Bundestagsrede von Ulle Schauws 19.02.2016

Gleichstellung im Kulturbetrieb

Ulle Schauws (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Vielen Dank, Frau Präsidentin. Vielen Dank, Herr Kollege. – Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Ich weiß nicht, wer von Ihnen schon den Film „Suffragette“ gesehen hat.

(Burkhard Blienert [SPD]: Ich habe ihn schon gesehen!)

Er ist gerade Anfang Februar angelaufen. Darin geht es um den erbitterten Kampf für das Wahlrecht von Frauen in England. Die Suffragetten haben etwas sehr Richtiges gefordert, und zwar Taten statt Worte.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)

Und sie waren damit am Ende erfolgreich. Das wissen wir.

Genau darum geht es. Wenn es um die Gleichstellung von Frauen geht – auch im Kulturbetrieb –, dann braucht es Taten. Dann braucht es auch die Taten dieser Bundesregierung.

Frau Grütters, Sie haben genau vor einem Jahr in Ihrer Eröffnungsrede zur 65. Berlinale gesagt, der Anteil von Frauen dürfe gerne höher sein. Darin stimme ich Ihnen voll und ganz zu.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Doch wie steht es aktuell um die Präsenz von Frauen im deutschen Film? Die aktuellen Zahlen vom Bundesverband Regie sind ziemlich niederschmetternd – die Kollegin hat es schon erwähnt –: Die Benachteiligung von Frauen hat weiter zugenommen. Der Anteil von Regisseurinnen bei deutschen Kinofilmen ist von 22 Prozent auf 19 Prozent gesunken. Weiterhin führt nur bei einem von fünf Kinofilmen eine Frau Regie. Im High-Budget-Bereich, also bei Filmen mit einem Budget ab 5 Millionen Euro, saß 2014 keine einzige Frau mehr auf dem Regiestuhl, und das alles, obwohl 42 Prozent derjenigen, die an den Filmhochschulen ihren Abschluss machen, Frauen sind. Das macht das Ausmaß der Benachteiligung noch deutlicher. Ich finde, so geht es nicht weiter.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Meine Damen und Herren, der Tagesspiegel fragt in einem Artikel ganz aktuell zu Recht: „Wo sind eigentlich die Regisseurinnen?“ Gute Frage. Ich gebe sie weiter an die zuständige Ministerin: Was hat die Bundesregierung bisher getan, um die Situation von Frauen im Kulturbetrieb zu verbessern?

An der Stelle möchte ich Frau Groden-Kranich korrigieren: Die Studie des Kulturates erfasste den Zeitraum von 1995 bis 2000, das heißt, auch die letzten Jahre der Regierung der CDU/CSU. An der Stelle ist nichts passiert. Deswegen ist es mehr als überfällig, dass die Beauftragte für Kultur und Medien nach diesem langen Zeitraum endlich die Ursachen für diese Schieflage mit neuen Zahlen angeht, auch damit nicht der Eindruck erweckt wird, hier würde ein Automatismus weitergeführt.

Das müssen wir klarstellen, weil Sie sich eben auf 2014 bezogen haben. Es war ein kürzerer Zeitraum, und in den elf Jahren der CDU/CSU-Regierung ist nicht viel passiert.

Auch die aktuellen Zahlen aus anderen Bereichen der Kultur zeigen kein positives Bild. Insbesondere an Theatern und in Orchestern sind Frauen in Führungspositionen ebenfalls stark unterrepräsentiert.

Ein aktueller Blick nach NRW zeigt: Nur 7 Prozent der Intendantenstellen an kommunalen Theatern waren 2009 bis 2011 mit Frauen besetzt. Was glauben Sie, wie hoch der Anteil bei den Philharmonien war? Ich sage es Ihnen: Es gab keine einzige Generalmusikdirektorin. Chancengleichheit sieht anders aus.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Fakt ist, dass Frauen in vielen Kultursparten, insbesondere in den Leitungspositionen – also da, wo es um Macht und Entscheidungsbefugnisse geht –, stark unterrepräsentiert sind. Das haben übrigens alle Sachverständigen im Ausschuss bestätigt. Da steht die Kultur der Wirtschaft in nichts nach.

Deswegen haben wir Grünen den Antrag von 2014 mit entsprechenden Änderungen und weiter gehenden Forderungen noch einmal eingebracht, damit sich endlich etwas ändert. Wir fordern Sie noch einmal eindrücklich auf: Verteilen Sie öffentliche Gelder endlich geschlechtergerecht!

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Dafür müssen die Kriterien für den Etat der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien so angepasst werden, dass sie Frauen und Männer gleichermaßen berücksichtigen.

Wir brauchen auch eine paritätische Besetzung von Führungspositionen und Intendanzen in Kultureinrichtungen, die vom BKM gefördert werden. Schließlich ist auch bei der Vergabe von Preisen und Förderprojekten eine geschlechtergerechte Verteilung notwendig. Nur so kann mehr künstlerische Freiheit für Frauen entstehen und damit logischerweise auch mehr kulturelle Vielfalt.

Auch wenn ich es angesichts der Unterrepräsentanz von Frauen im Kulturbetrieb und der fehlenden Taten der Bundesregierung unangebracht finde, immer wieder darüber sprechen zu müssen, ob eine Quote zu Wettbewerbsverzerrungen oder Qualitätsverlusten führt, möchte ich noch einmal deutlich sagen: Nein, führt sie nicht, im Gegenteil.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)

Denn gerade die Tatsache, dass Frauen in allen Sparten fast nur 10 Prozent des Etats der Männer haben, ist etwas, was doch offenkundig nichts mit Qualität zu tun hat, rein gar nichts. Ein Beispiel sind preisvergebende Jurys. Beim ECHO Jazz 2016 wurden 4 Frauen, aber 52 Männer nominiert. Erzählen Sie mir nichts von Qualität!

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)

Ich wiederhole es: Die Schieflage besteht trotz einer steigenden Zahl von Absolventinnen in den künstlerischen und filmischen Studiengängen. Es mangelt auch nicht an gut ausgebildeten und talentierten Frauen.

Die Regisseurin Maria Mohr von Pro Quote Regie – diese Gleichstellungsinitiative muss man explizit hervorheben; sie leistet hervorragende Arbeit, auch auf der Berlinale – hat es in unserer Anhörung im Ausschuss treffend auf den Punkt gebracht: „Die Quote ist nicht wettbewerbsverzerrend. Sie korrigiert einen verzerrten Wettbewerb.“

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)

Es kann nicht sein, dass uns die künstlerische Qualität und Kreativität von Frauen verloren geht, weil strukturelle Hürden beim Zugang und im weiteren Verlauf des Berufslebens nicht beseitigt werden. Diskriminierung von Frauen kann und darf nicht unter dem Scheinargument der künstlerischen Freiheit gerechtfertigt werden. Sorgen Sie also mit gezielten Maßnahmen endlich für Chancengleichheit für Frauen im Filmbereich, in der Musikbranche, an den Theatern und bei den Philharmonien. Die Zeit ist mehr als reif dafür.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)

Vizepräsidentin Petra Pau:

Frau Kollegin Schauws, das Wort „Zeit“ war ein gutes Stichwort. Sie müssen jetzt einen Punkt setzen.

Ulle Schauws (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Ich komme jetzt zum Schluss.

Das Frauenwahlrecht wurde aus vielen Gründen lange verhindert. Ein Grund war sicherlich Angst vor Veränderungen. Ich sage Ihnen allen dazu nur: Seien Sie doch ein bisschen mutig, und bringen Sie zusammen mit uns gerechte Strukturen im Kulturbetrieb auf den Weg. In zweieinhalb Jahren wird das Frauenwahlrecht 100 Jahre alt. Es wäre schön, wenn wir uns bis dahin auf den Weg gemacht hätten, die Lage für Frauen zu verbessern und den Kulturbetrieb vielfältiger zu machen.

Vielen Dank.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)

4398278