Bundestagsrede von Kai Gehring 28.01.2016

Klima- und Klimafolgenforschung

Kai Gehring (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir als grüne Bundestagsfraktion bringen hier und heute, wenige Wochen nach der Weltklimakonferenz von Paris, unseren Antrag zur Stärkung der Klima- und Klimafolgenforschung ein. Die Klimaforschung in Deutschland hat zu Recht national wie international einen hervorragenden Ruf – unseren exzellenten Klimaforschungsinstituten sei Dank. Wir müssen diese Kompetenz aber weiter stärken und als Teil einer auf Nachhaltigkeit setzenden Forschungsförderpolitik ausbauen; denn valide Forschungsdaten sind Voraussetzung für eine zukunftsorientierte Weltklimapolitik.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Die hohe Qualität von Forschungsergebnissen, gebündelt vom IPCC, ist die eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist die Frage des politischen Willens, aus wissenschaftlichen Erkenntnissen richtige Konsequenzen zu ziehen. Während UN-Generalsekretär Ban Ki-moon heute fordert, zur Einhaltung des Pariser Klimaschutzabkommens die Investitionen in erneuerbare Energien in den nächsten fünf Jahren weltweit zu verdoppeln, ist das Urteil „beratungsresistent“ für die zögerliche Haltung dieser Bundesregierung beim Kohleausstieg noch schmeichelhaft.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Eva Bulling-Schröter [DIE LINKE])

Das Herumlavieren der ehemaligen Klimakanzlerin und des Vizekanzlers droht die vereinbarten Klimaschutzziele zu unterhöhlen. Das ist hochproblematisch.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Weil Anspruch und Handeln auseinanderklaffen, wundert mich auch nicht, dass sich die Koalition bei dem ganzen Thema verzettelt und bei der Klimaforschung zu keiner vorausdenkenden und wegweisenden Strategie findet. Da geht aber deutlich mehr.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Nehmen Sie unseren Antrag daher als Einladung, der Klimafolgenforschung einen deutlichen Schub zu geben; denn eine ambitionierte Forschungs- und Klimapolitik gegen die Überhitzung unseres Planeten ist notwendiger denn je.

Extreme Wetterereignisse häufen sich: 2015 war das weltweit heißeste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. 13 der 15 wärmsten Jahre wurden nach der Jahrtausendwende registriert. Das hat massive Folgen: Gletscherschmelzen in Polarregionen und weltweit Dürren, Hitzewellen und Hungersnöte. Es entstehen neue Armutsrisiken, neue Verteilungsfragen und neue Fluchtursachen. Diese ökologischen, aber auch die sozialen und regionalen Klimafolgen gehören noch intensiver und interdisziplinärer erforscht.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Wir schlagen hierfür ein eigenständiges Forschungsrahmenprogramm zur Klima- und Klimafolgenforschung unter Federführung des BMBF vor. Darin lassen sich die Aktivitäten ressortübergreifend bündeln. Sie lassen sich ausbauen, weiter gehende Forschungsbedarfe können identifiziert und priorisiert werden.

Um die Folgen des Klimawandels beherrschbar zu machen, müssen nämlich auch Gegen- und Anpassungsstrategien wissenschaftlich viel stärker entwickelt werden. Dieses transformative Wissen in der Frage, wie wir mit den massiven Klimaveränderungen umgehen, wird dringend zur weltweiten Anwendung gebraucht.

Weiterzuentwickeln sind Klimamodellierung und regionale Prognosen zu Folgen der Klimaveränderung für die Natur und zu Auswirkungen auf die Menschen selbst, die etwa in Megacitys und in Küstenregionen leben. Die schnelle Anwendung dieses transformativen Wissens und interdisziplinäre Kooperation sind dringend erforderlich. Das wollen auch immer mehr Forschende.

Eine Chance wären integrierte Forschungsansätze innerhalb dieses Rahmenprogramms. Das heißt, man braucht biologische, geologische, ozeanografische, meteorologische, geophysikalische und chemische Langzeitmessungen sowie gleichzeitig sozial- und geisteswissenschaftliche Expertise.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Dr. Thomas Feist [CDU/CSU]: Das ist ein schöner Satz!)

Es geht darum, die entwicklungs-, flüchtlings- und wirtschaftspolitischen Implikationen auch interdisziplinär zu erforschen und zu denken. Denn es ist vieles unklar, zum Beispiel, welche Gesundheits- und Seuchenrisiken durch Extremwetterereignisse und erhöhte Mitteltemperaturen auf dem Globus entstehen. Was bedeutet das für die Resilienz von Mensch und Natur sowie für die biologische Vielfalt?

Wir wissen, dass die Klimakrise uns alle trifft und bedroht. Ihre Auswirkungen können wir nicht allein durch Expertendiskurse in den Griff bekommen, sondern wir müssen Sensibilisierung und Problembewusstsein in der gesamten Gesellschaft wecken. Gerade in der Klimafolgenforschung müssen Wissenstransfer bzw. die Kommunikation mit und Beteiligung der Zivilgesellschaft systematisch vorangetrieben werden.

Mit einem ambitionierten Forschungsrahmenprogramm wollen wir diesen gewaltigen Herausforderungen beherzt gerecht werden. Sagen Sie Ja zu unserem Ansatz und zu diesem Instrument, um in den nächsten Jahren einen Forschungsschwerpunkt der Bundesregierung darauf zu legen! Lassen Sie uns keine Zeit verlieren. Ich freue mich deshalb auch auf die Beratung im Ausschuss.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN)

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