung gegen Wettbetrug, gegen Korruption. Wir alle wissen doch, dass wir hier bisher nur die Spitze eines Eisbergs sehen.

Der organisierte Sport braucht nicht nur die finanzielle Unterstützung durch die Politik, vielmehr braucht er auch unsere Anregungen und Denkanstöße. Die Ergebnisse der Weltsportministerkonferenz MINEPS, die hier in unserer Hauptstadt stattgefunden hat, sind dafür eine gute Basis. Nun muss die Bundesregierung auf dieser Grundlage weniger reden und mehr handeln. Es hilft überhaupt nicht, wenn die Bundesregierung den Sport als Faustpfand gegen die Bundesländer einsetzt. Die Erpressung der Bundesländer über die geplante Kürzung der Mittel bei „Jugend trainiert für Paralympics“ und „Jugend trainiert für Olympia“ war Ihrer nicht würdig und beschämend. Mit dieser Aktion haben Sie dem Sport einen Bärendienst erwiesen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Ich komme zum Schluss. Ich habe den Eindruck, dass sich der Sport zu sehr auf Einnahmen durch den Leistungssport und auf Hochglanzevents konzentriert. Deshalb – da bin ich bei Ihnen, Herr Minister – gehört die Spitzensportförderung in der Tat auf den Prüfstand gestellt. Wir Grüne wollen eine Politik, die Bewegung und Sport in der Gesellschaft und die Sportverbände fördert, in der Spitze wie in der Breite. Hier sollten wir als Politik vorangehen. Ich lade Sie herzlich ein, mitzulaufen, und hoffe sehr, dass Ihnen unterwegs nicht die Puste ausgeht.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN

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