Bundestagsrede von Özcan Mutlu 30.06.2017

Spitzensport

Özcan Mutlu (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Vier Jahre Sportpolitik im Bundestag gehen mit der heutigen Sitzung zu Ende. Ihre Große Koalition verhinderte vier Jahre lang, dass der Sportausschuss öffentlich tagt – als wären wir in einer geheimen Mission. Hier reichen wohlmeinende Worte nicht aus, liebe Michaela Engelmeier.

(Beifall bei der LINKEN)

Nach zwei Jahren Verhandlungen mit dem DOSB hinter verschlossenen Türen haben Sie uns kurz vor Ende der Legislaturperiode ein Konzept für eine Reform vorgelegt. Ziel Ihrer Reform sind deutlich mehr Medaillen. Sie wollen einen besseren Return of Investment – als wäre der Sport Teil der Marktwirtschaft, der Staat der Investor, die Athletinnen und Athleten die Medaillenproduzenten. Wir sagen: Das ist der falsche Ansatz.

(Beifall der Abg. Monika Lazar [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])

BMI und DOSB loben sich ja sehr gern immer gegenseitig dafür, wie stark die Zustimmung des Sports zum neuen Konzept ausfällt. Was sie dabei allerdings unterschlagen, ist, dass das BMI für die Zustimmung offenbar am Bundestag vorbei Geld in Aussicht gestellt hat, und zwar in Höhe von 39 Millionen Euro. Diese Information habe ich nicht vom Sportausschuss des Bundestages oder vom Bundestag, das wissen wir nur über die gegenseitigen Vorwürfe aus der Presse. Intransparenz lässt grüßen! Aber mit Intransparenz macht man keine Politik.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)

Eine öffentliche Debatte über den Spitzensport in Deutschland hat es bisher leider nicht gegeben. Das bestehende Spitzensportsystem wird mit Ihrer Reform nicht hinterfragt, nicht kritisiert oder gar verändert, sondern nur zementiert. PotAS-Kommission hin, Attribute her, ich frage mich, wie unsere Athletinnen und Athleten im Wettkampf mit Ländern wie Russland und China, deren Haltung zum Doping mehr als fragwürdig ist – ich sage nur: Staatsdoping in Russland –, sauber bleiben sollen, aber dennoch ein Drittel mehr Medaillen als diese Länder erreichen sollen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Darin liegt die Krux Ihrer Reform. Deutschland muss einen anderen Weg gehen und Vorbild sein.

Wir müssen uns um bessere Perspektiven für Athletinnen und Athleten kümmern; es reicht nicht, liebe Michaela, das einfach nach vier Jahren hier im Bundestag zu sagen. Vielmehr müssen wir uns kümmern und etwas tun. Handeln ist die oberste Prämisse.

(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Michaela Engelmeier [SPD]: Das tun wir!)

Wir brauchen bessere Arbeitsbedingungen und eine bessere Bezahlung der Trainerinnen und Trainer. Sie müssen mit den Athletinnen und Athleten im Mittelpunkt stehen.

Wir sagen: Spitzensport und Breitensport gehören zusammen. Ihre Priorität sind lediglich mehr Medaillen, und das ist falsch.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)

Wir brauchen mehr Prävention, bessere internationale Zusammenarbeit, Good Governance, klare Konsequenzen und eine unabhängige Anti-Doping-Arbeit. Die Stärkung der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA sowie der verschiedenen nationalen NADAs gehört dazu.

Wir brauchen zudem ein wirksames Whistle­blower-System gegen Doping, aber auch gegen Spielmanipulation.

Wir meinen: Die Sportverbände müssen sich endlich von ihren eingerosteten Strukturen und ihren korrupten Funktionären verabschieden.

(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der LINKEN)

Auch der WM-Skandal von 2006 ist immer noch nicht vollständig aufgeklärt. Dass hier parlamentarisch überhaupt darüber diskutiert worden ist, mussten wir als Opposition hart erkämpfen. Auch hierbei hat sich die ­GroKo, obwohl alles öffentlich diskutiert worden ist, vor der Öffentlichkeit gedrückt und den Sportausschuss in dieser Frage immer wieder nichtöffentlich tagen lassen. Ich frage mich, warum.

Herr Schröder, Sie haben das Stichwort „Sportgroßveranstaltungen“ bemüht. Dazu sage ich am Ende meiner Ausführungen ganz kurz: Die Bürgerinnen und Bürger in München und Hamburg haben Olympia eine Absage erteilt. Welche Schlüsse ziehen wir daraus? Was machen Sie damit? Dabei ist doch klar: Eine Reform ist auch hierbei bitter notwendig. Es braucht Naturschutz-, Bürger- und Menschenrechtsstandards als Voraussetzung für die Vergabe von Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften. Wir fordern: Bürgerbeteiligung von Anfang an, keine Knebelverträge und keine exorbitanten Kosten! Unseren Antrag dazu haben Sie drei Jahre im Ausschuss schmoren lassen und dann abgelehnt.

Summa summarum: Vier Jahre sind vergangen, und fast nichts hat sich bewegt. Man kann mit anderen Worten sagen: Außer Placebo nichts gewesen. – Und das verdient Sportdeutschland nicht.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN – Zuruf von der CDU/CSU: So ein Quatsch!)

4403907