Bundestagsrede von Friedrich Ostendorff 21.10.2016

Garten- und Landschaftsbau

Friedrich Ostendorff (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Die Gartenbaubranche erfüllt in ihrer Vielfalt wichtige gesellschaftliche Aufgaben. Die Früchte des Erwerbsobst- und -gemüsebaus sind Teil unserer Ernährung. Den Ausbau und die Instandsetzung des öffentlichen Grüns leistet der Garten- und Landschaftsbau. Der Freizeitwert wird vom Sport- und Spielstättenbau befördert. Auch andere Bereiche wie Friedhofsgärtnereien, aber auch Baumschulen, Staudengärtnereien oder Zierpflanzenbau sind wichtige Kulturträger.

Nicht zu vergessen: Der Gartenbau ist Träger positiver Emotionen, meine Damen und Herren. Das bedeutet, der gesellschaftlichen Erwartungshaltung und der gesellschaftlichen Akzeptanz ist nachzukommen. Inzwischen spüren wir eine breite Bewegung und gerade auch bei jungen Familien den Wunsch nach einer eigenen Anbauparzelle, nach einem eigenen Sehnsuchtsort; sei es Urban Gardening – Stichwort: Tempelhofer Feld –, sei es der klassische Kleingarten im Ruhrgebiet. Da gibt es in den Kleingärtenvereinen inzwischen wahre Kulturrevolutionen.

Der Garten- und Landschaftsbau verdient viel stärkere Aufmerksamkeit; denn die Branche muss zukunftsorientiert denken und handeln. Dafür braucht sie aber Perspektive. Das ist die politische Aufgabe, die wir haben. Es ist gut, dass es diesen Antrag der Koalitionsfraktionen gibt. Deshalb können wir diese Debatte, meine Damen und Herren, nur sehr begrüßen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen der CDU/CSU und der SPD, wo liegen denn die Prioritäten in der Förderung der Branche? Was wir im Antrag lesen, ist ein wärmender, wohlwollender Rundumschlag nach dem Motto: Wir stehen immer hinter euch, heute und gestern. – Was fehlt, sind natürlich die Wegweiser, wo es in der Zukunft hingehen soll.

Die Umstellung auf regenerative Energien ist den Gartenbaubetrieben wahrlich nicht fremd. Sie sind schon lange auf dem Weg. Durch Energieeffizienz und Energiesparen können Kosten eingespart werden, Energie kann aber auch ein wichtiger Kostentreiber sein.

Bei Ökologisierung und Nachhaltigkeit müssen wir die Betriebe viel stärker unterstützen. Darum müssen wir uns kümmern. Da geht es nicht nur um den knappen Rohstoff Torf, der aus dem Gartenbau weiter verbannt werden muss; darin sind wir uns durchaus einig. Es geht um viel mehr.

Ein Thema ist zum Beispiel die EU-weite Harmonisierung der Pflanzenschutzgesetzgebung. Im Obstbau führt die nichteinheitliche EU-Regulierung immer wieder zu enormen Wettbewerbsverzerrungen. Mittel, die hier in Deutschland zu Recht längst verboten sind, kommen in Nachbarländern noch immer zum Einsatz, durch den Import von Früchten aber leider auch zu uns. Umgekehrt ist es aber genauso. Auch wir müssen hier tätig werden und haben da noch einiges zu tun. Dieses Problem muss endlich angegangen werden, meine Damen und Herren.

Im Zierpflanzenbau muss der Einsatz von bestimmten Wachstumsregulatoren endlich geregelt werden. Hier erfährt die Branche aufgrund fehlender EU-Regelungen ebenfalls große Benachteiligungen. Eine Harmonisierung der EU-Pflanzenschutzvorgaben wird die Forschung nach Alternativen und die EU-weite Ökologisierung des Gartenbaus endlich voranbringen.

Ein weiteres dringendes Thema ist die Förderung des Ökozierpflanzenbaus. Hier stecken Forschung und Lehre noch in den Kinderschuhen, obwohl der Markt diese Produkte zunehmend fordert, wie auch im Übrigen der Ökomarkt.

Meine Damen und Herren, diesen Bereich an Gartenbauforschungszentren anzugliedern, ist längst überfällig. Da gilt es, endlich Fahrt aufzunehmen. Die unterschiedliche Branchenausrichtung auf Produktion, Handel und Dienstleistung oder auch deren Kombination erfordert vielfältige betriebliche Strukturen. Eine Stärkung kleiner und mittlerer, direktabsetzender Betriebe ist zur Erhaltung der Branchenstruktur unabdingbar. Was wir in den bäuerlichen Strukturen erfolgreich vorangebracht haben, geht im Gartenbau im Moment noch sehr stark verloren. Diese Entwicklung muss gestoppt werden. Die Politik muss dafür sorgen, dass die Chancen der kleinen und mittleren Betriebe, sich gegenüber Gartencenterketten, Baumärkten und dem Lebensmitteleinzelhandel durchzusetzen, die sich hier ja auch im Verkauf sehr stark engagieren, und zwar nur da, verbessert werden.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

In den direktabsetzenden Betrieben finden wir die Innovation, die wir in der Branche brauchen. Diese Betriebe stellen auch eine große Zahl der Ausbildungsplätze für den so wichtigen Fachkräftenachwuchs. Diese attraktiven Berufe des Gartenbaus haben absolute Nachwuchsprobleme. Das kann uns doch nicht egal sein.

Gesellschaftlich liegt Garten voll im Trend. Eine professionelle Ausbildung in diesem Bereich, vor allem im produktiven Gartenbau, ist leider bei jungen Leuten out. Da müssen wir gemeinsam Anstrengungen unternehmen und innovative Marketingideen hineinstecken, um diesen spannenden, abwechslungsreichen, kreativen und gesellschaftlich wertgeschätzten Bereich voranzubringen. Natürlich bedeutet das auch, Betrieben zu helfen, die sich darum mühen, jungen Flüchtlingen, die oft gute Voraussetzungen mitbringen, das Berufsfeld Gartenbau zu öffnen. Das könnte, wenn es gelingt, auch ein wichtiger Beitrag zur Integration werden.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN und der Abg. Dagmar Ziegler [SPD])

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