Bundestagsrede von Brigitte Pothmer 28.04.2016

Mehr Zeitsouveränität – damit Arbeit gut ins Leben passt

Brigitte Pothmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Fast die Hälfte aller erwerbstätigen Frauen und Männer sind mit ihrem Arbeitszeitumfang nicht zufrieden. Das IAB hat in der letzten Woche beeindruckende Zahlen auf den Tisch gelegt. Danach sind 2014 1 350 000 000 Stunden ungenutzt geblieben, weil die Arbeitszeitwünsche der Beschäftigten nicht berücksichtigt wurden. Das entspricht 815 000 Vollzeitstellen. Was für eine Verschwendung vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels!

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Liebe Kolleginnen und Kollegen von der CSU/CSU-Fraktion, ich rate Ihnen wirklich sehr: Heben Sie zunächst einmal dieses freiwillige Potenzial, bevor Sie hier eine Debatte um die Rente mit 70 vom Zaun brechen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Das wäre sowohl für die Betriebe als auch für die Beschäftigten, aber auch für die deutschen Sozialversicherungssysteme eine echte Win-win-Situation.

Was passiert stattdessen? Frauen bleiben in der Teilzeitfalle stecken. Männer, die weniger arbeiten möchten, weil sie sich vielleicht um ihre Kinder kümmern wollen, scheuen die Teilzeit wie der Teufel das Weihwasser.

(Albert Stegemann [CDU/CSU]: Stimmt doch gar nicht!)

– Schauen Sie sich einmal an, wie viele Männer Teilzeit arbeiten und wie viele Frauen Teilzeit arbeiten. Für die Männer ist Teilzeitarbeit immer noch gleichbedeutend mit Karriereknick, mit Abstellgleis und sogar mit Mobbing. Männer arbeiten nicht Teilzeit, weil sie sehen, was aus ihrer Teilzeit arbeitenden Kollegin alles nicht wird.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Albert Stegemann [CDU/CSU]: Quatsch!)

Deswegen, meine Damen und Herren: Wir brauchen völlig neue und innovative Arbeitszeitmodelle, die ebendiese Grenze zwischen Teilzeit und Vollzeit fließender machen.

Wir schlagen Ihnen heute vor: Lassen Sie uns Vollzeitarbeit als einen Korridor im Rahmen von 30 bis 40 Stunden pro Woche definieren. Das alles soll zukünftig Vollzeit sein.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

In diesem Korridor können die Beschäftigten ihre Arbeitszeit, natürlich nach einer angemessenen Ankündigungsfrist, unkompliziert und bedarfsgerecht bestimmen. Damit ist endlich auch jene Arbeitszeit, die unterhalb von 40 Stunden liegt, nicht mehr zwingend Teilzeit und gleichbedeutend mit dem Abschied von einer Karriere.

Diese flexible Vollzeit ist ein Angebot an die Männer, die sich dann endlich einmal Teilzeit trauen können. Sie ist ein Angebot an die Frauen, die mehr arbeiten wollen. Sie ist ein Angebot an Paare, die ihre Arbeitszeiten angleichen wollen, weil sie sich partnerschaftlich um die Familie kümmern möchten. Und sie ist ein Angebot an die Betriebe, Fachkräfte zu gewinnen und Fachkräfte zu halten.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Meine Damen und Herren, es ist doch wirklich kein Geheimnis: Zufriedene Beschäftigte sind weniger gestresst und sind gesünder. Sie bleiben ihrem Unternehmen länger erhalten: Sie sind treuer. Das ist ein Zugewinn, und zwar an Kreativität und an Produktivität.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Alle Untersuchungen zeigen: Wenn wir die Arbeitszeitwünsche der Beschäftigten berücksichtigen, dann bedeutet das die Ausweitung des Arbeitskräftepotenzials. Das können wir uns doch vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels nur wünschen. Also bewegen Sie sich an dieser Stelle!

Wenn aber Arbeit besser ins Leben passen soll, dann geht es natürlich auch um die Frage: Wo wird gearbeitet? Ich rede hier von Homeoffice. Ich will nicht so tun, als würde das Homeoffice alle Probleme lösen. Aber das Homeoffice spart Wege, spart Zeit und ist deswegen ein Beitrag dazu, unterschiedliche Verpflichtungen unter einen Hut zu bringen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN – Albert Stegemann [CDU/CSU]: Aber nicht per Gesetz!)

Ich verstehe wirklich nicht, warum wir in Deutschland immer noch diesen Anwesenheitswahn haben. Das Angebot von Homeoffices war in Deutschland immer gering und ist in den letzten Jahren noch einmal zurückgegangen. Das liegt daran, dass die Arbeitgeber offensichtlich voller Misstrauen gegenüber ihren eigenen Beschäftigten sind. Dabei zeigen die Untersuchungen: Wer im Homeoffice arbeitet, arbeitet eher zu viel als zu wenig.

(Bernd Rützel [SPD]: Das ist auch schlecht!)

Meine Damen und Herren, in der Vergangenheit haben die Betriebe ihre Flexibilitätsanforderungen durchgesetzt. Jetzt sind die Beschäftigten an der Reihe, ihre Wünsche zur Arbeitszeitsouveränität durchzusetzen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN)

Wir haben Ihnen heute einen Vorschlag vorgelegt, der eine Balance zwischen den Anforderungen der Betriebe und den Bedürfnissen der Beschäftigten schafft. Dafür ist es wirklich höchste Eisenbahn.

Die Lebensentwürfe der Menschen haben sich geändert. Der Fachkräftemangel fordert neue Lösungen. Aber in der Bundesregierung gibt es einen Totstellreflex. Bis heute hat Frau Nahles noch nicht einmal einen Gesetzentwurf vorgelegt, der das Rückkehrrecht in Vollzeit ermöglicht, obwohl das in der Koalitionsvereinbarung festgeschrieben worden ist. Das kritisieren nicht nur wir, das kritisieren auch der DGB und viele andere Verbände.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Diesen Stillstand können wir uns nicht weiter leisten. Wir brauchen eine andere, eine Politik für flexible Arbeitszeiten, die so beweglich ist, wie die Menschen längst leben.

Wir haben Ihnen einen Vorschlag vorgelegt, den Sie nicht ablehnen können, meine Damen und Herren. Ich sage es noch einmal: Liebe Bundesregierung, übernehmen Sie!

Ich danke Ihnen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

4399094