Bundestagsrede von Kai Gehring 10.06.2016

Deutsch-indische Bildungs- und Wissenschaftskooperation ausbauen

Kai Gehring (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Indien wird bisweilen unterschätzt, und das völlig zu Unrecht. Das Land steht an der Schwelle, ein richtig wirkungsmächtiger Global Player zu werden. Es ist darum ein ganz wichtiges Signal, dass wir diese Debatte der deutsch-indischen Zusammenarbeit in Bildung und Forschung widmen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)

Sehr viele Projekte und Initiativen gibt es bereits, wie unser gemeinsamer Antrag deutlich macht. Danke an Simone Raatz für den Anstoß, danke den anderen Berichterstattern für das sehr konstruktive Miteinander. Es ist gut, dass wir uns interfraktionell einig sind, Kooperationen zu verstetigen und Positives auszubauen.

Das Interesse an mehr Kooperationen in Bildung und Forschung ist riesengroß; das haben unsere indischen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner, von NGOs bis hin zu Spitzenforschern, während der Delegationsfahrt unseres Ausschusses klar an uns herangetragen. Dieses Angebot nehmen wir gerne an.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der CDU/CSU und der SPD)

Indien ist ein dynamisches und quirliges Land – aufstrebend, bildungsaffin, wissbegierig, innovativ und mit immensen Potenzialen bei Technologie, Talenten und Kreativität. Soziale Spaltung, eklatante Armut und Defizite bei Good Governance sind als Probleme erkannt und müssen in Indien mit Nachdruck beackert werden. Als aufstrebendes Schwellenland setzt Indien auf Wachstum und Wohlstand und braucht vor allem in den Millionenmetropolen dringend mehr Umwelt- und Klimaschutz für mehr Lebensqualität.

Indien ist die größte Demokratie der Welt – auch ein sehr wichtiger Faktor. Damit schützt Indien demokratische Rechte und Werte, die zum Beispiel in China fehlen und in Russland und der Türkei massiv unter Druck stehen, Werte wie Meinungs-, Presse- und Wissenschaftsfreiheit, die auch wir leben und unterstützen. Auch deshalb ist dieser Antrag so wichtig.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der CDU/CSU und der SPD)

Denn diese Werte bilden den fruchtbaren Boden für eine lebendige Zivilgesellschaft. Die Vielfalt und die immense Mehrsprachigkeit in Indien fördern kreatives Denken und selbstbewusste Bürgerschaft. Dieser Weg wird sich langfristig als viel erfolgreicher erweisen als der Weg einer Diktatur. Das macht den Austausch auch in der Außenwissenschaftspolitik umso wertvoller. Auch deswegen ist diese Antragsinitiative so wichtig, auch deswegen haben wir sie gerne aktiv mitgestaltet.

Deutschland möchte ein verlässlicher Partner Indiens sein. Wir bieten unsere Unterstützung bei der Bewältigung der großen Herausforderungen an, vor denen dieses Land steht. Eine Herausforderung ist die große Nachfrage nach Energie. Über 300 Millionen Menschen in Indien haben keinen zuverlässigen Zugang zu Strom. Das ist so, als wenn in den gesamten USA das Licht ausginge. Im Kampf gegen diese Energiearmut setzt Indien leider vor allem auf Kohlekraft, obwohl die Regierung weiß, dass dies zu noch mehr Smog und noch mehr Treibhausgasen führt. Auch die Atomkraft ist wegen der Sicherheitsrisiken und der ungeklärten Frage der Endlagerung problematisch.

Umso erfreulicher und umso unterstützenswerter ist es aber für uns als deutsches Parlament, dass die indische Regierung zunehmend auch auf erneuerbare Energien setzt. Bis 2022 will die indische Regierung Solaranlagen mit einer Leistung von 100 Gigawatt aufbauen. Deutschland hat bereits einen bedeutenden Anteil an Erneuerbaren. Unsere Erfahrung mit der Energiewende und mit verantwortlicher Energieforschung teilen wir gerne. Ein Green New Deal wäre für die indische Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt ein großer Gewinn.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)

Eine weitere Herausforderung sind neue Jobs. Pro Jahr kommen 12 bis 13 Millionen Jugendliche auf den indischen Arbeitsmarkt; das muss man sich einmal vorstellen. Um die unterzubringen, um diesen jungen Menschen Perspektiven zu geben, ist das duale System unserer Berufsausbildung mit seiner Verknüpfung aus Theorie und Praxis ein sinnvoller Weg, zumal es in Indien so viele kleinste, kleine und mittlere Unternehmen gibt. Das duale System kann helfen, kann Vorbild sein, eine flexible und innovative Facharbeiterschaft auszubilden. Hierbei bringen wir unsere Erfahrungen sehr gerne weiter ein.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)

Eine etablierte stabile Säule der deutsch-indischen Freundschaft ist der Austausch von Studierenden und Wissenschaftlern, und die Zahlen steigen. Mittlerweile sind Inder die drittgrößte Gruppe unter den internationalen Studierenden hierzulande. Das ist überraschend und beeindruckend. Umgekehrt geht noch etwas: Mehr Deutsche sollten in Indien studieren.

Zahlreiche Hochschulen sowie außeruniversitäre Forschungseinrichtungen sind in Indien aktiv. Das Deutsche Wissenschafts- und Innovationshaus in Neu-Delhi ist eine sehr wichtige Adresse für den Austausch, dessen Finanzierung wir auch künftig sicherstellen wollen. Gleiches gilt für die Ausstattung der deutschen Schule in Neu-Delhi. Zusammen mit der Initiative „Schulen: Partner der Zukunft“, PASCH, und dem Programm „Deutsch an 1 000 Schulen“ wecken wir Interesse am modernen Deutschland, das sich weltoffen und vielfältig präsentiert. Danke daher an alle Mittlerorganisationen, die hervorragend arbeiten und unser Bild als Wissensnation dort prägen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)

Wir wollen Freunde Deutschlands in der Welt gewinnen. Wir wollen die deutsch-indische Kooperation in Bildung und Forschung ausbauen. Gemeinsam sind unsere beiden Demokratien stärker, Lösungen für die soziale und ökologische Modernisierung unserer Welt und unserer Länder zu finden und zu etablieren. Unser Antrag unterstreicht das breite bildungs- und forschungspolitische Fundament hierfür. Die erfreuliche Botschaft ist: Regierung und Parlament sind sich einig, dass wir das noch verbreitern wollen.

Vielen Dank.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der CDU/CSU und der SPD)

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