Bundestagsrede von Nicole Maisch 20.10.2016

Schulprogramm für Obst, Milch und Gemüse

Nicole Maisch (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Bei allem Streit um Fragen von gesunder Ernährung ist eines unumstritten: Reichlich Obst und Gemüse gehören zu einer ausgewogenen Ernährung in jedem Fall dazu. Wir haben das EU-Schulobstprogramm deshalb immer unterstützt und freuen uns, dass neben den ganzen Milliarden, die europaweit an Agrarsubventionen ausgeschüttet werden, auch Geld für die direkte Förderung gesunder Ernährung der europäischen Kinder ausgegeben wird. Das Programm trägt dazu bei, dass Kinder einen gesunden Lebensstil erlernen können; denn es verbindet sinnvoll die Ausgabe von leckerem Obst und Gemüse mit päda­gogischen Begleitmaßnahmen. Bei diesem Programm ist auch klar geregelt, dass den Kindern keine Produkte angeboten werden dürfen, die zugesetzten Zucker enthalten. Das ist sehr sinnvoll, denn die meisten Kinder essen ohnehin mehr Zucker als ihnen guttut.

Leider verhält es sich beim EU-Schulmilchprogramm, an dem aktuell 3 Millionen Kinder in Deutschland teilnehmen, anders. Aktuell trinken 90 Prozent der Schulkinder ausschließlich Kakao und Milchmischgetränke und nehmen so mit der Schulmilch unnötigen Zucker zu sich. Einem Becher Schulmilchkakao sind im Schnitt 9 Gramm Zucker zugesetzt. Im Laufe von 40 Schulwochen nimmt ein Kind über das Schulmilchprogramm fast 2 Kilogramm Zucker zu sich. Das muss nicht sein.

Absurd wird es nach Meinung von Ernährungsexperten, wenn man dann noch in der Gesetzesbegründung der Bundesregierung zum nationalen Umsetzungsgesetz lesen muss, dass beide Programme als Maßnahmen im Kampf gegen Adipositas und Fehlernährung gesehen werden. Statt eine ausgewogene Ernährung anzuregen und Übergewicht vorzubeugen, werden weiterhin Produkte gefördert, die das Gegenteil bewirken können. Auch nach den Getränkeempfehlungen für Schulkinder der Deutschen Gesellschaft für Ernährung sind Kakao und Milchmixgetränke in Schulen nicht vorgesehen.

Wenn die Bundesländer ab August 2017 die neue EU-Förderung bei der Schulmilch in Höhe von 100 Prozent in Anspruch nehmen wollen, ist der Zusatz von Zucker, Frucht und Kakao verboten. Man kann aber auch die alte Regelung weiterführen mit der geringeren EU-Förderung und einer dann notwendigen Kofinanzierung der Bundesländer. Dann sind Süßungen etc. erlaubt. Man wird beobachten müssen, wofür sich die Bundesländer entscheiden. Den Anreiz, pure Milch und pure Milchprodukte anzubieten, hat die EU gesetzt.

In der Vergangenheit gab es immer wieder einmal Berichte darüber, dass das Vorhaben an Schulen, die versucht habe, nur noch die pure Milch anzubieten, gescheitert ist. Die Milch wurde dort nicht mehr abgenommen, und das Vorhaben, gesündere Produkte zu verteilen, wurde wieder eingestellt. Allerdings muss man sich bei diesem Punkt fragen, ob hier wirklich Maßnahmen geprüft und ergriffen wurden, um Schülerinnen und Schüler auch für weniger süße Milchprodukte zu begeistern. Hier hat das Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund bereits Untersuchungen durchgeführt, wie gesundheitsfördernde Produkte aussehen und schmecken müssen, damit sie von Kindern und Jugendlichen angenommen werden. Auch das neu zu gründende Institut für Kinder­ernährung beim MRI sollte solche Fragestellungen berücksichtigen.

Mit der oben bezeichneten Neuregelung der EU-Schulprogramme fällt bei der Wahl einer Variante auch die Kofinanzierung der Bundesländer weg. Auf der einen Seite ist zu hoffen, dass die Abschaffung der Kofinanzierung durch die Bundesländer dazu führen wird, dass nun noch mehr Bundesländer das Programm nutzen werden. Diese wird auf der anderen Seite dazu führen, dass eine höhere Beteiligung zu weniger Geld für die einzelnen Mitgliedstaaten führt, weil die EU insgesamt nicht mehr Geld zu Verfügung stellt. Auch die Bundesländer, die bereits in den letzten Jahren an dem Programm teilgenommen haben, werden dann weniger Geld bekommen als in den Jahren zuvor. Das könnte also dazu führen, dass in diesen Bundesländern dann weniger Kinder von den Programmen profitieren oder dass die Anzahl der Ausgabetage von Obst und Milch reduziert wird. Das sollte nicht passieren. Diese möglichen Auswirkungen werden wir in den nächsten Jahren beobachten, und wir werden gegebenenfalls dagegensteuern müssen.

Ich werde nicht müde werden, zu betonen, dass das EU-Programm nur ein Baustein von vielen ist im Kampf gegen die Fehlernährung bei Kindern und Jugendlichen und in dem Bemühen, Kinder gesund aufwachsen zu lassen. Ein Apfel und ein Tetrapäckchen Milch reichen da nicht aus. Notwendig ist ein vollwertiges, köstliches Mittagessen. Der Ausbau einer gesunden Gemeinschaftsverpflegung, um Fehlernährung zu stoppen, Esskultur zu lehren und soziale Ungleichheiten aufzufangen, ist eine ganz wesentliche Aufgabe, der wir uns alle in den nächsten Jahren stellen müssen. Kinder und Jugendliche, die den ganzen Tag in der Kita und in der Schule verbringen, brauchen qualitativ hochwertiges und attraktives Schul­essen.

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