Bundestagsrede von Kai Gehring 26.01.2017

Forschung zur Biodiversität

Kai Gehring (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Wenige Monate vor dem Ende dieser Wahlperiode bringen die Koalitionsfraktionen heute einen Antrag zum Schutz der Biodiversität und zum Ausbau taxonomischer Forschung zur erstmaligen Beratung ein.

Mit fällt auf, dass sich dieser Antrag einreiht in eine Sammlung forschungspolitischer Schaufensteranträge, die Sie kurz vor Ende Ihrer Regierungszeit quasi an sich selbst richten. Es stellt sich die Frage, warum Sie diese Themen nicht früher angegangen sind und was Sie davon tatsächlich noch umsetzen können.

Dies vorausgeschickt, kann ich mich vielen Ihrer Forderungen zum Schutz der biologischen Vielfalt im Allgemeinen und nach mehr Forscherinnen und Forschern zur Erfassung der Artenvielfalt im Besonderen anschließen. Es reicht allerdings überhaupt nicht aus, den Artenrückgang nur besser erfassen zu wollen.

Tagtäglich sterben Arten aus, tagtäglich verlieren wir durch Umweltzerstörung, Klimakrise und durch Eingriffe des Menschen in die Natur an Biodiversität – weltweit wie hierzulande. Millionen von Arten sind noch unentdeckt, viele von ihnen werden ausgerottet, bevor sie überhaupt bekannt werden. Große Ökosysteme wie die Tiefsee, der Boden oder das Grundwasser sind noch weitgehend unerforscht. Es gilt, neben dem Ausbau der Forschung eine aktive und ambitionierte Umwelt- und Naturschutzpolitik zu betreiben, die dem Artenrückgang entgegenwirkt.

In der Biodiversitätspolitik hat diese Bundesregierung nichts vorzuweisen, und das lässt Ihren Antrag umso schwächer und substanzloser erscheinen.

Die Wichtigkeit der Taxonomie als grundlegende Wissenschaft für die Lebenswissenschaften, von der Biodiversitätsforschung über die Wirkstoffforschung bis hin zur Infektionsmedizin, die wir ja heute unter TOP 24 ebenfalls beraten, ist unbestritten.

Valide Forschungsdaten sind neben dem unmittelbaren wissenschaftlichen Nutzen auch Voraussetzung zukunftsorientierter Politik. Die Weiterentwicklung der Taxonomie in Deutschland wie auch international sollten wir deshalb als Teil einer auf Nachhaltigkeit setzenden Forschungspolitik begreifen und entsprechend fördern.

Dies gilt auch für verwandte Forschungsbereiche: Um beispielsweise die Folgen der Klimakrise zu bewältigen, müssen Anpassungsstrategien von Ökosystemen, Lebensräumen und Arten erforscht werden. Dieses transformative Wissen über Resilienz wird für politische Weichenstellungen dringend gebraucht.

Die nachhaltige Ausrichtung unseres Forschungs- und Wissenschaftssystems auf die großen gesellschaftlichen Herausforderungen bleibt unsere zentrale Aufgabe. Das beginnt bei den Perspektiven des wissenschaftlichen Nachwuchses, der bei der Taxonomie wegzubrechen droht. Gerade hier lassen sich die Folgen einer einseitigen, auf kurzfristige wirtschaftliche Verwertbarkeit ausgerichteten Politik eindrucksvoll beobachten: Durch den signifikante Abbau von Lehrstühlen wurden die entsprechende Forschungslandschaft und insbesondere die Grundlagenforschung in Deutschland ausgetrocknet. Diese fatale Entwicklung gilt es umzukehren.

Einen besonderen Schatz im Bereich der Biodiversitätsforschung stellen die Sammlungen wie auch die Forschungsmuseen, etwa das Naturkundemuseum „nebenan“ hier in Berlin und die drei Museen der Leibniz-Gemeinschaft, dar. Der Verlust von Sammlungen wäre ein Verlust von Wissen, da jeweils große Teile der Sammlungen unwiederbringlich sind. Es kommt darauf an, das vorhandene Wissen zu bewahren und zu erweitern.

Wir sollten auf die lange Tradition der Naturforschung aufbauen und die interessierte Zivilgesellschaft daran systematisch beteiligen. Erinnert sei an dieser Stelle an die Insektenforscherin und Künstlerin Maria Sibylla Merian, die sich schon vor über 300 Jahren international und interdisziplinär vernetzte. Die Aufzeichnung von Naturbeobachtungen vor Ort wird heute auch unter dem Stichwort Bürgerwissenschaften bzw. Citizen Science zusammengefasst. Ereignisse wie das Insektensterben haben viele private Initiativen zum Schutz der biologischen Vielfalt angeregt. Projekte der „Bildung für Nachhaltige Entwicklung“ und ökologische Freiwilligendienste setzen sich für den Erhalt von natürlichen Lebensräumen ein – sie fehlen in Ihrem Antrag völlig. Diese Formen zivilgesellschaftlichen Engagements von Menschen aus unterschiedlichen Generationen gilt es zu würdigen und einzubeziehen.

Wichtig bleibt jedoch, festzuhalten, dass weder das Ehrenamt noch außeruniversitäre Forschung ein regelmäßiges nationales Monitoring und die integrierte Forschung und Ausbildung an den Universitäten ersetzen können. Die Hochschulen müssen in die Lage versetzt werden, Forschung und Lehre auf der Höhe der Zeit zu leisten, moderne Methoden zu nutzen und Forschungsergebnisse einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Hier müssen Bund und Länder gemeinsam tätig werden, bevor noch mehr Wissen und Infrastrukturen verloren gehen.

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