Bundestagsrede von 05.02.2015

Maritime Ausbildung

Vizepräsidentin Petra Pau:

Die Kollegin Dr. Valerie Wilms hat für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen das Wort.

Dr. Valerie Wilms (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Frau Präsidentin! Werte Kolleginnen und Kollegen! Es sind durchaus auch Gäste da, wenn auch nur in geringer Anzahl. Es ist schön, dass sie sich mit solch einem Thema beschäftigen. Vom Kollegen Kammer bin ich ja schon so richtig abgewatscht worden, als ob ich nicht wüsste, was da los ist.

Die Situation in der Branche ist absolut katastrophal.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Kollege Behrens sprach von 183 Handelsschiffen unter deutscher Flagge im sogenannten Monitoring-Bestand; nach meinem heutigen Kenntnisstand sind es nur noch 170 Schiffe. Es geht also abwärts. Wenn wir nicht unmittelbar handeln, gibt es keine deutsch beflaggten Handelsschiffe mehr – außer unseren Behördenschiffen; die werden natürlich deutsch beflaggt bleiben. Wenn alle restlichen Handelsschiffe nicht mehr unter deutscher Flagge fahren, brauchen wir uns um deutsche Ausbildung und Ähnliches nicht mehr zu kümmern. Ist das etwa Ihre Absicht? Diesen Verdacht habe ich so ein bisschen.

(Hans-Werner Kammer [CDU/CSU]: Dann haben Sie nicht zugehört!)

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wenn wir so weitermachen wie bisher, dann ist die deutsche Flagge weg, dann ist auch das deutsche Ausbildungssystem weg, und dann brauchen wir uns um das Ganze eigentlich nicht mehr zu kümmern. Lotsen holen wir dann von den Phi-lippinen. Auch dort bekommt man nämlich eine gute Ausbildung. Übrigens waren früher Europäer auf den Philippinen und anderswo in Asien als Lotsen unterwegs. Das kann ja auch einmal umgekehrt sein, wenn es so gewünscht ist. Das Ausbluten des deutschen Seeschiffsregisters ist wirklich dem fehlenden Reformwillen dieser und der Vorgängerregierung geschuldet.

Dass es aber auch anders geht, das zeigen uns unsere Nachbarn in Europa. Hierzulande werden die frischen Absolventen erst gar nicht eingestellt. Die Ausbildung ist nämlich an Praxiserfahrung auf hoher See geknüpft. Wenn man diese Erfahrung nicht macht, kann man seine Ausbildung nicht abschließen. Das heißt, das Patent, das man für eine gewisse Zeit besaß, verfällt, da man es nicht ausfahren kann. Da Praktikantenplätze an Bord fehlen, ist die Anzahl der Studienanfänger im Fach Nautik auf rund ein Dutzend pro Standort und Semester gesunken. Das sind harte Fakten, die mir am 23. Januar 2015 in Bremen noch einmal bestätigt wurden. Herr Kammer, ich weiß nicht, in welcher Welt Sie leben, woher Sie diese Daten haben. Vielleicht ist der Sprechzettel aus dem Ministerium nicht immer optimal.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Der Nachwuchs bricht weg und damit auch das nautische Know-how in Deutschland. Hier besteht also wirklich dringender Handlungsbedarf. Darum haben wir diesen Antrag eingebracht.

Die Wirtschaft, liebe Kolleginnen und Kollegen, muss wirklich mehr Verantwortung für den maritimen Standort übernehmen. Das bedeutet: mehr Engagement für eine bedarfsorientierte Ausbildung.

(Kirsten Lühmann [SPD]: Aber die brauchen doch auch Arbeitsplätze, wenn sie fertig sind!)

Was können funktionierende Lösungen sein? Bestimmt nicht die derzeitige Nummer mit der „Stiftung Schifffahrtsstandort Deutschland“! Denn Praktikantenplätze an Bord, die wir dringend benötigen, werden darüber nicht gefördert, und zwar deshalb, weil sie von den Reedern auch gar nicht so richtig gewünscht werden. Nötig ist eine unmittelbare Verantwortung der Arbeitgeber – das sind die Reeder – für die Ausbildung, auch an den Hochschulen.

Die Wirtschaft an Land macht uns das vor. Sie stellt junge Menschen ein und ermöglicht ihnen während der Arbeitszeit ein Studium. Nur mit diesem dualen Studium, also mit der direkten Verantwortungsübernahme durch die Reeder, kommen wir aus der Ausbildungskrise in der Nautik und bekommen dann auch vernünftig und gut ausgebildete Nautiker.

Bisher, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen aus den Regierungsfraktionen, habe ich hier noch keinen Änderungswillen von Ihnen gesehen – Kollege Ferlemann blättert in der Fachzeitschrift –,

(Heiterkeit)

keine Vorschläge dazu, wie Sie die maritime Ausbildung erfolgreich neu ausrichten wollen. Fehlanzeige! Da kommt nichts!

Es trifft sich in regelmäßigen Abständen die maritime Branche mit Vertretern der Politik zur Maritimen Konferenz, um sogenannte weise Beschlüsse zu fassen. Wenn Sie wollen, dass diese Veranstaltung nicht endgültig zur Lachnummer wird, müssen Sie jetzt handeln; ansonsten verkommt sie zu einem Kaffeekränzchen. Das haben wir ja schon einmal gehabt: Da gab es ein Kaffeekränzchen mit einer besseren Campingausrüstung in einem neu geschaffenen Hafen.

Bringen Sie die Bündnispartner Bund, Länder, Reeder und Arbeitnehmervertreter an einen Tisch, und stellen Sie die maritime Ausbildung auf neue Beine!

Vizepräsidentin Petra Pau:

Kollegin Wilms, Sie müssen bitte einen Punkt setzen.

Dr. Valerie Wilms (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Frau Präsidentin, ich bin knapp am Ende.

Im Oktober dieses Jahres wird in Bremerhaven die nächste Maritime Konferenz stattfinden. Ich vermisse hier unseren maritimen Koordinator. Wo steckt der? Nicht vorhanden! Das ist die Aussage, die wir eigentlich nicht gebrauchen können. Kümmern Sie sich wirklich ernsthaft um die maritime Branche, und unterstützen Sie unseren Antrag mit der praktischen Umsetzung! Damit würden Sie der Branche wirklich etwas Gutes tun.

Danke.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

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