Bundestagsrede von Chris Kühn 15.01.2015

100 Jahre Bauhaus

Vizepräsident Peter Hintze:

Als nächstem Redner erteile ich das Wort dem Abgeordneten Christian Kühn, Bündnis 90/Die Grünen.

Christian Kühn (Tübingen) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Freundinnen und Freunde des Bauhauses! 1919 hielt in Deutschland die Moderne Einzug: Bei der Wahl zur Nationalversammlung durften erstmals Frauen wählen und gewählt werden. Die Weimarer Nationalversammlung gab Deutschland eine parlamentarische, demokratische Verfassung. In Weimar gründete Walter Gropius das Staatliche Bauhaus; das war sozusagen der künstlerische Aufbruch Deutschlands in die Moderne.

Der Bauhaus-Stil ist bis heute, ins 21. Jahrhundert hinein, ungemein modern, schön, zeitlos und attraktiv. Das Bauhaus ist bis heute mehr als eine hippe Stilrichtung – es ist ein Wegweiser in die Zukunft, ein humanistischer Ansatz für den Alltag. Die Verbindung von Ästhetik und Praxis, die das Bauhaus verkörpert, ist Kunst, die wir alle im Alltag erleben können. Das Bauhaus steht für Einfachheit, Schönheit, Funktionalität, die allen Menschen zugänglich sein soll. Der Zugang zur Bauhaus-Schule war eben nicht abhängig von der sozialen Schicht oder dem Geldbeutel der Eltern, sondern allein von der Begabung; auch das ist ein Fingerzeig dafür, wie wir Bildungspolitik und Kulturpolitik betreiben sollten.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und des Abg. Harald Petzold [Havelland] [DIE LINKE])

Das Bauhaus war Vorreiter für Feminismus und soziale Gerechtigkeit, und mit dem Neuen Bauen sollten Räume für souveräne Bürgerinnen und Bürger der neuen demokratischen Gesellschaft geschaffen werden. Das Bauhaus sorgte auch für sozialen Wohnungsbau. Auch das ist ein Fingerzeig in unsere heutigen Tage hinein.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN)

Beispiele für entsprechende Siedlungen in meinem Bundesland sind der Weißenhof und der Dammerstock in Karlsruhe.

Das Bauhaus hat bis heute unzweifelhaft Einfluss darauf, wie wir wohnen und wie unsere Wohnungen gestaltet sind. Im 21. Jahrhundert ist das Bauhaus-Design allgegenwärtig – und das eben nicht nur in Deutschland, sondern weltweit.

Das Bauhaus wurde durch die NS-Diktatur gezwungen, seine Aktivitäten ins Ausland zu verlagern. Die Nazis konnten die Bauhaus-Schule zwar schließen, aber sie konnten den Geist des Bauhauses nicht auslöschen und nicht brechen. Die Ideen des Bauhauses wurden von den Lehrenden in die ganze Welt getragen: zum Beispiel nach Tel Aviv – ich denke hier an die Weiße Stadt – oder auch in die Vereinigten Staaten von Amerika, wo die Architektur des modernen Amerika maßgeblich vom Bauhaus geprägt wurde.

2019 feiern also nicht nur die Menschen in Dessau, Weimar und Berlin das Bauhaus, sondern die Menschen auf der ganzen Welt – in Israel, in den USA, in China, in Australien und auch in Brasilien. Deshalb ist es wichtig, dass wir dieses Bauhaus-Jubiläum nicht nur als ein deutsches Jubiläum begreifen, sondern den internationalen Charakter mit all unseren Aktivitäten betonen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN)

Gleichwohl müssen wir dieses Bauhaus-Jubiläum als ein Jubiläum nationalen Ranges begreifen. Deshalb wünsche ich mir, dass der Bauhausverbund 2019 weiter wächst und dass alle 16 Bundesländer daran teilhaben; denn in allen Bundesländern gibt es Architekturschulen, Designschulen und Orte, an denen das Bauhaus gewirkt hat. Ich finde, deswegen sollten sich alle 16 Bundesländer zusammenschließen, damit es wirklich ein Jubiläum der ganzen deutschen Nation wird und das Bauhaus in ganz Deutschland seinen Platz hat.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Harald Petzold [Havelland] [DIE LINKE])

Es wurde hier schon betont, dass es die Bedeutung des Bauhaus-Jubiläums unterstrichen hätte, wenn wir heute einen gemeinsamen Antrag eingebracht hätten.

(Katja Keul [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das stimmt!)

Die Abgeordneten der Koalitionsfraktionen haben die Bedeutung dieses Jubiläums herausgestellt. Ich hätte es aber schön gefunden, wenn wir hier gemeinsam – alle vier Fraktionen dieses Hauses – einen überfraktionellen Antrag eingebracht hätten. Ich finde, die Kulturpolitik und das Bauhaus-Jubiläum eignen sich nicht für parteipolitische Spiele. Deswegen ist es schade, dass wir es im Kulturausschuss nicht geschafft haben, diesen Weg gemeinsam zu gehen.

Dennoch geht Ihr Antrag in die richtige Richtung. Ich bin mir aber sicher: Wenn wir daran mitgewirkt hätten, dann wäre er an der einen oder anderen Stelle noch ein bisschen besser geworden.

(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Nichtsdestotrotz freuen wir uns darüber, dass der Haushaltsausschuss die finanzielle Grundlage für die baulichen Voraussetzungen bei den drei Bauhaus-Einrichtungen geschaffen hat. Damit enden aber eben nicht die Aufgaben, die wir hier haben. Gebäude allein gestalten noch kein Jubiläum. Wir brauchen eine Koordination. Deswegen muss hier im Hause jetzt schnell – auch gemeinsam – darauf hingewirkt werden, dass es eine zentrale Geschäftsstelle für den Bauhausverbund 2019 gibt. Es ist dafür zu sorgen, dass die drei Geschäftsstellen in Dessau, Weimar und Berlin mit dieser internationalen Mammutaufgabe nicht alleingelassen werden.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Wir müssen unsere Bauhaus-Aktivitäten international ausrichten. Gerade dieser Punkt ist mir in dem Antrag zu kurz gekommen. Wir brauchen auch mehr Werbemaßnahmen jenseits der Deutschen Welle. Wir müssen unsere internationale Kulturpolitik für 2019 auch auf dieses Bauhaus-Jubiläum in Gänze ausrichten.

Zum Schluss möchte ich sagen: Es ist ganz elementar, dass wir dieses Bauhaus-Jubiläum nicht nur dafür nutzen, ein schönes Jubiläum zu feiern und des Bauhauses zu gedenken, sondern auch, um die Institutionen, die das Bauhaus bis heute tragen, über das Jahr 2019 hinaus nachhaltig zu stärken; denn nach 100 Jahren Bauhaus müssen weitere 100 Jahre Bauhaus folgen. Dafür will ich werben, damit die Idee des Bauhauses auch in den nächsten 100 Jahren weiter um diesen Globus kreist.

Danke schön.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN)

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