Bundestagsrede von Özcan Mutlu 19.01.2017

Sportbericht der Bundesregierung

Özcan Mutlu (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Zunächst einmal zu Ihnen, liebe Kollegin Engelmeier: Ihre Bundesregierung

(Michaela Engelmeier [SPD]: Ich bin nicht die Bundesregierung!)

wollte 2013 „Jugend trainiert für Olympia“ und „Jugend trainiert für Paralympics“ streichen. Dank des Drucks von unten, vieler, vieler engagierter Menschen und auch der Opposition wurde dieser Ansatz wieder in den Haushalt aufgenommen.

(Jeannine Pflugradt [SPD]: Das ist unwahr!)

So viel zur Wahrheit.

Vizepräsident Johannes Singhammer:

Herr Kollege Mutlu, dürfte ich Sie bitten, das Sakko zuzuknöpfen, damit die Aufschrift auf Ihrem Oberteil nicht zu sehen ist?

Özcan Mutlu (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Ja, das habe ich schon gemacht, Herr Präsident. Das sollte zwar möglich sein; aber ich erfülle Ihnen diesen Gefallen gerne, weil es der Hausordnung entspricht.

Fast die Hälfte der Bundesbürgerinnen und Bundesbürger treibt regelmäßig Sport. Etwa 27 Millionen Menschen sind in unserem Land in Sportvereinen organisiert. Es gibt über 90 000 Sportvereine, in denen sich Tausende Menschen ehrenamtlich engagieren. Sport trägt zu einem guten Miteinander bei und stärkt den Zusammenhalt in der Gesellschaft.

Nichts bringt Menschen unabhängig von Herkunft, Kultur, Sprache und Religion so erfolgreich zusammen wie der Sport. Der Sport hat eine große integrative und inklusive Kraft. Diese ist für unsere Gesellschaft besonders in schwierigen Zeiten wie diesen von unschätzbarer Bedeutung.

Diesen Schatz müssen wir durch eine gute und zeitgemäße Sportpolitik bewahren. An dieser Stelle möchte ich mich bei den vielen Sportvereinen und den Tausenden Ehrenamtlichen bedanken, die sich tagein, tagaus für unsere Gesellschaft engagieren und ein tolles Engagement für die Integration der vielen geflüchteten Menschen gezeigt haben.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN und des Abg. Eberhard Gienger [CDU/CSU])

Meine Damen und Herren, in Zeiten, in denen Gigantismus, Korruption, Betrug, Doping und reines Gewinnstreben im Sport und besonders im Spitzensport unvorstellbare Ausmaße annehmen, wird aber auch deutlich: Der Sport hat tiefgreifende Probleme. Oft sind es die Sportfunktionäre und die Sportverbände selbst, die die Ideale des Sports opfern und verraten.

Von guter Sportpolitik erwarten wir hingegen, dass sie den Sport und die Verbände dabei unterstützt, die genannten Probleme anzugehen und zu lösen. Wir Grüne sprechen uns ohne Frage auch für die Autonomie des Sports aus, doch an der Stelle, an der bei der Vergabe von Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen die Gewinnmaximierung vor Menschen- und Bürgerrechten steht, die Medaillenmaximierung wichtiger als Dopingprävention und Gesundheit ist, Individualinteressen vor Good Governance, Integrität und Fairness stehen, sagen wir Nein und ziehen die rote Karte.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Wenn die Strukturen des Sports versagen, müssen wir als Politik reagieren und klare Zeichen setzen. Wir Grüne haben mit unserer Drucksache 18/3556 unser Konzept für eine nachhaltige Sportpolitik im Deutschen Bundestag vorgelegt. Gute Sportpolitik signalisiert nämlich den Sportverbänden, dass wir nicht einverstanden sind, wenn Sportgroßveranstaltungen an Länder vergeben werden, in denen die Regime die Menschenrechte mit Füßen treten, oder wenn dadurch die Natur oder die Umwelt zerstört werden. Wir brauchen klare und verbindliche Regeln für Sportgroßveranstaltungen, damit die Einhaltung von Menschen- und Bürgerrechten sichergestellt ist und damit Umweltstandards als harte Vergabekriterien nicht übergangen werden können.

Hierbei sind natürlich die Verbände, aber auch die Politik gefordert. Wir brauchen Verbandsstrukturen, die Intransparenz, Korruption und Betrug nachhaltig bekämpfen und verhindern. Zugleich brauchen wir endlich ein weltweit funktionierendes Antidopingsystem.

Hierzu möchte ich anmerken, dass Sie – damit meine ich die Große Koalition und auch den Sportminister – mit der geplanten Spitzensportreform, die nur auf Medaillen und Finalplätze abzielt, genau das gegenteilige Signal insbesondere beim Doping senden.

Der Sportphilosoph Professor Dr. Gunter Gebauer hat in der Ausschussanhörung zum Thema gesagt – ich zitiere mit Ihrer Erlaubnis, Herr Präsident –: Wir laufen Gefahr, uns in einer unerfreulichen Nachbarschaft wiederzufinden. – Er hat recht: siehe Russland, siehe Staatsdoping in Russland.

Wir sagen: Mit der geplanten Spitzensportreform schaden Sie dem deutschen Spitzensport mehr, als Sie ihm helfen. So lautet auch die breite Kritik der Expertinnen und Experten, der Athletinnen und Athleten, der Trainerinnen und Trainer. Der Breitensport, auch wenn er hier in Reden genannt worden ist, existiert für Sie überhaupt nicht. Gute Sportpolitik aber führt eine breite gesellschaftliche Debatte um gemeinsame Ziele, um gemeinsame und verbindliche Maßnahmen für eine langfristig ausgerichtete moderne Entwicklung des Spitzensports und des Breitensports. Sie vernachlässigt den Breitensport nicht.

Das, meine Damen und Herren, passiert bei Ihnen nicht. Wir sagen: Da muss mehr gemacht werden. Gute Sportpolitik ist eben auch Integration und Inklusion, Jugendschutz und Ehrenamt, Umweltschutz, Gesundheitsförderung und der Schutz von Menschenrechten. Hierbei müssen wir gemeinsam mit dem Sport diese Aufgabe annehmen.

Ich möchte an Sie alle appellieren: Im Sportbericht der Bundesregierung sind viele richtige Ansätze enthalten. Setzen wir uns gemeinsam dafür ein und ziehen wir die richtigen Schlüsse daraus, damit wir nicht jedes Jahr bzw. bei jeder Präsentation eines Sportsberichtes hier stehen und die Missstände beklagen müssen. Nicht Klagen, sondern Taten sind gefordert.

Danke sehr.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

4401914