Bundestagsrede von Tabea Rößner 03.06.2016

Filmförderung

Tabea Rößner (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Warum hat Toni Erdmann, der gefeierte Film von Maren Ade, in Cannes keinen Preis gewonnen? Ich wage einmal eine steile These: weil dieser Film von Frauen gemacht wurde. Die Einladung nach Cannes war allerdings schon ein Riesenerfolg. Sieben Jahre lang gab es keinen deutschen Beitrag. Vielleicht fehlt dem deutschen Film nichts so sehr wie Frauen – Produzentinnen, Regisseurinnen und Autorinnen. Toni Erdmann hat den Weg nach Cannes nicht wegen, sondern trotz unseres Filmförderungssystems geschafft.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Dass Frauen in der Filmbranche benachteiligt sind, ist hinlänglich bekannt. Wer welche Förderung bekommt, entscheiden überwiegend Männer. Und es sind überwiegend Männer, deren Projekte dann auch gefördert werden. Frau Staatsministerin Grütters, Sie haben immer gesagt, dass Sie diesen Missstand beheben wollen. Das ist gut und zwingend notwendig; denn Frauen haben andere Sichtweisen und tragen zu mehr Vielfalt in der Filmlandschaft bei. Wir brauchen also mehr Produzentinnen, mehr Drehbuchautorinnen und mehr Regisseurinnen. Daher müssen wir ihnen bessere Chancen auf Förderung einräumen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Harald Petzold [Havelland] [DIE LINKE])

Davon ist in Ihrem Gesetzentwurf nur leider nichts zu sehen. Sie werden mir jetzt entgegenhalten: Es soll mehr Frauen in den Gremien der Filmförderungsanstalt geben. Daraus folgt aber doch nicht automatisch, dass mehr Frauen gefördert werden. Wäre es da nicht besser, eine klare Zielvorgabe zu machen, wie viele der bewilligten Projekte in den nächsten Jahren unter Beteiligung von Frauen bei Regie, Produktion und Drehbuch entstehen sollen? Da geht also deutlich mehr. Wir brauchen mehr Mut, zu einer gesetzlichen Regelung zu kommen, die dieses Problem auch wirklich angeht.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Harald Petzold [Havelland] [DIE LINKE])

„Mut“ ist ein gutes Stichwort. Daran fehlt es bei den Entscheidern leider viel zu oft. Es fehlt an Mut, den Filmschaffenden mehr Vertrauen entgegenzubringen. Sie müssen mit ihren Projekten durch so viele Türen gehen, und das Drehbuch muss durch so viele Hände gehen, dass dabei am Ende nicht immer der beste Film herauskommt. Dazu findet sich leider nichts in Ihrem Gesetzentwurf.

Wie wäre es zum Beispiel mit einem Fast Track? Die Filmförderungsanstalt vergibt einen bestimmten Prozentsatz des Fördertopfes an erfolgreiche Filmemacherinnen und Filmemacher in einem vereinfachten und automatisierten Verfahren. Dafür müsste man den Kreativen mehr vertrauen, es würde aber größtmögliche künstlerische Freiheit ermöglichen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Johannes Selle [CDU/CSU]: Das gibt es doch schon!)

Wir alle wollen gute Filme sehen, aber ob die Ausgestaltung der Vergabegremien zu besseren Filmen führt, wage ich zu bezweifeln. In den Kommissionen, die deutlich kleiner werden sollen – was ich richtig finde –, soll zukünftig immer eine Mehrheit von Verwertern sitzen, auch wenn es um die Förderung von Drehbüchern und Filmen geht.

(Harald Petzold [Havelland] [DIE LINKE]: Skandalös!)

Das zementiert doch die bisherigen Machtverhältnisse, und die Macht liegt leider nicht bei den Kreativen. An dieser Stelle sollten Sie den Entwurf dringend überarbeiten.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Auch die Besetzung des Verwaltungsrats verfestigt Machtstrukturen. Von den 36 Mitgliedern hat die Produzentenallianz auch künftig drei Sitze, der Verband Deutscher Filmproduzenten aber nur einen. Da frage ich mich: Auf welcher Grundlage erfolgt diese Sitzverteilung?

Apropos Transparenz. Auch hier fehlt der Mut. Es muss für öffentliche Anstalten Pflicht sein, Rechenschaft abzulegen. Dafür braucht man aber Zahlen über Herstellungskosten, die Beteiligung der Fernsehsender, Rückzahlungen und den Anteil an Frauen in den Bereichen Regie, Produktion und Drehbuch. Nur so kann man die Förderentscheidung evaluieren. Dazu könnte zum Beispiel ein zentrales Filmregister wie in Frankreich dienen. Ich denke, es würde der FFA gut zu Gesicht stehen, Transparenz zum Aushängeschild zu machen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Harald Petzold [Havelland] [DIE LINKE])

Das könnte auch bei der Bewertung helfen, wann ein Film erfolgreich ist, was sich wiederum auf die Referenzförderung auswirkt. Ist ein Film nur dann erfolgreich, wenn er in absoluten Zahlen die meisten Kinobesucher zählt? Oder ist nicht auch ein Film erfolgreich, der zwar weniger Zuschauer hat, aber bei wesentlich geringeren Produktionskosten im Verhältnis deutlich mehr? Warum trauen Sie sich nicht, die Herstellungskosten in das Verhältnis zu den Zuschauerzahlen zu setzen? Das wäre eine sinnvolle politische Steuerung im Sinne des kreativen Films. Sie würde gewährleisten, dass die Referenzförderung teure Produktionen nicht einseitig besserstellt, während erfolgreiche, aber günstigere Filme hinten runterfallen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Harald Petzold [Havelland] [DIE LINKE])

Es gäbe noch vieles zu sagen über die sozialen Standards, die ökologischen Standards, die Selbstverpflichtung, die Sperrfristen oder die Stärkung des Kinos als sozialer und kultureller Ort.

Ich will noch eine letzte Anmerkung machen. Es ist unsere Aufgabe, den Kreativen ein Umfeld zu schaffen, in dem sich Kreativität auch entfalten kann, damit wir den nächsten deutschen Beitrag in Cannes nicht erst im Jahr 2023 haben.

Vielen Dank.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Harald Petzold [Havelland] [DIE LINKE])

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