Bundestagsrede von Kai Gehring 07.05.2015

Europäische Hochschulpolitik

Kai Gehring (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Studierende! Der Bologna-Prozess hat die Perspektive auf einen Europäischen Hochschulraum eröffnet und das Studium grundlegend verändert. Die Ziele: ambivalent bis ambitioniert; die Umsetzung: lange umstritten und mehrmals korrigiert, heute auf halbwegs vernünftigen Gleisen, aber unvollendet – so blicken wir Grüne auf 16 Jahre Studienreform in Deutschland.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Zwei Aspekte sind mir für die nationale Umsetzung besonders wichtig: erstens die Chancen der Studierenden, die sich aus der Bachelor-Master-Struktur ergeben, und zweitens die soziale Öffnung unserer Hochschulen. Ich denke, zu beiden Aspekten gibt es noch viel zu tun, auch für diese Bundesregierung.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Wissenschaftsministerin Wanka – wenn sie denn wirklich selber fährt – macht sich mit einer durchwachsenen Bologna-Bilanz auf den Weg zur Ministerkonferenz nach Eriwan. Bachelor und Master sind als Abschlüsse weitestgehend etabliert; erstklassige Studienbedingungen, höhere Qualität und mehr Mobilität für alle Studierenden lassen aber weiter auf sich warten. Ein erfolgreiches Studium gehört endlich in den Mittelpunkt der Bologna-Reform, hierzulande und europaweit. Erfolgreiches Studieren heißt für mich: persönliches Wachstum, breite Bildung und Perspektiven als Absolvent; darum geht’s.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der Abg. Dr. Claudia Lücking-Michel [CDU/CSU])

Zentrales Ziel der Bologna-Reform, lieber Herr Rachel, ist die Öffnung der Hochschulen, vor allem für Studierende der ersten Generation. Auf diesem Feld ist der Fortschritt in Deutschland leider eine Schnecke: Ob jemand studiert – oder, wenn er oder sie studiert, ob er oder sie dann wirklich auch mobil ist –, hängt sehr stark von der sozialen Herkunft und dem Konto der Eltern ab. Es ist nicht leicht, diese Muster zu durchbrechen; aber es ist einfach völlig unbefriedigend, wie wenig die Große Koalition dafür tut. Warum kommt die BAföG-Erhöhung erst im Herbst 2016, und warum fällt sie so zaghaft aus? Die Studierenden brauchen jetzt eine höhere und eine bessere Studienfinanzierung.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Meine Damen und Herren, freuen wir uns gemeinsam über 2,7 Millionen Studierende in Deutschland! Das ist gut für Bildungschancen und unser Hochtechnologieland. Das Herbeireden eines angeblichen Akademisierungswahns ist deplatziert und fahrlässig.

(Beifall der Abg. Nicole Gohlke [DIE LINKE] und Kordula Schulz-Asche [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])

Anstatt diese Phantomdebatte weiter zu befeuern und das Studieren zu attackieren, wäre es dringend notwendig, dass CDU/CSU und SPD den Vorschlägen der grünen Opposition folgen.

(Tankred Schipanski [CDU/CSU]: Ui!)

Wir wollen sowohl die duale Ausbildung stärken als auch die Hochschulen sozial öffnen. Durchlässigkeit und Ausbildungsgarantie, um beides geht es.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Dagmar Ziegler [SPD]: Machen wir doch!)

Ein sozialeres und wissensbasiertes Europa muss Hürden abbauen und Mobilität für alle gleichermaßen ermöglichen. Dafür muss die Koalition mehr tun!

Die Gesamtverantwortung des Bundes für das Hochschulsystem lässt sich nicht einfach an die Länder und an die Hochschulen delegieren, so wie Sie das in Ihrem Antrag machen.

Mit reiner Lobhudelei und Nichtstun riskiert man die Akzeptanz der Reform, liebe Koalition; denn für Reformgegner gilt Bologna wahlweise als neoliberales Ungeheuer oder als Ruhestörung im exklusiven Elfenbeinturm. Liebstes Feindbild ist der Bachelor: Glaubt man manchen Wirtschaftsvertretern, hat ein Bachelorabsolvent zwei linke Hände. Glaubt man manchem Konservativen oder der Linksfraktion, hat ein Bachelor den geistigen Horizont eines Maulwurfs,

(Heiterkeit bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der CDU/CSU und der SPD)

und erst der Master macht einen zur intellektuellen Lichtgestalt. All das ist selektive Wahrnehmung und Schwarz-Weiß-Denken. Die Realität ist differenzierter. Schönbeten wie schlechtreden, beides wäre verkehrt.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD – Tankred Schipanski [CDU/CSU]: Da haben Sie recht!)

In einzelnen Fächern ist erst der Master oder gar die Promotion Eintrittskarte in den Arbeitsmarkt – das war aber auch schon zu Diplomzeiten so.

(Nicole Gohlke [DIE LINKE]: Es ist aber nicht jemand nach dem Vordiplom aussortiert worden!)

In der Mehrzahl der Fächer gibt es auch mit Bachelor in der Tasche sehr gute Einstiegsbedingungen. Darum: Wir brauchen keinen Masterzwang, sondern Masterplätze für alle, die Master studieren wollen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD und der LINKEN)

Die Linke sagt aber, der Master müsse Regelabschluss sein. Ich finde, das muss nicht immer sein. Die zweistufige Struktur – erst der Bachelor, dann der Master – macht Sinn. Überquellende Curricula und permanenter Prüfungsstress sind Unsinn. Das Entfrachten von Studiengängen ist keine Mission Impossible, da muss einfach mehr passieren.

(Nicole Gohlke [DIE LINKE]: Wenn man mehr Zeit hätte!)

Wem im Ausland erworbene Studienleistungen nach der Rückkehr nicht anerkannt werden, der ist natürlich zu Recht sauer und demotiviert. Deshalb fordern wir als Grüne seit Jahren eine echte Anerkennungsgarantie, damit Mobilität persönliches Wachstum bringt.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Also: Der Druck muss raus, die Zahl der Studienabbrüche muss runter, Zeitfenster und ein förderliches Lern- und Arbeitsumfeld müssen her. Allein dafür müssen Bund, Länder und Hochschulen ihre Zusammenarbeit ausbauen. Ein weltoffenes und modernes Deutschland muss den freizügigen Europäischen Hochschulraum konsequent verwirklichen, für die junge Generation mehr Mobilität wagen und Hochschulzugänge öffnen, unabhängig von der Herkunft. Damit würde das Studieren besser und Europa sozialer und erfahrbar; darum muss es uns allen gehen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

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