Bundestagsrede von Friedrich Ostendorff 19.03.2015

Eintagsküken

Vizepräsident Johannes Singhammer:

Damit eröffne ich die Aussprache und erteile als erstem Redner das Wort dem Kollegen Friedrich Ostendorff, Bündnis 90/Die Grünen.

Friedrich Ostendorff (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Schönen Dank, dass Sie den richtigen Titel des Antrages – „Männliche Eintagsküken leben lassen“ – genannt haben. Wir haben uns extra Mühe damit gegeben, und jetzt ist doch wieder das Wort „Tötung“ auf der Medienwand erschienen. Genau das wollten wir nicht.

Schon seit vielen Jahren – immer wieder einmal – steht das Dilemma des Tötens der männlichen Küken von hochspezialisierten Legehennenhybriden auf der Tagesordnung. Jährlich werden über 40 Millionen Tiere am Tage des Schlupfes aus wirtschaftlichen Gründen getötet.

Über die Art und Weise der Tötung möchte ich an dieser Stelle gar nicht sprechen. CDU-Kollege Stier und ähnlich gelagerte Abgeordnete

(Dieter Stier [CDU/CSU]: Wie ist das denn gemeint?)

werden uns Grünen auch sicher so die moralischen Bedenken als übertriebene Emotionalität auslegen. Herr Stier, sparen Sie sich diese Redezeit! Wir müssen das Problem bereden.

Bei den vernunftbegabten Kolleginnen und Kollegen wird hingegen bekümmert genickt und beteuert, dass der Missstand des Tötens gerade erst geschlüpften Lebens beendet werden müsse, aber es gebe ja leider keine Alternative dazu.

Die Zucht eines Zweinutzungshuhnes wird als Zeitvertreib für Ökos belächelt. Dabei ist dieser Weg der einzig Richtige. Es ist doch absurd, zu welchen extremen Auswüchsen die Hochleistungszucht bei den Nutztieren in den vergangenen Jahrzehnten geführt hat, nämlich so weit, dass mit der männlichen Hälfte der Population eines Tieres nichts anzufangen ist. Es wird Leben produziert, um es wenige Minuten nach dem Schlüpfen wieder zu vernichten. Das ist nichts anderes als Qualzucht, und die ist laut Tierschutzgesetz verboten.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN)

Die Methode der Wahl für die großen Geflügelhaltungen ist die Früherkennung des Geschlechts im bebrüteten Ei; denn dann könnte die extreme Situation der Hochleistungszucht so bleiben, wie sie ist, aber immerhin wäre das sinnlose Sterben der männlichen Küken beendet. Das wäre doch schon mal etwas. Sie werden uns gleich aber erklären, dass man weiter forschen, forschen, forschen müsse, bis diese Methode praxisreif sei. Das tun wir schon seit vielen Jahrzehnten und sind nicht richtig weitergekommen.

Natürlich gibt es die Alternativen nicht, wenn der Druck nicht spürbar, das Töten der Tiere kostengünstiger und der Verzicht darauf sehr mühsam ist. Natürlich werden keine Anstrengungen unternommen, dies abzustellen, wenn sowieso kein Hahn danach kräht. Umso erfreulicher ist es, dass der gesellschaftliche Druck so stark geworden ist, wenn es um die Behandlung und Nutzung von Tieren geht.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Liebe Kolleginnen und Kollegen, hier muss es um mehr als um Rentabilität und Stückzahlen gehen; denn bei rein ökonomischer Betrachtung ist das Verfahren mehr als schlüssig. Es gibt Hennen, die viele Eier legen, und es gibt andere Rassen, die sehr schnell sehr schwer werden. Das ist Pech für die männlichen Nachkommen der Legehennen. Hier geht es jedoch nicht um überzähliges Material wie beim Zuschnitt von Autoblechen, sondern es geht um Lebewesen. Wir Grünen sind nicht länger bereit, uns diese ewigen Hinhaltereden weiter anzuhören.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Minister Schmidt gibt gerne den wertkonservativen, ethisch geprägten Christenmenschen. Er kündigt große Taten an, die dann dem Vergessen anheimgegeben werden. So hat er auch für Ostern 2015 einen Plan zum Beenden des Kükenschredderns angekündigt.

(Artur Auernhammer [CDU/CSU]: Ostern ist ja noch nicht!)

Nehmen wir einmal bestenfalls an, ein solcher Plan käme tatsächlich an die Öffentlichkeit. Wer glaubt denn nach dem ersten Jahr mit dem Minister noch, dass er irgendetwas Substanzielles abliefert, das über Absichtsbekundungen für den Sankt-Nimmerleins-Tag hinausgeht?

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Artur Auernhammer [CDU/CSU]: Warten wir bis Ostern!)

Seit vielen Jahren führen wir diese Diskussion nun schon. Egal welche Argumente und Ausflüchte wir gleich wieder hören werden: Jede Markteinführung, jede Innovation, geht so schnell vonstatten, wie die Umstände es notwendig machen.

Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.

Kollege Stier, das steht in § 1 des Tierschutzgesetzes und sei für Sie und für alle, die mit diesem Text nicht so vertraut sind, noch einmal gesagt. Wir sind gerne bereit, die Diskussion darüber zu führen, ob die Wirtschaftlichkeit eines Verfahrens einen vernünftigen Grund darstellt oder nicht. Aber, meine Damen und Herren, diesen Grund gibt es nicht. Von daher ist die Entscheidung klar.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Unsere Forderung: Es ist an der Zeit. Forschung ist lange genug betrieben worden. Nehmen Sie Ihre Verantwortung wahr! Handeln Sie endlich!

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

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