Bundestagsrede von Kai Gehring 22.09.2016

Deutsch-indische Bildungs- und Wissenschaftskooperation

Kai Gehring (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Der internationale Austausch in der Wissenschaft ist eine wichtige Triebfeder für gesellschaftlichen Fortschritt. Deutschland unterhält mit vielen Ländern gute wissenschaftliche Beziehungen – diejenigen mit Indien liegen uns besonders am Herzen; denn die Voraussetzungen, mit der größten Demokratie weltweit in der Wissenschafts- und Bildungspolitik auf Augenhöhe zu kooperieren, sind deutlich besser als mit Staaten, in denen Wissenschaftsfreiheit sowie Meinungs- und Pressefreiheit unter Druck stehen oder unterdrückt werden.

Das Interesse an mehr Kooperation in Bildung und Forschung ist riesengroß. Das machen uns unsere indischen Gesprächspartner der letzten Monate und Jahre immer wieder deutlich – und das beruht auf Gegenseitigkeit. Wir wollen diesen vertrauensvollen Austausch auf Augenhöhe fortsetzen und weiter intensivieren. Es war gut, dass wir als grüne Bundestagsfraktion gemeinsam mit Union und SPD diesen Antrag und konkrete Schritte für mehr Kooperation in Bildung, Wissenschaft und Forschung auf den Weg gebracht haben.

Deutschland möchte ein verlässlicher Partner Indiens sein. Unsere gemeinsamen Forderungen müssen nun im Haushalt 2017 ihren Niederschlag finden. Das ist bisher nicht der Fall, und das macht mir Sorgen. Ich erwarte von Union und SPD, dass wir den gemeinsamen interfraktionellen Antrag auch umsetzen: angefangen von der besseren räumlichen Ausstattung der Deutschen Schule New Delhi, der nachhaltigen Finanzierung des Deutschen Innovationshauses in Neu Delhi bis hin zu einem intensiveren Austausch von deutschen und indischen Studierenden und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Unseren Worten müssen jetzt Taten im Haushaltsverfahren folgen.

Nicht vergessen sollten wir die Unterstützung der Geisteswissenschaften. Der weitere Ausbau des deutsch-indischen „Maria Sibylla Merian – R. Tagore International Centre for Advanced Studies in the Humanities and Social Sciences“ ist sinnvoll und muss erfolgen. Dieses Zentrum ermöglicht interdisziplinären Austausch und bringt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus unterschiedlichen Ländern zusammen. Wir brauchen nicht nur Austausch und Zusammenarbeit für Hightech- und Spitzenforschung, sondern müssen auch soziale Innovationen und geisteswissenschaftliche Diskurse voranbringen.

Innovation ist keine reine Frage der Technik oder naturwissenschaftlicher Gesetze. Die großen Herausforderungen kennen keine Grenzen zwischen den Wissenschaftsdisziplinen, sondern erfordern interdisziplinäre Brückenschläge. Die Menschen wollen mitgenommen werden in die „neue Welt“. Darum sind geisteswissenschaftliche Perspektiven so wichtig, um Innovations- und Wandlungsprozesse zu gestalten. Das sollte in Zukunft ein Punkt sein, der noch stärker in der deutschen Außenwissenschaftspolitik beachtet werden muss.

Wir wollen Indien bei seinen großen Herausforderungen unterstützen, wie zum Beispiel im Bereich der erneuerbaren Energien und der Energiewende heraus aus fossilen und nuklearen Techniken. Über 300 Millionen Menschen in Indien haben keinen zuverlässigen Zugang zu Strom. Das wäre so, als wenn in den gesamten USA das Licht ausginge. Gegen die Energiearmut setzt Indien leider vor allem auf Kohle- und Atomkraft – obwohl das mehr Smog und Treibhausgase sowie Sicherheitsrisiken und ungelöste Endlagerung nach sich zieht. Umso erfreulicher ist, dass die indische Regierung zunehmend auf erneuerbare Energien setzt. Deutschland hat bereits einen bedeutenden Anteil an erneuerbaren. Unsere Erfahrungen mit der Energiewende und mit verantwortlicher Energieforschung teilen wir gerne.

Eine weitere Herausforderung sind neue Jobs. Pro Jahr kommen 12 bis 13 Millionen Jugendliche zusätzlich auf den indischen Arbeitsmarkt. Um sie unterzubringen, kann das duale System unserer Berufsausbildung mit seiner Verknüpfung aus Theorie und Praxis einen Beitrag leisten – zumal es in Indien viele kleinste, kleine und mittlere Unternehmen gibt. Hierbei bringen wir, dem Wunsch der indischen Seite folgend, unsere Erfahrungen gerne weiter ein.

Erfreulich ist, dass sich der deutsch-indische Austausch von Studierenden sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern deutlich erweitert hat. Unter den internationalen Studierenden in Deutschland stellen Inderinnen und Inder die drittgrößte Gruppe. Wir sollten uns aber auch dafür einsetzen, dass mehr deutsche Studierende den Weg nach Indien gehen.

Schon jetzt sind zahlreiche Hochschulen sowie außer­universitäre Forschungseinrichtungen in Indien aktiv. Das Deutsche Wissenschafts- und Innovationshaus in Neu-Delhi, in dem alle großen deutschen Wissenschaftsorganisationen vertreten sind, ist eine sehr wichtige Adresse für den Austausch, dessen Finanzierung wir auch künftig sicherstellen wollen. Danke für diese Arbeit und auch an das Wirken der politischen Stiftungen! Sie zusammen machen eine hervorragende Arbeit als Flaggschiffe deutscher Außenwissenschaftspolitik und Wissenschaftsdiplomatie. Sie prägen zwischen Bengaluru und Delhi das Bild von Deutschland als Wissensnation.

Indien ist ein dynamisches und quirliges Land. Soziale Spaltung und Good Governance sind Probleme, die es zu bewältigen gilt. Es gibt aber Grund zum Optimismus: Das Land ist aufstrebend, bildungsaffin, wissbegierig, innovativ und mit immensen Potenzialen bei Technologie, Talenten und Kreativität. Sie bilden den fruchtbaren Boden für eine lebendige Zivilgesellschaft. Vielfalt und Mehrsprachigkeit in Indien fördern kreatives Denken und selbstbewusste Bürgerschaft. Dieser Weg wird sich langfristig als erfolgreich erweisen und macht den Austausch auch in der Außenwissenschaftspolitik umso wertvoller.

Wir wollen die deutsch-indischen Kooperationen in Bildung und Forschung ausbauen. Gemeinsam sind unsere beiden Demokratien stärker, Lösungen für die soziale und ökologische Modernisierung unserer Welt zu finden und zu etablieren. Auf die weitere vertiefte Zusammenarbeit freut sich die übergroße Mehrheit des Bundestages.

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