Bundestagsrede von Kai Gehring 29.01.2016

Arbeitsforschung

Vizepräsidentin Petra Pau: Das Wort hat der Kollege Kai Gehring für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.

Kai Gehring (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wenn Digitalisierung zu Umbrüchen in der Arbeitswelt führt, dann muss sich auch die Arbeitsforschung wandeln. Der vorliegende Antrag der Koalition stellt hierzu eine sinnvolle Diskussionsgrundlage dar, die jedoch ein paar blinde Flecken aufweist. Ihre Beschreibung der arbeitspolitischen Chancen und Herausforderungen ist leider recht selektiv. Deshalb möchte ich Sie auf einige blinde Flecken hinweisen.

Erstens. Es findet sich kein Wort zur zunehmenden Diversität und Vielfalt der Belegschaften. Dies ist gerade angesichts unserer modernen Einwanderungsgesellschaft und der Debatten über Flucht und Integration mehr als erstaunlich.

Zweitens. Das Thema Gleichstellung von Frauen und Männern taucht nur indirekt auf, und zwar wieder im Zusammenhang mit der so wichtigen Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Es ist schade, dass die Koalition diese wichtigen Felder von Arbeitsforschung – Diversity und Gleichstellung – nicht als Forschungsgegenstand klar benennt.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Dabei könnten Sie gerade hier Ratschläge der Wissenschaft dringend brauchen; denn eine gerechtere Arbeitswelt und gute Arbeit für alle wird es nur geben, wenn wir Benachteiligungen gezielt abbauen und Forschungskonzepte dies noch stärker berücksichtigen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Drittens. Neue Smart Services sind nur dann nachhaltig, wenn sie neben effizientem Ressourceneinsatz faire Beschäftigungsbedingungen bieten. Digitalisierung droht sich genderspezifisch auszuwirken: Es ist auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos festgestellt worden, dass besonders Arbeitsplätze von Frauen gefährdet sind. Es kann also durchaus dazu kommen, dass es nicht, wie es der Titel Ihres Antrags proklamiert, mehr Beschäftigung geben wird, sondern weniger und anders verteilte. Wissenschaft muss solche vielschichtigen Entwicklungen analysieren, Empfehlungen entwickeln und in den gesellschaftlichen Diskurs einspeisen. Sie müssen dann Konsequenzen ziehen in Ihrer Wirtschafts-, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Viertens. Wir teilen den Ansatz, die Forschungsagenden gemeinsam mit den Sozialpartnern zu entwickeln. Das ist ein durchaus wichtiger Punkt.

(Beifall bei Abgeordneten der SPD)

Aber dabei dürfen Sie nicht diejenigen Betriebe und Branchen vernachlässigen, in denen es keine oder kaum Mitbestimmung gibt. Genau dort bleibt das Risiko, dass die Digitalisierung nicht zur Humanisierung der Arbeit führt, sondern zu Arbeitsverdichtung sowie zu Problemen mit ständiger Erreichbarkeit und beim Datenschutz. Das ist ein wichtiger Punkt der Arbeitsforschung und offensichtlich ein blinder Fleck bei Ihnen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Zur Realität gehört auch, dass es weiterhin Jobs mit geringen Qualifikationsanforderungen gibt, häufig dann als prekäre Beschäftigungsverhältnisse. Die Arbeitsbedingungen dieser Beschäftigten dürfen nicht ignoriert werden, sondern müssen intensiver erforscht werden, um Lösungen zu finden, ihre Arbeitsbedingungen zu verbessern.

Fünftens. Für den Transfer der Arbeitsforschungsergebnisse nennen Sie als wichtige Zielgruppe kleine und mittlere Unternehmen. Das teilen wir. Leider führen Sie nicht aus, wie die KMUs erreicht werden können. Es wäre hochgradig spannend, zu erfahren, wie das gelingen soll. Im Forschungsausschuss haben uns Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von der Schwerfälligkeit der Antragsverfahren berichtet. Es wäre erfreulich, wenn offenere Programmstrukturen zu schnelleren Fördermöglichkeiten führen würden.

Nicht vernachlässigt werden darf bei aller Praxisorientierung der Arbeitsforschung die Grundlagenforschung an sich, die Sie ebenfalls in Ihrem Antrag nicht adressieren. Deren Förderung ist vor allem unsere staatliche Aufgabe, weil einzelne Unternehmen diese in der Regel so breit nicht leisten. Bei der Suche nach kreativen Reaktionen auf epochale Veränderungen in der Arbeitswelt können wir darauf nicht verzichten.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Sechstens. Betrachtet man allein unsere Verpflichtung nach der Pariser Klimakonferenz, wird deutlich, dass wir unsere Produktionsweisen, Konsumgewohnheiten und Arbeitsweisen grundlegend verändern müssen. Das Forschen für den Wandel und die Schaffung arbeitsökologischer Innovationen sind deshalb ein Gebot der Stunde. Plakativ gesagt: Wir brauchen auch mehr Arbeitsforschung für eine Green Economy, damit wir den Wandel schaffen.

Siebtens. Gerade bei der Technisierung personenbezogener Dienstleistungen stellen sich verstärkt ethische und soziale Fragen, zum Beispiel bei den Branchen Pflege und Medizin, Stichwort „Pflegerobotik“. Diese Chancen und Risiken müssen in unserer Gesellschaft breit und fundiert diskutiert werden. Deshalb bedarf es gerade auch bei der Arbeitsforschung ethischer und sozialer Fragestellungen. Da kann sie einen wichtigen Beitrag leisten.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)

Es ist insgesamt, meine Damen und Herren, eine interessante Initiative der Koalitionsfraktionen, die wir jetzt hier im Plenum diskutiert haben. Wir sind gespannt, wie die Bundesregierung die Ergebnisse der Arbeitsforschung in ihrem politischen Handeln aufgreifen wird. Ich freue mich auf die Debatte in den Ausschüssen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Tankred Schipanski [CDU/CSU]: Ein versöhnliches Ende!)

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