Bundestagsrede von Kai Gehring 15.12.2016

Wissenschaftskooperation Subsahara-Afrika

Kai Gehring (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Es keimt Hoffnung auf dem afrikanischen Kontinent. In vielen Ländern wächst die Wirtschaft – allerdings ausgehend von einem niedrigen Niveau. Deshalb hat Afrika noch einen langen Weg vor sich, um zu anderen Regionen der Welt aufzuschließen. Die Risiken sind nach wie vor groß: Einzelnen Ländern und Regionen mangelt es an politischer Stabilität und Good Governance, rechtsstaatlichen und demokratischen Strukturen sowie der tatsächlichen Sicherung von Grund- und Freiheitsrechten aller Menschen.

Konflikte sind eine der Hauptbedrohungen für das Wirtschaftswachstum Afrikas. Afrika hat viele kluge Köpfe und Talente, immenses kulturelles und kreatives Potenzial. Zugleich fehlen aber qualifizierte Fachkräfte, mit denen der wirtschaftliche Erfolg verstetigt und gesteigert werden kann. Deutschland muss aus meiner Sicht alles dafür tun, dass aus Hoffnung eine robuste Entwicklung zum Wohle aller Menschen auf dem afrikanischen Kontinent wird.

Deutschland muss ein verlässlicher Partner afrikanischer Länder sein. Diese Absicht sehe ich auch bei der Bundesregierung und auch in dem Antrag „Wissenschaftskooperation mit Partnern in Subsahara-Afrika stärken“ der Fraktionen von Union und SPD, den wir hier heute in erster Lesung diskutieren. Der Antrag ist stark in der gebündelten Leistungsschau bestehender Kooperationen. Er fällt deutlich ab, wenn es um Ideen für die künftige Entwicklung nachhaltiger wissenschaftlicher Zusammenarbeit geht. Es hätte gutgetan, den Antrag mit der Expertise aller Bundestagsfraktionen zu erarbeiten. Diese Chance haben Union und SPD verpasst.

Wissenschaft, Forschung und Innovation können wichtige Beiträge zur nachhaltigen, gesellschaftlichen, ökologischen und ökonomischen Entwicklung leisten. Aber es muss auch die Basis stimmen – also die Grundbildung.

Erfreulich ist, dass es neben Wirtschaftswachstum auch teilweise entwicklungspolitische Fortschritte im Sinne der Millennium Development Goals gibt. Acht von zehn Kindern aus Ländern Subsahara-Afrikas besuchten 2015 eine Grundschule. 2000 waren es nur 60 Prozent. Das zeigt, dass das Entwicklungsziel 100 Prozent noch nicht erreicht ist und weitere Anstrengungen notwendig sind. Zugleich sagt die Beschulungsquote wenig aus über die Bildungsqualität. Das Bekenntnis zu Alphabetisierung, Bildung und Qualifizierung als Grundlage gesellschaftlichen Erfolgs und wissenschaftlichen Fortschritts fehlt dem Antrag der Koalition leider.

Durch den vermehrten Schulbesuch wächst die Zahl der Schülerinnen und Schüler in Ländern südlich der Sahara, die die Schule abschließen, exponentiell. Die Wirtschaft der Länder hat wachsenden Bedarf an Fachkräften. Beides zieht neue Anforderungen und Herausforderungen für die afrikanische Hochschullandschaft und des Ausbildungssystems nach sich. Dafür sind aber nur wenige Staaten der Region gerüstet, zumal die Hochschulen in vielen Subsahara-Staaten geprägt sind von jahrzehntelanger Unterfinanzierung, maroder Infrastruktur, fehlendem wissenschaftlichen Nachwuchs oder auch der Zerstörung durch kriegerische Auseinandersetzungen. Allein schon, um die grundsätzlichen Voraussetzungen für Studieren, Lehren und Forschen zu schaffen, ist deutsche Unterstützung gefragt.

Deutsche Investitionen in leistungsfähigere Hochschulen vor Ort sind sinnvoll, sofern politische Stabilität gegeben ist und ein Land nicht in bürgerkriegsähnliche Zustände abzusinken droht. Wissen schafft Konfliktprävention, Frieden, Freiheit und Sicherheit.

Es fällt auf, dass sich das deutsche Engagement für engere Wissenschaftskooperation auf dem afrikanischen Kontinent auf einzelne Länder fokussiert, und – umgekehrt – um einzelne andere einen Bogen macht. Sich „blinden Flecken“ zuzuwenden, halte ich für wichtig, um gleichwertige Lebensverhältnisse anzupeilen und herzustellen.

Die Chancen, die sich aus Hochschulbildung und Forschung ergeben, werden von afrikanischer Seite wieder stärker hervorgehoben. Auch von deutscher Seite ist das Interesse an Kooperation traditionell hoch und weiter gewachsen. Schon jetzt bestehen laut Hochschulrektorenkonferenz über 400 offizielle Partnerschaften zwischen deutschen und afrikanischen Hochschulen. Über diese Partnerschaften sollte es gelingen, mehr Studierende, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Ländern Subsahara-Afrikas für einen zeitweisen Aufenthalt in Deutschland zu gewinnen – im Sinne einer Brain Circulation bzw. zirkulären Migration statt Braindrain und Abwerbung.

Natürlich müssen die deutschen Hochschulen besser auf die afrikanischen Studierenden vorbereitet sein, damit studieren und echter Austausch gelingt. Wichtig ist mir aber auch, dass wir mehr Deutsche ermuntern, in Afrika zu forschen, zu lehren oder zu studieren. Konkrete Ziele oder zukunftsgerechte Meilensteine vermisse ich dazu im Antrag der Regierungsfraktionen.

Das Interesse an Wissenschaftskooperation ist groß, sowohl in Deutschland als auch in den Ländern südlich der Sahara. Darauf gilt es aufzubauen. Hinzu kommt, dass Deutschland ein angesehener Partner ist, weil es sich bemüht, so zu kooperieren, dass für alle Seiten Win-win-Situationen entstehen. Wissenschaftsfreiheit, kreatives neugiergetriebenes Forschen, herausragende Lehre sowie wissenschaftliche Lösungen für die großen gesellschaftlichen Herausforderungen sind von beidseitigem elementaren Interesse. Diese günstige Konstellation sollten wir gemeinsam nutzen.

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