Bundestagsrede von Ulle Schauws 11.06.2015

Kultur im ländlichen Raum

Ulle Schauws (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Bibliotheken, Theater, Archive und Museen sind Orte der Begegnung und tragen so elementar zur sozialen Teilhabe und Lebensqualität bei. Sie prägen die Identität einer Region und müssen deshalb als Gemeinschaftsgut erhalten und weiterentwickelt werden. Gerade Dörfer in abgelegenen Regionen spüren den demografischen Wandel schon lange: Ihre Einwohnerzahl sinkt, der Altersdurchschnitt steigt. Insbesondere in strukturschwachen ländlichen Kommunen sind deshalb öffentliche Kunst-, Kultur- und Freizeiteinrichtungen sowie die Freie Szene in ihrer Existenz bedroht. Denn angesichts leerer Haushaltskassen wird zuerst bei den freiwilligen Leistungen gespart, und Kultureinrichtungen, die erst einmal geschlossen sind, bleiben es meist auch.

Notwendig ist deshalb eine nachhaltige Sicherstellung der kulturellen Infrastruktur, auch in der sogenannten Provinz. Sachsen oder Nordrhein-Westfalen haben mit ihren Kulturraum- und Kulturfördergesetzen gezeigt, wie langfristige Kulturförderung in Ländern und Kommunen verbindlich gestaltet werden kann. Zur Sicherung der kulturellen Infrastruktur im ländlichen Raum brauchen wir aber auch gute Unterstützungsangebote von der Bundesebene. Zeitlich begrenzte Förderprogramme beispielsweise zur Unterstützung kleiner Kinos oder ein Preis für Spielstätten sind gut gemeinte Initiativen, stellen aber keine nachhaltige Unterstützung kultureller Angebote im ländlichen Raum sicher.

Außerdem sollten wir die vorhandenen kreativen -Potenziale im ländlichen Raum gezielter nutzen und stärken. Gerade sogenannte kreative Raumpionierinnen aus der Kulturwirtschaft können trotz oder gerade aufgrund von Schrumpfungsprozessen mit innovativen Ideen zum Erhalt des kulturellen Angebots beitragen. Ein gutes Beispiel ist etwa das „Kulturmobil“, das in die Dörfer fährt und jährlich neue Produktionen aus den unterschiedlichen Sparten Theater, Musiktheater, Musik, Literatur oder Film präsentiert. Bewohnerinnen und Bewohner des ländlichen Raums erhalten so ein innovatives Kulturangebot, ohne in die weit entfernten Städte fahren zu müssen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Neuausrichtung von Kultureinrichtungen auf die demografischen Veränderungen und neue Zielgruppen im ländlichen Raum. Jugendliche benötigen Rückzugsorte und Abwechslung im Freizeitbereich. Jugendkulturzentren und Jugendkulturringe müssen in ländlichen Gebieten beispielsweise durch eine Ausweitung der Soziokulturförderung gestärkt werden und erhalten bleiben. Die Bereitstellung von Räumlichkeiten ist ein wesentlicher Faktor zur Förderung des kreativen Potenzials junger Menschen. Hier kann das Modell der „Wächterhäuser“ in Sachsen als Vorbild dienen: „Hauserhalt durch Nutzung“ ist für Kreative wie für Eigentümer ein Win-Win-Modell.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, in Ihrem Antrag sprechen Sie viele wichtige Aspekte an. Das Ziel, kulturelle Angebote in Zeiten begrenzter finanzieller Ressourcen im ländlichen Raum zu fördern, ist grundsätzlich richtig. Aber viele kulturpolitische Förderungen bleiben weiterhin kleinteilig und zeitlich befristet. Eine Modellförderung hier, ein Wettbewerb da – das setzt keine nachhaltigen Anreize, neue Projekte und Kooperationen ins Leben zu rufen. Die Kulturfinanzierung vor Ort ist vielfach weiterhin prekär. Darüber kann man nicht hinwegsehen. Auch bürgerschaftliches Engagement und Kooperationsmodelle allein können die Zukunft der Kultur im ländlichen Raum nicht sichern.

Um die kulturelle Infrastruktur angesichts knapper Kassen auch in Zukunft im ländlichen Raum aufrechterhalten zu können, ist eine abgestimmte Gesamtstrategie unter Einbeziehung aller politischen Ebenen und Sektoren dringend erforderlich. Denn die Nutzung von Kulturangeboten im ländlichen Raum kann ohne gute Mobilitätsansätze nicht sinnvoll gewährleistet werden. Und die Forderung nach mehr kultureller Bildung muss mit den aktuellen Entwicklungen im Schulbereich im strukturschwachen ländlichen Raum gut zusammengedacht werden. Neues, innovatives und vor allem ressortübergreifendes Denken und Handeln ist von allen Akteurinnen und Akteuren gefordert, damit auch unter veränderten Bedingungen weiterhin ein lebendiges kulturelles Leben auf dem Lande möglich ist. Showveranstaltungen wie der Demografiegipfel im Kanzleramt verpuffen aber bisher, ohne wirkliche politische Impulse zu setzen.

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