Bundestagsrede von Ulle Schauws 05.03.2015

Aktuelle Stunde „Beschäftigungssituation von Frauen“

Vizepräsident Johannes Singhammer:

Für Bündnis 90/Die Grünen spricht jetzt die Kollegin Ulle Schauws.

Ulle Schauws (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Sehr geehrter Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Am Sonntag ist der Internationale Frauentag. Es ist ein Anlass, einen Blick darauf zu werfen, was sich in Sachen Gleichstellung getan hat und was sich hoffentlich noch verbessern wird.

Frau Kollegin, zu den „emanzipatorischen Ideologien“: Hier muss sich zwingend noch einiges verbessern, vor allen Dingen auf der rechten Seite des Hauses.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Dass sich Frauen und Männer gerne um Kinder kümmern, steht außer Frage. Aber darum geht es hier nicht. Es zeigt, dass Sie diese Debatte immer noch nicht verstanden haben.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)

Auf dem Arbeitsmarkt sieht es ja tatsächlich erst einmal nicht schlecht aus: 18 Millionen Frauen sind erwerbstätig; ihr Erwerbsanteil ist nach den Zahlen des DIW auf 46 Prozent, auf einen neuen Höchststand, geklettert. Aber heißt das tatsächlich, dass die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Frauen, die Möglichkeit zur eigenständigen Existenzsicherung, gestiegen ist? Nein, das heißt es eben nicht; da trügt der Schein. Zwar stimmt, dass die Zahl der Frauen, die in Teilzeit arbeiten, ebenfalls gestiegen ist, von 2,5 Millionen im Jahr 2001 auf 6,3 Millionen im Jahr 2014; das ist eindeutig zu begrüßen. Aber es ist alarmierend – darum geht es hier –, dass trotz der höheren Zahl der beschäftigten Frauen der Anteil des von ihnen geleisteten Arbeitsvolumens seit 1991 nur um gut 4 Prozentpunkte gestiegen ist. Das heißt, dass zwar mehr Frauen arbeiten, aber weniger Stunden. Hieran, meine Damen und Herren, zeigt sich eines ganz klar: Es besteht weiterhin eine Unwucht im System, und zwar zuungunsten von Frauen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN)

Frauen arbeiten Teilzeit, aber nicht immer weil sie sich das so ausgesucht haben, sondern weil sie sonst Familie und Beruf nicht vereinbaren können. Sie sind immer noch diejenigen, die das Mehr an Familienarbeit leisten. Sie bezahlen dafür mit beruflichen und finanziellen Nachteilen bis hin zur Altersarmut. Auf der anderen Seite wollen inzwischen eben auch Männer beruflich kürzertreten und sich um die Familie kümmern; aber es gibt für die Männer kaum Möglichkeiten, das zu tun. Das Modell einer partnerschaftlichen Aufteilung leben in der Tat nur sehr wenige Paare.

Wir Grüne wünschen uns eine Gesellschaft, in der wir allen Eltern ermöglichen, sich um ihre Kinder zu kümmern und gleichzeitig ihrem Beruf nachzugehen, ohne existenzielle Nachteile – also echte Wahlfreiheit und Selbstbestimmung.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Hier würde Frauen genauso wie Männern ein Recht auf Rückkehr in Vollzeit entscheidend helfen.

(Kerstin Griese [SPD]: Deshalb machen wir es!)

Dann müssten die Männer nicht mehr befürchten, in der Teilzeitfalle hängen zu bleiben, die Frauen ebenso wenig.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, Teilzeit hat eben auch Nebenwirkungen. Kurzfristig ermöglicht sie vielleicht eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie; langfristig allerdings können wir sehen, dass damit die Lohnschere auseinandergeht. Denn Teilzeit heißt: langfristig schlechtere Bezahlung, fast keine Aufstiegschancen und wenig Rente. Die Statistiken zeigen auch: Teilzeit wird schnell zur Sackgasse für Frauen, insbesondere bei den üblichen Modellen wie halben Stellen oder Minijobs. Eigenständige Existenzsicherung ist für Frauen so jedenfalls nicht möglich, insbesondere nicht für alleinerziehende. Deshalb sage ich: Es braucht mehr vollzeitnahe Teilzeit, orientiert an plus/minus 30 Stunden. Das wäre für Frauen und Männer attraktiv und eine echte Option.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Zum Problem der Teilzeit kommt noch eines hinzu – die Kollegin hat es gerade schon genannt –, nämlich das Problem der schlechteren Bezahlung. Das Gender Pay Gap von 22 Prozent ist für Frauen in Deutschland immer noch Realität, und das ist und bleibt schlicht ein Skandal.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN und der Abg. Elke Ferner [SPD])

Der Unterschied ist insbesondere deshalb so groß, weil die sogenannten Frauenberufe besonders schlecht bezahlt werden. Wer jetzt argumentiert, dass Frauen in den falschen Branchen wie dem Gesundheits oder dem Sozialwesen arbeiten, dem sage ich: Gerade die Beschäftigung in diesen Branchen ist wichtig. Sie sollte angemessener bezahlt werden,

(Beifall der Abg. Katja Dörner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] und Kerstin Griese [SPD])

und das nicht zuletzt, damit die sogenannten Frauenberufe für Männer attraktiver werden. Dann brauchen wir auch nicht über eine Männerquote zu reden.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)

Liebe Kolleginnen und Kollegen, das DIW rechnet in Zukunft mit einer steigenden Erwerbsbeteiligung von Frauen; das ist gut. Es ist auch gut, das als Frauenpolitikerin zu hören. Aber wir müssen dafür sorgen, dass Frauen von ihrer Arbeit leben können, eine ausreichende Rente im Alter erhalten. Von der Bundesregierung erwarte ich deswegen Vorschläge für andere Arbeitszeitmodelle –

(Kerstin Griese [SPD]: Das machen wir doch!)

flexibler, familienfreundlicher und vollzeitnah. Kümmern Sie sich endlich um den Abbau der Erwerbshindernisse wie des Ehegattensplittings! Kümmern Sie sich um einen ambitionierten Ausbau der Kinderbetreuung und eine stärkere Unterstützung der Alleinerziehenden! Wir erwarten von Ihnen Lösungen und kein elendes Gezerre um eine Kindergelderhöhung um 6 oder 10 Euro.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Uns Grünen kommt es auf die Rahmenbedingungen an, darauf, dass Wahlfreiheit und Selbstbestimmung hinsichtlich der Lebens und Arbeitsform für alle, für Frauen wie Männer, eine Selbstverständlichkeit werden.

Vielen Dank.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

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