Bundestagsrede von Doris Wagner 29.09.2016

Partizipation und Selbstbestimmung älterer Menschen stärken

Doris Wagner (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Wie so viele Menschen in Deutschland gehöre ich der Generation der Babyboomer an, und wenn ich mich hier bei uns so umschaue, kann ich sagen: viele von Ihnen auch.

(Michaela Noll [CDU/CSU]: Das stimmt!)

Wir Babyboomer sind jetzt so in den 50ern. Wir sind eigentlich noch jung, fangen aber auch schon an, uns Gedanken darüber zu machen, wie wir im Alter leben wollen. Viele von uns jungen Alten sind noch fit und gesund. Wir sind familiär oder gesellschaftlich engagiert. Vielleicht arbeiten wir über das Rentenalter hinaus weiter. Manche von uns haben eine Migrationsgeschichte, manche leben in Familien, andere alleine, in größeren Gemeinschaften, in Ehen oder in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Wir haben das Glück, dass das Alter heute so bunt und vielfältig ist wie noch nie zuvor. Das muss sich aber auch endlich in den Altersbildern in unseren Köpfen niederschlagen.

Übermorgen, am 1. Oktober, ist der Internationale Tag der älteren Menschen, ein guter Anlass, um über die Frage nachzudenken: Was brauchen wir eigentlich, um im Alter selbstbestimmt leben und uns weiterhin aktiv in die Gesellschaft einbringen zu können? Die Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe und Selbstbestimmung ist natürlich eine solide finanzielle Absicherung. Deshalb müssen wir die gesetzliche Rentenversicherung stabilisieren und eine Garantierente einführen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Aber bei Partizipation und Selbstbestimmung geht es natürlich nicht nur um finanzielle Ressourcen. Es geht auch um die Möglichkeit, die ganz individuellen Vorstellungen von einem guten Leben im Alter umzusetzen. Ich wünsche mir, so lange wie möglich in meiner eigenen Wohnung zu bleiben. Wählen zu können, wo und wie ich wohne, ist Grundlage meiner Selbstbestimmung.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Ursula Schulte [SPD])

Damit ich aber in meinen eigenen vier Wänden alt werden kann, muss meine Wohnung barrierearm oder am besten sogar barrierefrei sein. Ich brauche eine Wohnung ohne Türschwellen, in der Dusche sollte es stabile Griffe geben, und ich wünsche mir einen ebenerdigen Zugang zu meiner Haustür. Zum guten Leben im Alter gehört aber auch, dass ich mich in meinem vertrauten Viertel fortbewegen und in der Gemeinschaft einbringen kann. Ich möchte den Supermarkt und meine Hausärztin gut zu Fuß erreichen können, ohne Stufen zu überwinden. Auf dem Weg zur Bushaltestelle gibt es eine Bank, auf der ich mich ausruhen kann, und ich wünsche mir Orte, an denen ich meine Nachbarn treffen und mit ihnen in Austausch gehen kann.

Natürlich möchte ich im Alter auch mal raus aus meinem Quartier. Dafür brauche ich ein gut ausgebautes Nahverkehrsnetz mit Rampen, Rolltreppen und Aufzügen an allen Haltestellen und Bahnhöfen. Selbstverständlich müssen die Fahrkartenautomaten leicht für mich zu bedienen sein.

Und schließlich: Wenn ich eines Tages auf pflegerische Unterstützung angewiesen bin, soll das nicht über meinen Kopf hinweg geschehen. Ich will selber entscheiden, wie und von wem ich gepflegt werde, und wenn ich das nicht mehr kann, sollen meine Familie und meine Freunde Sprachrohr für mich sein.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Damit alle Menschen im Alter gut leben können, brauchen wir eine grüne politische Strategie des aktiven Alterns. Wir wollen altersgerechtes und barrierefreies Wohnen stärker als bisher fördern. Dazu muss das Programm „Altersgerecht Umbauen“ der Kreditanstalt für Wiederaufbau finanziell so ausgestattet werden, dass es dem tatsächlichen Bedarf entspricht.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Wir möchten zudem einen Bewegungsfreiheitsbonus einführen, der den Abbau von Barrieren auch im Wohn­umfeld finanziell unterstützt.

Mit unserem Programm „Lotsen-, Informations- und Vernetzungsbüros – LIVE“ fördern wir das Quartier als Keimzelle des Zusammenlebens.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Die LIVE-Büros informieren über altersgerechtes Wohnen, Weiterbildungsangebote, Pflege und soziale Sicherung sowie Engagementmöglichkeiten. Außerdem sind die LIVE-Büros ein Begegnungsort, der aktive Partizipation älterer Menschen ermöglicht. Man kann dort über Umbaumaßnahmen im Viertel diskutieren oder gemeinsame Lösungen für lokale andere Probleme finden. Und wir wollen das Nahverkehrsangebot in Städten und auf dem Land ausbauen und barrierefrei gestalten. So ermöglichen wir es älteren Menschen, auch ohne eigenes Auto selbstbestimmt mobil zu sein. Wir wollen das Recht auf Selbstbestimmung auch denjenigen garantieren, die beeinträchtigt sind. Pflegebedürftige haben einen Anspruch auf individuelles Fallmanagement und ein Pflegebudget. Damit können sich die Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen ihre Leistungen nach individuellen Wünschen und Bedürfnissen zusammenstellen. Ganz wichtig: Diejenigen, die uns pflegen, sollen für ihre anspruchsvolle Arbeit angemessen entlohnt werden.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Wenn wir heute an den zentralen Stellschrauben drehen – altersgerechtes Wohnen, Partizipationsmöglichkeiten im Quartier, barrierefreier ÖPNV und individuelle pflegerische Unterstützung –, können wir im Alter selbstbestimmt und aktiv leben. Dann werden wir Babyboomer und die Generationen nach uns glückliche Alte sein.

Vielen Dank.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

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