Bundestagsrede von Kai Gehring 17.03.2016

Arbeitsforschung

Kai Gehring (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir erleben ganz klar epochale Umbrüche in der Arbeitswelt: von der räumlichen und zeitlichen Entgrenzung von Arbeitsprozessen über Digitalisierung – Stichwort „Industrie 4.0“ – bis hin zu Robotik in Pflege und Gesundheit.

Die Koalition beschreibt die damit verbundenen Chancen und Herausforderungen in ihrem Antrag aber leider nur lückenhaft. Sie haben offenbar nur wenige gemeinsame Vorstellungen davon, wie, wo und wie lange wir in Zukunft arbeiten. Anders ist jedenfalls nicht zu erklären, dass Sie in Ihrem Antrag die Benachteiligung von Frauen und Geringqualifizierten in der Arbeitswelt, die zunehmende Vielfalt und Diversity der Belegschaften und die Folgen der aktuellen Migration weitgehend ausblenden. Allein an diesen Punkten ist Ihr Antrag nicht auf der Höhe der Zeit.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Gute Empfehlungen der Wissenschaft für eine humanere und gerechtere Arbeitswelt bekommen wir, wenn die Forschungsdesigns Zugangsfragen, Diskriminierungen und Karrierehemmnisse stärker in den Blick nehmen. Ohne diese Gerechtigkeitsperspektiven bleibt die Humanisierung der Arbeitswelt nur ein hehres Ziel.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Ich bin davon überzeugt: Ein nachhaltiges Wohlstandsmodell funktioniert nur mit fairen Arbeitsbedingungen.

(Beifall des Abg. René Röspel [SPD])

Gerade in Zeiten steigender Lebenserwartung, Digitalisierung und auch des höheren Arbeitsdrucks gilt, dass Arbeit nicht krank machen darf. Wir begrüßen deshalb den Ausbau des Forschungsschwerpunktes „Gesundheit im Erwerbsverlauf“. Es wäre allerdings sehr erfreulich, wenn die betroffenen Ministerien weniger als bisher aneinander vorbeiwerkeln würden.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Aktuelles Beispiel. Vorgestern veranstaltete SPD-Ministerin Nahles die Halbzeitkonferenz zum Grünbuch Arbeiten 4.0. Die dortigen Diskurse zur Regulierung der Arbeitszeitmodelle blendet das CDU-Forschungsministerium aber komplett aus. Das muss sich ändern. Wenn wir in der Wissenschaft mehr Interdisziplinarität wollen, dann muss es auch eine bessere Zusammenarbeit zwischen den Ministerien geben.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Die Arbeitsforschung wird als einziges Forschungsfeld in Deutschland vom Europäischen Sozialfonds mit finanziert. Diese Besonderheit sollte genutzt werden, um gemeinsam und europaweit Lösungen für gute Arbeit zu entwickeln sowie länderübergreifend gegen Lohndumping und prekäre Beschäftigung vorzugehen.

In Europa können wir jedenfalls viel voneinander lernen. So kann Deutschland die positive Errungenschaft der Sozialpartnerschaft einbringen. Es ist deshalb richtig, die Agenda der Arbeitsforschung gemeinsam mit den Tarifpartnern zu entwickeln. Das begünstigt nicht zuletzt die Rückkopplung und den Transfer der Ergebnisse in die Betriebe und in die Praxis hinein.

Diese Fokussierung hat aber auch Restrisiko. Im Fachausschuss sind Sie die Antwort darauf schuldig geblieben. Was ist denn mit den Branchen, in denen Arbeitgeber und Beschäftigte kaum oder gar nicht organisiert sind, wie die Start-ups, Unternehmensgründer und Teile der kleinen und mittleren Unternehmen im digitalen Bereich? Wenn deren Probleme und Herausforderungen in den Forschungsagenden ignoriert werden, besteht das Risiko, dass blinde Flecken bleiben und die Prekarisierung verstärkt und zementiert wird.

Solchen sozialen Sprengstoff kann und darf sich unsere Gesellschaft nicht leisten. Hier darf es keine Forschungslücken geben, damit wir aktiv die Verbesserung der Arbeitssituation aller Menschen hinbekommen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Die Balance zwischen Flexibilität und fairen Leitplanken in der Arbeitswelt muss immer wieder an neue Entwicklungen angepasst werden. Arbeitsforschung kann für den gesellschaftlichen Diskurs darüber und für die politischen Entscheidungen, die wir hier treffen, ganz fundierte Hinweise und auch Handlungsoptionen geben.

Dabei ist mir noch eines sehr wichtig: Unsere nationale Forschungspolitik muss ein Stück weit von der starken Technikfixierung und Industriefixierung wegkommen. Es muss auch stärker darum gehen, soziale Innovationen zu fördern, um die Lebensqualität der Menschen zu steigern.

(Beifall des Abg. Dr. Ernst Dieter Rossmann [SPD])

Das EU-Programm Horizon 2020 hat einen solchen Ansatz. In Frau Wankas Hightech-Strategie kommt das viel zu kurz. Soziale Innovationen gehören viel stärker nach vorne, erst recht in der Arbeitswelt.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Es bleibt Aufgabe der Forschungsförderung, eine breite Grundlagenforschung und eine Vielfalt der Forschungsansätze zu ermöglichen. Nur so entstehen intelligente Lösungen für die Arbeitswelt von morgen. Ich sehe deshalb mit Sorge, dass Forschung immer stärker verzweckt wird und dabei Kreativität und Forschungsfreiheit auf der Strecke bleiben können. Lassen Sie uns in der Arbeitsforschung vor einer solchen Engführung schützen, indem wir Pluralität ermöglichen, interdisziplinäre Brücken schlagen und die betriebliche Praxis real verbessern.

Aufgrund der erwähnten Defizite wird sich meine Fraktion in der Endabstimmung enthalten. Sehen Sie das als konstruktiven Ansporn. Gerne loben wir Sie in Zukunft, wenn Ihren Worten politische Taten folgen und Sie die bestehenden Forschungslücken schließen.

Vielen Dank.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

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