Bundestagsrede von Kai Gehring 26.01.2017

Nationale Forschung zu Infektionskrankheiten

Kai Gehring (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Krankheitserreger, gegen die keine Antibiotika mehr wirken, sind eine zunehmende Gefahr für die menschliche Gesundheit. Sie sind zugleich eine drängende Herausforderung für die Forschung. Denn Antibiotikaresistenzen nehmen weltweit zu, und alte Wirkstoffe stoßen an ihre Grenzen.

Viele forschende Arzneimittelhersteller haben sich in der Vergangenheit aus der Antibiotikaforschung zurückgezogen, weil andere Bereiche lukrativer schienen. Dieses Marktversagen führte zu einer Forschungslücke. Der Nachschub an neuen Entwicklungen in der Forschungspipeline versiegt. Im Antrag der Koalition wird richtigerweise darauf hingewiesen, dass die in den letzten Jahren neu auf den Markt gekommenen Produkte letztlich nur „Me-Too-Präparate“ sind, also Medikamente ohne echten Zusatznutzen.

In der Problemanalyse liegen wir also nah beieinander. Nun ist aber die Frage, was kluge Forschungsförderansätze sind, die helfen, das Problem nachhaltig in den Griff zu bekommen. Und da ist es zu wenig, vor allem auf mehr Kooperation zwischen Unternehmen und öffentlich geförderten Forschungseinrichtungen zu setzen und eine „Nationale Wirkstoffinitiative“ auszurufen.

Ihre Vorschläge sind vor allem zu wenig innovativ. Sie ducken sich zum Beispiel weg bei der doch auf der Hand liegenden Frage: Was können wir eigentlich konkret lernen aus der Diskussion um das Marktversagen bei den „vernachlässigten Krankheiten“ für die Antibiotikaforschungsförderung? Denn die Ausgangslage ist doch eine ähnliche: Auch der Markt der „vernachlässigten Krankheiten“ ist für „Big Pharma“ zu wenig finanziell attraktiv, sodass es an Forschung und Entwicklung mangelt. Deshalb setzt das BMBF beispielsweise auf Produktentwicklungspartnerschaften. Auch andere Instrumente wie Knowledge Sharing oder die Entkoppelung von Entwicklungskosten und Produktpreis werden diskutiert und wären lohnenswert, auf ihr Potenzial für die Antibiotikaforschung übertragen zu werden. Da zeigt sich der Antrag aber leider ideenarm.

Ich vermisse auch, dass ein Instrument, welches in der internationalen Diskussion viel debattiert wird, nämlich das eines globalen Antibiotikaforschungsfonds, von Ihnen mit keiner Silbe erwähnt wird. Was geben Sie der Bundesregierung in den kommenden G-7- und G-20-Prozessen zu diesem Ansatz auf den Weg? Dazu schweigt der Antrag und vergibt hier die Chance, die Debatte voranzutreiben.

Klar ist auch: Selbst wenn Maßnahmen aus dem Koalitionsantrag die Pharmaindustrie beflügelten, neue Entwicklungen auf den Markt zu bringen – bis wir tatsächlich über diese neuen, dringend benötigten Medikamente verfügen, werden noch Jahre vergehen. Deshalb ist es wichtig, seitens der Forschung auch Lösungsansätze jenseits der Pharmazie in den Blick zu nehmen, die schneller Wirkung entfalten können.

Dazu gehört, sich anzuschauen, welche Gründe für die zunehmenden Antibiotikaresistenzen bestehen und wie Prävention möglich ist. Das baden-württembergische Wissenschaftsressort zum Beispiel fördert ein Verbundprojekt der drei Universitätsklinika Tübingen, Freiburg und Heidelberg, das mögliche Wege einer Übertragung von antibiotikaresistenten Bakterien vom Tier auf den Menschen untersucht, und zwar vor allem durch den Verzehr von Fleisch. Solche Fragestellungen helfen weiter, weil sie eines Tages Ideen zur Ursachenbekämpfung liefern können.

Auf einigen Gebieten mangelt es allerdings gar nicht so sehr an Erkenntnissen, sondern wir haben es mit Umsetzungsdefiziten zu tun. So ist es der verbreitete Einsatz von Antibiotika in der Landwirtschaft, die dann über die Nahrungskette und nicht zuletzt über das Trinkwasser von uns Menschen aufgenommen werden.

Ebenfalls wichtig sind Hygiene-Standards, übrigens nicht nur im Krankenhaus, sondern auch in Pflegeheimen oder in den Rettungswagen. Personalschlüssel an besonders vulnerablen Orten wie Intensivstationen oder Frühchenstationen oder auch das Screening von Risikopatienten sind weitere wichtige Ansatzpunkte.

Die Beispiele zeigen: Es sind nicht allein die pharmazeutischen Antworten, die uns weiterbringen können. Vielmehr muss Gesundheitsforschung auch Perspektiven integrieren, die auf soziale Innovationen und transdiszi­plinäre Forschung abzielen, beispielsweise um Prozessabläufe in der Krankenversorgung besser zu organisieren. Bei all diesen Baustellen erwarten wir, dass die Koalition in und über die Wirkstoffinitiative hinaus aktiv wird, um Infektionskrankheiten wirksam einzudämmen.

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