Bundestagsrede von Kordula Schulz-Asche 30.09.2016

Antibiotika-Resistenzen vermindern 

Kordula Schulz-Asche (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Ich stimme mit all meinen Vorrednern überein, dass Antibiotikaresistenzen weltweit zu einer ernsten Bedrohung für die Menschen geworden sind. Ein Grund für diese Bedrohung ist der leichtfertige Einsatz von Antibiotika auch in der Tierhaltung, vor allem in der Massentierhaltung.

Ich habe Ihnen genau zugehört, Herr Minister Schmidt. Sie haben im Hinblick auf die Maßnahmen, die Sie bei den Reserveantibiotika planen, von erhöhter Wahrnehmung gesprochen. Ich fordere Sie auf, endlich dafür zu sorgen, dass Reserveantibiotika kranken, armen, alten Menschen, die keine Widerstandskräfte haben, vorbehalten bleiben und ihr Einsatz in der Tierzucht endlich verboten wird.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)

Die Weltgesundheitsorganisation spricht von der Gefahr eines postantibiotischen Zeitalters. Wir laufen Gefahr, in die Zeit vor Entdeckung des Penicillins zurückzufallen. Das heißt, dass Menschen in Zukunft – vielleicht schon bald, in naher Zukunft – sogar an leichten Infektionen sterben werden. Das dürfen wir nicht zulassen. Deswegen müssen jetzt endlich Maßnahmen ergriffen werden, die zu einer tatsächlichen Reduzierung führen. Das ist in dem Antrag, den Sie uns vorgelegt haben, leider nicht enthalten.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Kathrin Vogler [DIE LINKE])

Wir haben glücklicherweise inzwischen auf internationaler Ebene – ich nenne zum Beispiel die G 7 – Maßnahmen vereinbart. Auch in der Deutschen Antibiotika-Resistenzstrategie sind zunehmend Verbesserungen zu sehen. Letztendlich sehen wir aber auch an Ihrem Antrag, dass dieser ganze Bereich in Deutschland nach wie vor unvollständig und ungenau geregelt und unterfinanziert ist. Das muss sich ändern. Sonst kommen wir bei diesem Thema nicht voran.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Lassen Sie mich das an einem ganz kleinen, aber sehr wesentlichen Beispiel deutlich machen: Wenn wir von einer Minimierung des Einsatzes sprechen, dann müssen wir doch auch über die Reduktionsziele sprechen, die erreicht werden sollen. Leider kann ich in Ihrem Antrag nichts darüber finden. Es wäre doch das Mindeste, zu sagen, bis wohin man kommen möchte, wenn man gemeinsame Anstrengungen unternimmt.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)

Das wird in der Rede, die mein Kollege Ostendorff dazu halten wird, auch noch einmal Thema sein.

Was ist jetzt eigentlich zu tun? Wir brauchen eine verbesserte Aufklärung der Bevölkerung. Umfragen zeigen, dass die Hälfte der Bevölkerung gar nicht weiß, gegen welche Erreger Antibiotika helfen. In Frankreich ist es mit einer Massenkampagne über einen längeren Zeitraum gelungen, den Antibiotikaeinsatz um ein Drittel zu reduzieren. Warum steht das nicht in Ihrem Antrag und in Ihrer Strategie? Warum vernachlässigen Sie diesen Bereich?

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)

Die meisten Verschreibungen in der Humanmedizin erfolgen in den ärztlichen Praxen. 80 Prozent der Antibiotika werden in Praxen verschrieben. Wir wissen zum Beispiel nicht genau, warum es regionale Unterschiede gibt, aber wir wissen, dass es an Diagnostik und an einem Feedback zur Verschreibungspraxis unter den Ärzten fehlt. Aus anderen europäischen Ländern wissen wir, dass ein Feedback zur Verschreibungspraxis unter den Ärzten dazu führen kann, dass die Antibiotikaverschreibung um bis zu 50 Prozent reduziert werden kann. Warum steht das nicht in Ihrer Strategie, die Sie uns hier heute vorlegen?

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Meine Damen und Herren, viele Menschen, die ins Krankenhaus oder Heim kommen, haben Angst vor einer Übertragung von multiresistenten Keimen. Wir haben das Problem, dass in Krankenhäusern und Heimen kein vernünftiges Screening bei der Aufnahme oder davor stattfindet. Daneben haben wir das weitere Problem, dass natürlich vor allem die Belastung des Pflegepersonals in diesen Einrichtungen wesentlich dazu beiträgt, dass diese multiresistenten Keime übertragen werden. Deswegen brauchen wir endlich Personalbemessungsinstrumente, die sicherstellen, dass genug Zeit für die Pflege von Patienten zur Verfügung steht und dass die Belastung nicht so hoch ist, dass hier besondere Risiken entstehen.

Darüber hinaus brauchen wir sofort Mindeststandards für bestimmte Stationen, nämlich für Intensivstationen und für die Kinderintensivmedizin, weil dort die schwächsten Patienten liegen, die am meisten von diesen Infektionen bedroht sind. Wenn Sie sich ansehen, dass das Verhältnis zwischen Pflegepersonen und Patienten auf Intensivstationen in den Niederlanden eins zu eins, während es in Deutschland eins zu vier beträgt, dann sehen Sie doch den Handlungsbedarf, den wir hier haben. Wir brauchen sofort Mindeststandards für die Intensiv- und die Kinderintensivmedizin.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)

Seit den 70er-Jahren ist im Bereich „Forschung und Entwicklung von Antibiotika“ nicht viel passiert. Das ist sicher einer der Gründe dafür, dass es so viele Antibiotikaresistenzen gibt. Es gab sehr viele Antibiotika auf dem Markt, bei denen der Patentschutz abgelaufen war, und Reserveantibiotika, die in der Regel zurückgehalten werden sollen, um bei einer Resistenzentwicklung eingesetzt werden zu können. Deren Einsatz hat dazu geführt, dass wir im Moment nur noch wenige Reserveantibiotika haben – eigentlich ist es nur noch eines, das wirklich gegen alle Keime hilft –, und es wurden noch keine neuen Wege gefunden, wie wir in Zukunft mit Infektionen umgehen können. – Das ist der Forschungszustand heute.

Ich finde, dass sich sowohl die Pharmaindustrie als auch die öffentliche Forschung so starkmachen müssen, dass wir auf internationaler Ebene zusammenarbeiten können; denn wir brauchen neue Antibiotika und neue Stoffe, die gegen diese Erreger helfen. Deswegen müssen wir alle zusammenarbeiten. Aus diesem Grund schlagen wir vor, einen internationalen sehr transparenten Fonds einzurichten, in dem die öffentlichen und privaten Mittel für die Forschung zusammengefasst werden. Natürlich muss auch Deutschland hier einen Beitrag leisten.

All diese Punkte kommen bei Ihnen einfach nicht richtig vor, und sie sind nicht richtig finanziert. Das müssen wir ganz schnell ändern.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Meine Damen und Herren, ich komme zum Schluss. Für mich heißt das Zauberwort „Zusammenarbeit zwischen den Gesundheitsberufen“: von der internationalen Ebene bis runter auf die lokale Ebene des Rettungsdienstes und des Gesundheitsamtes. Wir dürfen bei dem Thema Antibiotikaresistenzen nicht mehr kleckern, sondern wir müssen klotzen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

4400692