Bundestagsrede von Monika Lazar 28.01.2016

Rechtsextremismus und Bürgerrechte im Sport

Monika Lazar (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Im Herbst 2014 randalierten circa 5 000 Hooligans unter dem Motto „Hooligans gegen Salafisten“ in der Kölner Innenstadt. Die rechtsextreme Band Kategorie C trat auf; die rechte Rockerszene und auch einschlägige Neonazis waren vertreten. Im Nachhinein stellte sich heraus, wie überfordert die Sicherheitsbehörden im Vorfeld bei der Einschätzung des Gefahrenpotenzials dieser Veranstaltung gewesen waren. Die Teilnehmerzahl wurde unterschätzt, und viele wunderten sich, wie kurz der Draht zwischen rechten Hools, Neonazis und rechten Rockern war. Und tatsächlich: Der Mobilisierungsgrad innerhalb der rechten Szene hat auch Kenner der Zivilgesellschaft überrascht.

Danach wurde es vermeintlich ruhiger um HoGeSa. Auch die Nachfolgeorganisation zerlegte sich schnell. Trotzdem versuchen seit einigen Jahren rechtsextreme Alt-Hools, in die Stadien zurückzudrängen und den oft antirassistisch eingestellten Ultragruppierungen den Platz streitig zu machen.

Aber auch außerhalb der Stadien tut sich etwas. Erst vor kurzem haben wir in meiner Heimatstadt Leipzig das Gewaltpotenzial der rechten Hooligan-Szene ganz konkret zu spüren bekommen: Am 11. Januar überfielen 250 vermummte Nazi-Hooligans den alternativen Stadtteil Connewitz und verwüsteten einen Straßenzug. Viele davon kamen aus dem Umfeld des Halleschen FC und von Lok Leipzig. Aber auch am letzten Samstag überfielen vermeintliche Anhänger von Dynamo Dresden im Anschluss an das Spiel Menschen mit Migrationshintergrund am Dresdner Hauptbahnhof. Diese aktuellen Beispiele aus Sachsen zeigen: Auch wenn HoGeSa kaum noch eine Rolle spielt, wüten rechte Hooligans weiter. Hier muss Politik reagieren.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Was haben Innenministerien und Polizeibehörden sich nicht alles ausgedacht, um Gewalt im Fußball einzudämmen! So wird in einigen Fällen das niederländische Modell praktiziert. Dabei sollen alle Auswärtsfans ihre Eintrittskarten erst nach der Anreise ausgehändigt bekommen. Allerdings ist die Voraussetzung, dass man sich verpflichtet, zum Beispiel mit Sonderbussen anzureisen, nachdem man sich registriert hat.

Kaum eine Innenministerkonferenz vergeht, in der das Thema „Sicherheit im Fußball“ nicht thematisiert wird. Aber das Problem liegt woanders. Es braucht bei der Bekämpfung des Rechtsextremismus im Sport wie auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen einen Präventionsansatz. Wir haben in unserem Antrag nicht umsonst gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und Fanrechte gegenübergestellt. Denn die Fankultur im Fußball ist vielfältig und gesellschaftlich relevant. Gerade die Ultras sind Bestandteil dessen, was den Reiz des Fußballs ausmacht. Wer das kaputtmacht, indem er dafür sorgt, dass Menschen nur noch unter Preisgabe ihrer Daten und unter Zwang zur Nutzung einer bestimmten Anreiseart zum Stadion kommen, schneidet sich langfristig ins eigene Fleisch. Denn so schafft man es, jede Emotion aus dem Spiel zu nehmen, und Fans werden, bloß weil sie Anhängerinnen und Anhänger eines Vereins sind, als Krawallmacher stigmatisiert.

Trotz der positiven Entwicklung in den letzten Jahren sind Rassismus und Rechtsextremismus im Sport weiterhin ein Problem. Um die Zivilgesellschaft auch im Sport zu unterstützten, schlagen wir deshalb ein sportbezogenes Bundesprogramm vor. Im Bundesprogramm „Zusammenhalt durch Teilhabe“ gibt es zwar positive Beispiele zu dem Thema, nach Gesprächen mit Initiativen, die das jeden Tag aufs Neue erleben, ist uns aber klar geworden: Es braucht einen gesonderten Sportbezug in einem Programm, um das Problem wirklich zu lösen. Die Details sind in unserem Antrag nachzulesen.

Kurz zusammengefasst: Der Schutz vor Diskriminierung und Rassismus im Sport ist zu stärken. Gleichzeitig ist daran zu erinnern: Vergessen wir die Bürgerrechte von Fußballfans nicht.

Vielen Dank.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)

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