Bundestagsrede von Cem Özdemir 02.06.2017

Regional- oder Minderheitensprachen

Cem Özdemir (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! In unserem Land gibt es mehrere Minderheitensprachen: Dänisch in drei Varianten in Schleswig-Holstein, Obersorbisch in Sachsen, Niedersorbisch in Brandenburg, Nordfriesisch in Schleswig-Holstein, Saterfriesisch in Niedersachsen, Romanes und schließlich die Regionalsprache Niederdeutsch oder Platt unter anderem in Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und im Deutschen Bundestag.

(Heiterkeit und Beifall bei Abgeordneten im ganzen Hause)

Um es klar zu sagen: Keine dieser Sprachen ist eine ausländische Sprache. Sie sind Teil unseres Kulturerbes und damit einheimische Sprachen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD und der LINKEN)

Deshalb muss man die Übergriffe beispielsweise gegenüber der sorbischen Bevölkerung in Form von Übermalen sorbischer Ortsschilder, Hassgruppen auf Facebook, gewalttätigen Attacken rechter Schläger auf sorbische Jugendliche deutlich ansprechen und unmissverständlich verurteilen.

(Beifall im ganzen Hause)

Das sorbische Leben in der Lausitz ist seit dem frühen Mittelalter, also seit über 1 400 Jahren, belegt, viel länger als jede deutsche Präsenz in diesen Landstrichen. Deshalb ist es absolut widerlich, wenn Angehörige dieser Volksgruppe nun in ihrem eigenen Land von Rassisten als Fremde angefeindet werden. Auch das darf niemanden von uns kaltlassen.

(Beifall im ganzen Hause)

Mich freut es sehr, dass hier alle große Anhänger der Sorben sind. Dann können wir diese Debatte doch gleich zum Anlass nehmen, für die letzten Dörfer der Sorben in der Niederlausitz, die gerade vom Tagebau bedroht sind, etwas zu tun und zu sagen: Diese Dörfer erhalten wir. – Denn das Dorf kann man nicht von der Sprache trennen, meine Damen und Herren.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)

Genauso wenig wegschauen dürfen wir beim Antiziganismus in unserem Land, bei der Diskriminierung beim Wohnen, bei Bildung, Arbeit und Gesundheit. Auch da gib es schon lange die Forderung, dass wir, so ähnlich wie beim Antisemitismus, einen unabhängigen Expertenkreis einsetzen, der sich mit dem Antiziganismus beschäftigt. Ich will lobend erwähnen, dass das Land Baden-Württemberg, mein Heimatland, mit den Roma und Sinti einen Staatsvertrag geschlossen hat, in dem auch drinsteht, dass es die gemeinsame Heimat ist.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD und der LINKEN)

Das gibt mir, wenn Sie gestatten, die Gelegenheit, einen persönlichen Bezug in die Debatte einzubringen und den zweiten Teil meiner Rede in einer meiner zwei Muttersprachen fortzusetzen, nämlich auf Schwäbisch.

(Heiterkeit)

Im Gegensatz zu dem, was viele, wenn sie meinen Namen das erschte Mal hören, glaubet, waren die erschten Worte, die ich im Kreißsaal von Bad Urach im Herzen der Schwäbischen Alb gehört hab, keineswegs Türkisch;

(Dr. Johann Wadephul [CDU/CSU]: Können Sie das heute noch erinnern, Herr Kollege?)

denn meine Mutter war damals mit anderen Dingen beschäftigt, nämlich damit, mich auf die Welt zu bringen. Es waren schwäbische Worte, die ich das erschte Mal in meinem Leben im Kreißsaal der Stadt Bad Urach gehört hab. Ich gebe zu: Die Erinnerung verblasst im Alter etwas, wie das halt manchmal so isch.

(Heiterkeit)

Ich will das zum Anlass nehmen, zu sagen, dass der Richard Sennett uns nich umsonschd dran erinnert hat in seinem großartigen Buch Der flexible Mensch: Eine der unbeabsichtigten Folge’ vom moderne Kapitalismus, des isch die Sehnsucht der Menschen nach Verwurzelung. Deshalb koscht du Heimat doch gar ’et vom Dialekt ­trenne; des g’hert z’samme. Heimat und Dialekt, das ist ois für ons, und es wär gut, wenn m’r des älle miteinander so sehet und au unterstützet.

(Beifall im ganzen Hause)

Ich fend, ’s isch endlich Zeit, dass m’r aufheret mit dem Irrsinn – i hab des no erlebt in meiner Schul, von Lehrerinne’ und Lehrer und manchmal auch von Erwachsene –, dass m’r Kändr de Dialekt austreibe will. Des ­miass m’r stoppe! Kändr sollet Dialekt schwätze. Da fällt näam’rd en Zacke aus d’r Krone, liebe Kolleginnen und Kollege’.

(Beifall im ganzen Hause)

Ich will uns alle au ermutige’. Ich sag des au selbstkritisch. I ertapp mi doch selb’r d’rbei, dass i oft gnug omswitch, wie m’r heitzutag so schee sagt, auf des offizielle Deutsch. Es fällt au uns Politiker koin Zacke aus der Krone – na wer’n mer vielleicht au wieder besser verstande von die Leut –, wenn m’r so schwätzet, wie ons d’r Schnabel gewachse isch. Des schad’ ons net – ganz im Gegeteil, liebe Kolleginnen und Kollege’.

(Beifall im ganzen Hause)

I will a Brück baue zur andre Muttersprach, die i au hab: das Türkische. Mir hat das oglaublich g’holfe, zu sehe, dass au Deutsche a Problem hen mit ihrer Sproch, wenn sie vom Schwäbische ins Hochdeutsche ­rumswitche müsset. Meiner Mutter goht’s heit no so: Die hat a Mischung aus Schwäbisch und Türkisch. I woiß net, wie das g’nannt wird. Also, des schadet au nix, wenn m’r de Flüchtlinge helfet, dass se Deutsch lernet, aber gerne au, wenn se wellet, die Mundart lernet. Au des g’hert für mi zu r’a gute Integrationspolitik dazu.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)

Etzt will i eahne zum Schluss was sage, was no koiner hier g’sagt hat: Des isch au gut für d’Außepolitik. Wenn wir Regionalsprache, wenn wir Minderheitensprache pfleget, sin m’r doch viel glaubwürdiger, wenn m’r der Türkei saget: „Ganget anderschd om mit Kurdisch“, wenn m’r de Chinese saget: „Ganget anderschd om mit Uigurisch.“ – Du bischd glaubwürdig, wenn du des, was du de andere verzählscht, bei dir im eigene Land ­machschd. Also ganget m’r da mit gutem Beispiel voran.

I hab als Politiker noch en persönliche Grund, warum i Mundart klasse fend. Wenn i jetzt hier zum Beispiel en Kollege begrüße tät: „Ja, was machschd du alt’s Arschloch da?“ – Auf Schwäbisch isch des total nett.

(Heiterkeit bei Abgeordneten im ganzen Hause – Herbert Behrens [DIE LINKE]: Na ja!)

– Wirklich, wirklich! – Wenn i des etzt allerdings auf Hochdeutsch g’sagt hätt, hätt i a Rüge kriagt. Also, der Joschka Fischer hat damals einen Fehler gemacht. Der hätt’s auf Schwäbisch sage solle, dann wär nix passiert.

In diesem Sinne: Danke.

(Heiterkeit und Beifall im ganzen Hause)

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